Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 53 (31.12.1926)
- Date
- 1926-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN LELIGIONSHEMELNLE, LEIPZIG 2. Jahrgang einsetzte, erachtete es der „Ort" als seine Pflicht, im engsten Kontakt mit anderen großen jüdischen Organisationen wie Joint und lca mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln tatkraftig mitzuwirken und die Gründung neuer jüdischer Siedlungen in der Ukraine und in Weißrußland zu beschleunigen. Zehntausend jüdisdie Bauernfamilien in Rußland und in der Ukraine, fünftausend in Polen, Litauen und Beßarabien haben bis jetzt die landwirtschaftliche Hilfe des ..Ort" genossen. Um die Wiederaufbauarbeit rationell zu gestalten und finanziell sicherzustellen, wurde durch den Verband „Ort" der „JüdischeWiederaufbau-Fondr" (Jewish Recolstruction Fund) ins Leben gerufen, dessen Aufgabe die Sammlung von Mitteln zwecks rationeller Kreditgewährung an jüdisde Landwirte und Handwerker und die Gewährleistung einer strengen gesdiäftlidien Durchführung der betreffenden Transaktionen und pünktlichen Rückzahlung der verliehenen Gelder ist. — Von dem in Aussicht genommenen Kapital von 1 Million Dollar sind bis jetzt etwa 300 000 Dollar zur Verfügung gestellt worden. Mit Hilfe des Wiederaufbau»Fonds ist eine genossenschaftliche Einkaufs-Gesellschaft gegründet worden, die den (größtenteils in Deutschland erfolgenden) Einkauf und die Belieferung jüdischer Landwirte und Handwerker mit Werkzeugen und Rohmaterialien zur Aufgabe hat. Die geschäftlichen Operationen dieser Einkaufs*Gesellschaft werden in der Weise durchgeführt, daß das haupbächlich vom Wiederaufbau-Fonds zur Verfügung gestellie Grundkapital in ununterbrochenem Umlauf bleibt und die von den großen Industrie-Unternehmungen eingeräumten Kredite den Eigenbesitz der Geseilschalt bei weitem übertreffen, Da die Rohmaterialien und Werkzeuge nur in Form von Kredite n vergeben werden, ist die dauernde Autrediterhal'.nih, ditses Instituts gewährleistet. So baut der „Ort" auch den judischen I landwerk-'rs'aiij urch produktive Hilfeleistung wieder auf. Insgesamt hat der „Ort" bis jetzt etwa 5000 HandwerkerfainUien mit Produktionsmitteln versehen. Bedeutende Erfolge hat der „Ort" auch auf dem Gebiete der fachtechnischen Ausbildung der Juden erzielt. Zurzeit unterhält der „Ort" 65 Hand werker schulen mit 110 Lehrwerkstätten, in denen etwa 5600 jüdische jugendliche, Knaben und Mädchen, zu Handwerkern ausgebildet werden Gleichzeitig hat der „Ort" Anstalten errichtet, in denen gegenwärtig etwa 3000 Erwadisene, größtenteils aus ihren früheren Erwerbszweigen verdrängte Juden, ihre berufliche Ausbildung linden. Besondere Aufmerksamkeit widmet der „Ort" der Ausbildung qualifizierter jüdischer Arbeiter. So sind vom ..Ort" eine Lehrfabrik für mechanische Weberei in Lodz und eine Musserwerkstätte tür Möbeltischlerei in Warschau gegründet worden. Ferner unterhält der „Ort" das einzige jüdische Technikum in Osteuropa (Wilna), an dem zurzeit 160 jüdische junge Leute studieren. Selbstverständlich kann die hier geschilderte Aufbau-Aktion nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn sie seitens des amerikanischen und westeuropäischen Judentums in weitem Maße unterstützt wird. Die jüdische Bevölkeiung Amerikas hat bis jetzt einen großen Teil der lür die Schaltung des Wiederaufbau-Fonds und die sonstigen Zwecke des „Ort"-Verbandes notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt. Auch unter den westeuropaischen Juden hat die segensreiche Arbeit des „Ort''-Verbandes und seines Wiederaufbau-Fonds reges Interesse gefunden. In England, Frankreich und zuletzt auch in Deutschland sind spezielle Laüdeszentralen des „Ort" und WiederaufbaU'Fonds-Komitees gebildet worden, die sich zur Aufgabe stellten, an dem großen Aufbauwerke tatkräftig mitzuarbeiten. In Deutschland selbst haben sich die besten Namen des deutschen Judentums zur „Ort"- Idee bekannt und an die Spitze der „Ort"- Komitees gestellt. So gehören dem Aktions - Ausschuß des deutsehen Wiederaufbau Fonds Herr Wilhelm Kleemann, Direktor der Dresdner Bank, als 1. Vorsitzender, die Herren Chefredakteur Georg Bernhard, Prof. Dr. N J. Bonn, R.-A. Dr. Bruno Weil als Vizevorsitzende, ferner die Herren Rabb. Dr. Leo Baeck, Rabb. Dr. H. Hildesheimer, Kurt Blumenfeld, Leo Bramson, J.-R Dr. J. Brodnitz, Oscar Heimann, Dr. Paul Nathan, Dr. A. Singalowsky u. a. als Mitglieder an. Auch in dem von dem Vorsitzenden, Herrn Wilhelm Graetz, geführten Vorstand der ,Ort"- Gesellsdiaft Abt. Deutschland e. V. sind führende Persönlichkeiten aller Partei- und Geistesrichtungen des deutschen Judentums vertreten. — Betont muß audi werden, daß die „Ort"-Gesellschaft Abt. i Deutschland es sidi zur Aufgabe stellte, im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Mittel ganz besondere Aufmerksamkeit auch der produktiven Berufsumschichtung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zu widmen. So hat der „Ort'' gemeinsam mit der Berliner Jüdisdien Gemeinde und der Arbeitsgemeinsdialt der jüdischen Arbeitsnachweise eine Schneiderlehrwerkstätte in Berlin errichtet, in der gegenwärtig 20 jüdische Jungen ihre Ausbildung finden. — Zwecks Förderung landwirtschaftlicher Bestrebungen hat der ,Ort" eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Bodenkulturverein gegründet. Jüdischen jungen Leuten, die sich technisch oder landwirtschaftlich ausbilden, wird die Möglichkeit zur Fortsetzung oder Beendigung ihres Studiums gegeben. In nächster Zeit sollen Kurse für Chauffeure und Mechaniker errichtet und die lachliche Ausbildung entwurzelter jüdischer Elemente in Deutschland selbst nach Möglichkeit gefördert werden. So werden auch die jüdisdien Massen durdi die produktive „Hilfe durch Arbeit" zur Selbstverantwortung erzogen, so wird ihre seelische Umstellung vom Luftmenschen und Zedokohempfänger zum vollwertigen Wirtschafts- und Kulturfaktor vollzogen und gleichzeitig durch die Qualität der jüdischen Leistungen ihrem Heimatlande bleibender Nutzen zum Segen des Landes und zur Ehre der Juden gesichert. Aus unserer Gemeinde Pflege jüdischer Familiencrinnerung Der Jüdisdie Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig, und der Schwesternbund der Leipzig-Loge, die außer ihren sozialen Zielen auch kulturelle Aufgaben pflegen, veranstalten am Sonntag, dem 9 Januar, nachmittags 5 Uhr, in den Räumen der Leipzig-Loge einen Vortragsnachmittag, an dem Herr Dr. A. Gzellitzer-Berlin, Vorsitzender der Gesellschaft für jüdisdie Familienforschung, über „die Fliege jüdischer Familienerinnerung" referieren wird. Die jüdische Familienlorschung, die von außerordentlich großem kulturellen Wert ist, weil sie die Traditionsbestände der einzelnen Familien sammelt, wird in Leipzig noch verhältnismäßig wenig gepflegt. Iis wird daher von großem Interesse sein, einen Sachkenner dieses Gebietes sprechen zu hören. Der Herr Referent hat sich erboten, interessantes Material aus dem Ardiiv für Familienlorschung vorzulegen. Da der Gegenstand des Referates weit über unseren Frauenkreis hinaus Interesse erwecken wird, hitten wir. daß auch die Herren sowie Söhne und Töchter unserer Mitglieder unserer Einladung Folge leisten. Tagung des Mitteldeutschen Rabbinerverbandes in Leipzig Am Sonntag, dem 19. d. M., nachmittags 3 Uhr, fand in der Wohnung des Kollegen Goldmann in Leipzig eine gut besuchte Tagung des Mitteldeutschen Rabbinerverbandes unter Leitung des Vorsitzenden, Kahlberg-Halle, statt. Einen breiten | Raum der Verhandlungen nahm die Aussprache Uber den Ver- I tragsentwurf eines Normal-Anstellungsvertrages fUr Rabbiner