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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-12-31 · 53 (31.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
53 (31.12.1926)
Date
1926-12-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Ol*. 53 31. Dt*embcr IMG W&VsrMW-sehe« Äw-Mchzs Nachrichten bl %l#r GenieiMdeverw&ti Das Gcmeii.debUü erscheint wöchentlich am Freitag. Deis Mitgliedern der Rc'ngionsgtmeindo wird es unentgeliiieh t:-jrc:i die Post rugrstellt. Bexugiprata für Nichtmityiicdcr monatlich 60 Pfennige. Ar.zeiqtnar.nshmc: W. Teicher, GlocV.ciistraCe 11, Telephon 14449. Schriftleltunnt Gcmeindeiabb. Gustav Colin, l.eipii i.öhrstr, 10. Telephon 25641. :: Für den ln>«rat*nt(i Stegmund Cohn, Lslpxlfl, Ottos«-Ute 24, Tel. 42915 Druck u. Verlaa; W. Teichcr, Leipzig, Glockcnstr. II Tcleph. 14-M9. "Ai.-.eiacnpreise: Die 4 aespaltene mm- Zeil« 20 Pfg. Kamillen- und kle.r.c Anreigen 10 Pia Umschlagseiicn und Textinserate nach besond. Tarif Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Nanu« de.* Verfas. ers erscheinenden Beiträge und die Vereinänachnchten nur die preßgcsetzlichs Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. «Jüdische Wsederaufbayarbeil Wahrend der letzten Jahre eriolgte eine in merkbaren Schritten sich vollziehende Wendung des gesamten osteuropäischen Wirtschaftslebens von chaotischer Aufgewühltheit zu planmäßiger, organischer Arbeit. Auch im Leben des osteuropäischen Judentums gingen bedeutsame Wandlungen vor sich. Solange das mit dem Weltkriege einsetzende Massenelend in stetem Anwachsen begriffen und das gesamte Lebensmilieu von Grund aus erschüttert war, mußte die Tätigkeit der jüdischen sozialen Organisationen na'urgernäß sich in einer raschen, unmittelbaren Hilfeleistung erschöpfen. Es galt, dem Verwundeten Heilung, den Waisen und Heimatlosen ein Nachtlager, dem Hungernden Nahrung und dem Entblößten Kleidung zu gewähren. An eine systematische, auf die Wiedererrichtung der zerstörten Anstalten, und Wiederherstellung der zerstörten Arbeitskraft und Arbeitsmöglichkeiten hinzielende Aufbauaktion konnte kaum gedacht werden. Was damals für den Wiederaufbau getan werden konnte, mußte im Hinblick auf die Ungeklärtheit und Unsicherheit der allgemeinen Situation einen philantropischen, zufälligen Charakter tragen. Mit dem Jahre 1921 findet diese Epoche im gesamten osteuropäischen Leben ihren Abschluß. Der Bestand und die Grenzen der neugebildeten Staaten erfuhren eine Sicherung. Rußlands Wirtschaftsleben begann einigermaßen normale Formen anzunehmen. Wenn die jüdischen Organisaiionen 1921 bis 1922 noch zur Fortsetzung der unmittelbaren, raschen Hilfsarbeit gezwungen waren, bricht sich seit 1923 in den weiten Schichten der jüdischen Öffentlichkeit die Erkenntnis Bahn, daß eine neue Zeit mit neuen Aufgaben und — neuen Möglichkeiten angebrochen sei. Die im Jahre 1880 in Petersburg gegründete „Ort"- Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden stellte sich zur Aufgabe, den notwendig gewordenen wirtschaftlichen Umschichtungsprozeß der jüdischen Bevölkerung zu unterstützen und zu beschleunigen, die aus ihren früheren Wirtschaftspositionen verdrängten jüdischen Massen einem produktiven Berufe zuzuführen, gleichzeitig auch die Qualität der jüdischen Arbeit und das Ansehen vor dem arbeitenden Menschen unter den Juden wieder zu heben. Durch den Krieg und die nachfolgenden Pogrom- und Zerstörungsjahre ist dieser für die Gesundung des jüdischen Lebens so überaus bedeutungsvolle Umbauprozeß unterbrochen worden. Hunderttausende Juden wurden aus dem früheren Ansiedlungsrayon ziel- und planlos ins Innere Rußlands vertrieben; zahlreiche Statten jüdischer Arbeit wurden sinnlos zerstört, unzählige Existenzen in wenigen Tagen vernichtet. Das Ende dieser siebenjährigen Ka'nsiropi'.enepocbe fand last 3 Millionen Juden wirtschaftlich ruiniert und jeder normalen Existenzmöglichkeit beraubt. Die Rückkehr mm Klei: handel und den wirtschaftlich haltlosen Berufen der Vorkriegszeit war aber infolge der veränderten ökonomischen Verhältnisse in den meisten Fällen unmöglich geworden. Für einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung ergab sich daher che Notwendigkeit, neue Erwerbszweige zu ergreifen und sich in zunehmendem Maße der produktiven Arbeit in der Werkstätte und auf dem Felde zuzuwenden. Diese Berufsumschichtung drängte sich um so gebieterischer auf, ais die Auswanderungsrnoglichkeit nach den Vereinigten Staaten immer kleiner wurde und die nach anderen Ländern relativ gering war. Die Gesellschaft „Ort" sah sich nunmehr vor eine gewaltige historische Aufgabe gestellt; die jüdische Bevölkerung solite an die neuen Lebensbedingu: gen angep.ißt, der chaotisdie WirtschaftsprozeB in normale Bahnen gelenkt, der Wiederaufbatiprozeß zum Umbauprozeß gestaltet werden. Dem elementaren Bedürfnis jüdischer Massen nach werktätiger Arbeit sollte mit allen Mitteln entsprochen werden. Um diese Aufgabe erfolgreich durchzuführen, ha*, sich der „Ort" im Jahre 1920 in einen interterritorialen Verband vereinigt, der zurzeit etwa 60 Zweigorganis.it'nnen in folgenden Ländern umschließt Im Osten: Polen, Rumänien, Litauen, Lettland, Estland, Pinnland. Im Westen: Deutschland. Tschechoslowakei. England, Frankreich. In Amerika: Vereinige Staaten, Canada. — Entsprechende Vertretungen und „Ort"- Komitees sind auch in Rußland gebildet worden. Nach folgenden drei Richtungen mußte der „Ort" seine Tätigkeit nach den: Kriege entfalten: 1.) Versorgung jüdischer Landwirte und Handwerker mit Maschinen und Werkzeugen; 2. ) Fachausbildung Jugendlicher sowohl wie Erwachsener; 3.) Förderung jüdischer Landwirtschaft durch Kredite, Fachberatung und ähnliches. Die Gesellschaft „Ort" hat als erste jüdische Organisation die Wiederherstellung der teilweise zerstörten alten jüdischen Kolonien in Rußland und Beßarabien gefördert und die jüdischen Landwirte und Gärtner in Polen und in Litauen beim Wiederaufbau ihrer Wirtschaften unterstützt. Als in Rußland unter dem Drange der neuen ökonomischen Verhältnisse unter den jüdischen Massen ein gewaltiger Zug zur Landwirtschaft

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