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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-12-24 · 52 (24.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
52 (24.12.1926)
Date
1926-12-24
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 52 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RF.LlGTONEMEINDE, LEIPZIG ■^ite 3 dessen starke Helferinnen. Und da sie selbstverständlich auch tolerant in religiösen Meinungen war, landen sich auch viele tüchtige jüdische Frauen zur Arbeit ein. — 1867 schon wurde Henriette Goldschmidt, die Frau des damaligen Leipziger Rabbiners, zur zweiten Vorsitzenden des Allgemeinen deutschen Frauenvereins gewählt. 1867 regte sie eine Petition an die norddeutschen Universitäten lür da» Fraucnstudium an. 1868 setzte sie sich in einem Vortrag für die kommunal-soziale Tätigkeit der Frau ein. Sie förderte alle modernen Erziehungsbestrebungen durch Wort und Tat, gründete z. B. 1881 in Leipzig den „Verein für Familien- und Vo!';serziehung" und richtete 1898 ein „Lyzeum für erwachsene Mädchen" ein, die Urzelle der sozialen Frauenschule. — Auch in Berlin beteiligten sich jüdische Frauen in hervorragendem Maße an der neuen Arbeit. 1866 wurde in Berlin der Lette- Verein begründet, eine Ausbildungsanstall für weibliche Berufe. Die Jüdin Jenny Hirsch war seine Schriftführerin. Im Vorstand saß auch Frau Mathilde S t e 11 i n e r, die für den Verein eine Lehranstalt für Photographie einrichtete. — Besonders muß Frau Lina Morgenstern erwähnt werden. Auch sie gehörte zu den Gründerinnen des Lette-Vereins und war lange Jahre im Vorstand des Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Sie gründete die Hausfrauenveieine. Ihre größte Tat war die Einrichtung von Volksküchen, deren erste 1869 in Berlin entstand. — Nur auf dem Gebiet für höhere Frauenbildung war keine Jüdin tälig. Diese Tatsache aber läßt sich daraus erklären, daß es liier keine techlich vorgebildeten Jüdinnen gab. — In der Zeit des Liberalismus hatte die Frauenbewegung viele Erfolge gehabt Das berufstätige Mädchen war eine bekannte Erscheinung geworden. Die Bemühungen für seine Berufsausbildung waren also gerechtfertigt gewesen. So entstanden um 1890 schon die bedeutendsten weiblichen Berufsorganisationen. — Für die jüdischen Frauen aber war das Ergebnis dieser Arbeitsperiode eigentlich ein anderes, aW für die christlichen. Da die jüdische Bevölkerung Deutschlands in diesen Jahren meistens noch dem damals wohlhabenden Kaufmannsstande angehörte, heirateten die meisten jüdischen Frauen und beschäftigten sich berufsmäßig höchstens als Heilerinnen in der Familienfirma. Das berufstätige Mädchen war in jüdischen Kreisen noch ziemlich unbekannt, Die jüdischen Führerinnen der Frauenbewegung standen wenig in Zusammenhang mit der jüdischen Gesellschaft. Sie arbeitt ten nur mittelbar für sie. Unmittelbar förderten sie eine nationaldeutsche Entwicklung. 1893 erfolgte als Abschluß dieser Jahre erfolgreicher Arbeit die Gründung des Bundes der deutschen Frauenvereine unter Leitung von Auguste Schmidt. — Anfang der 90er Jahre beginnt ein neuer Abschnitt der Frauenbewegung. Seit dem Rücktritt Bismarcks begannen die sozialistischen Ideen die bürgerlichen Kreise zu interessieren. Man wandte der W o h 1 - fahrtspflege ein erhöhtes Interesse zu. Eine organisierte Wohlfahrtspflege sollte an die Stelle der bisherigen Wohltätigkeit treten. Zu diesem Zwecke wurden in Berlin 1893 die „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit" gebildet. Die Anregerin und tüchtigste Förderin dieser modernen Ideen war eine jüdische Frau, Jeanette Schwerin. Aus diesen „Mädchen- und Frauengruppen" entstand später die erste deutsche soziale Fraueiisdiuie in Berlin unter der Lcit-.mg von Dr. Alice Salomon. Nach ihrem Vorbild entstanden bald in anderen deutschen Großstädten ähnliche Anstalten. Und diese Schulen gaben die Richtlinien aus für die neue Art der Arbeit. Nach der Zeit der harten Bildungs- und Berufskämpfe wandte man sich ganz der sozialen Aufgabe zu, zumal diese dem weiblichen Charakter besonders nahelag. Arbeiterinnenschutz, Handwerkerinnenfrage und Berufsberatung wurden die Hauptarbeitsfelder der neuesten Frauenbewegung. Diese soziale Aufgabe aber wurde bis zum Kriege immer schwieriger infolge der schnell steigenden Industrialisierung Deutschlands, die gerade die Frauen am meisten bedrängte. Die Frauenbewegung griff energisch ein und fand manche Lösung der Frage. Wieder traten überall jüdische Frauen erfolgreich hervor. Fräulein Margarete Friedental begründete den „Ausschuß zur Förderung der Arbeiterinneninteressen", Frau Josephine Levy-Rathenau arbeitete lür Berufsberatung, Jenny Apolant gründete in Frankfurt M. eine „Zentralstelle für Mitarbeit der Frau in der Gemeinde". — In diesen Jahren, die bis zum Kriew dinierten, war die Frauenbewegung von begeistertem Leben, von modernstem Ringen erfüllt. Und trotzdem war sie noch immer vielfach verkannt und mißverstanden. Erst der große Krieg, der für alle Parteien eine große Erschütterung und Umstellung bewirkte, brachte der Frauenbewegung die volle Anerkennung. Schon der Militärstaat richtete 1916 eine Frauenarbeilszentraie ein, von der aus alle Arten sozialer Arbeit ausgeführt wurde, so wie die Frauenbewegung sie bereits vor dem Kriege für nötig beilirden halte. Dazu brachte die Revolution das Frauenstimmrecht und die Mitarbeit in der Gemeinde. — Die Frauenbewegung natte sich durchgesetzt, aber aullöscn konnte sie ihre Organisationen doch nidil, da neue aufbauende und erzieherische Aufgaben vorhanden waren. Die jüdischen Frauen hatten auch in diesem letzten Abschnitt viele tüditige Arbeit niitgeleislet. Hinzu kommt, daß nach dem Ende des Krieges, nach Inflation und Deflation die soziale Lage der jüdischen Bevöikernng in Deutschland der der chiistlidien so gleicht, wie zu keiner Zeit vorher. Umsomehr ist es zu verwundern, daß in dieser Periode die Zusammenarbeit der jüdischen mit den christlichen Frauen nicht mehr an Bedeutung zugenommen hat, daß vielmehr das Gegenteil zu bemerkeii ist. Denn heute entfällt der Hauptanteil der sozialen jüdisdten Frauenarbeit auf dk konfessionell-jüdische Wohlfahrtspflege. Nachdem sei on in den 90er Iahten des vorigen Jahrhunderts evangelische und katholische Frauenvereine gegründet worden waren, entstand 19C4 unter der Leitung von Bertha Pappenheim auch ein jüdischer Frauenbund. Seitdem ist eine aufsteigende Linie jüdischer sozialer Arbeit zu beobachten. 1917 begründete man in Berlin eine jüdische Zentralwohlfahrtsstelle. In den nächsten Jahren folgten Berufsorganisationen aller Art. Es entsteht beinahe das Bild eines kleinen Staates im großen. Die inneren Gründe für diese Entwicklung bestehen in dem Nationalismus unserer Zeit im allgemeinen und in dersta,ken antisemitischen Strömungen im besonderen. Zionistische Tendenzen im gleichen Sinne kommen hinzu. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Die Richtung des ferneren Weges ist noch nicht klar. Entweder behält der Nationalismus recht und die Differenzierung nimmt noch mehr zu, oder die gleichfalls viel ersehnten Ideen eines Pan-Europa setzen sich durch, und wir Juden arbeiten wieder gemeinsam mit anderen Nationen am menschlichen Fortschritt. Aber über allem darf die Arbeit, als Hauptsache, nicht vergessen werden.--- An den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine sehr rege Diskussion, an der sich die Damen Langrün, Kat/.enelienbogen, Lustig. Else Cohn. Wulfsohn, Kaiser, Kern und die Referentin beteiligten. Personalnachricht 60. Geburtstag. Am 2. Januar uegeiu ciCi veidienstvolle Leiter des Kinderheims der Leipzig-Loge, Herr Albert W e i 11, seinen 60. Geburtstag. Auch an dieser Stelle seien dem Jubilar herzliche Wünsche ausgesprochen. PORA Telephon Nr. 24333 12137 reinigt und färbt schnell und preiswert Teppiche, Portieren Herrenu. Damengard. Nächste Filiale: Salzgäßchan Nr 6-

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