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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-12-24 · 52 (24.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
52 (24.12.1926)
Date
1926-12-24
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Seite! In der zartesten Weise kommt diese Aufforderung, sich in die Lage, die Stimmung, die Mentalität des anderen hineinzuversetzen, zur Geltung bei der Regelung des Verhältnisses von Herr und Kredit: man soll, so gebietet das Judentum, den Dienenden seine untergeordnete Stellung nicht fühlen lassen, man soll mit Milde über ihn herrschen, man soll ihm nichts zumuten, was seine Menschenwürde verletzt. Eine besondere Darlegung verdient die Stellung des Judentums zum Problem der Feindesliebe oder, was damit zusammenhängt, zur Frage nach der Zulässigkeit der persönlichen Rache. Ist auch in unserer ganzen Bibel das ihr zugesprochene Wort: „Du sollst deinen Feind hassen!" nicht zu finden, so wird doch die Abwehr grundlosen Angriffs, der Kampf gegen Rechtsbruch und Friedensstörung gefordert und gutgeheißen. Dem Gegner sich willenlos ausliefern, hieße: ihn in seinem Vernichiungswillen bestärken: der Gewalt freien Raum gewähren, hieße: den Bestand der menschlichen Gemeinschaft gefährten. Ist also die Verteidigung ethisch gerechtfertigt, so ist doch die Rache eine Überschreitung des Zulässigen und Notwendigen. Groll aufspeichern, zu günstiger Zeit das Erlittene heimzahlen, Böses mit Bösem vergelten, ist nicht nur eine Sünde gegen den anderen, sondern auch eine Versündigung an der eigenen Menschenwürde. Das ist der Kern des jüdischen Gebots der Feindesliebe: auch der Feind ist und bleibt Mensch, wie sehr er sein Menschentum verleugnet haben mag. Kommt er in Not, so sollst du vergessen können und ihm deine Hilfe nicht weigern; niemals aber darfst du dich verleiten lassen, seinem Beispiel zu folgen und damit dich selber zu erniedrigen. Vergessen können um des Menschen und der Menschheit willen, verzeihen und Versöhnung üben, das ist nach jüdischer Lehre das höchste, feinste und wirksamste Mittel, den Bestand der Gesamtheit zu sichern. Würden alle Beleidigungen, Verstöße und Schädigungen im Gedächtnis aufbewahrt und bei Gelegenheil erwidert, so wäre der Krieg aller gegen alle da und ein Leben in der Gemeinschaft unmöglich. Nur dadurch, daß man seine Person mit ihren Interessen dem menschlichen Ganzen ein- und unterordnet, im Gedeihen der Allgemeinheit das Ziel und den Lohn der eigenen Mühen erblickt, gewinnt man die Kraft, sich zu überwinden und nicht bloß auf die Befriedigung der Eitelkeit, sondern auch auf die Durchsetzung vielleicht berechtigter Forderungen zu verzichten. Mit diesem Bl ck auf das Ganze hat deshalb das Judentum einerseits vorgeschrieber., Streit zu vermeiden und den bereits ausgebrochenen so bald als möglich beizulegen, andererseits hat es als oberstes Verdienst gepriesen, die Eintracht unter den Menschen zu mehren. Mitlebende, die sich entzweit haben, einander wieder näher zu bringen, Streitigkeilen anderer zu schlichten durch Wegräumung von Mißverständnissen und Beseitigung von Verstimmungen, dem Frieden eine dauernde Heimstatt auf Erden zu bereiten, mit diesen Mahnungen krönt das Judentum sein Gebot der Nächstenliebe. c „ .... Samson Hochfeld. Aus unserer Gemeinde Die deutsche Frauenbewegung und die jüdische Frau Am Donnerstag, dem 16. Dezember d. J„ fand unter starker Beteiligung der erste diesjährige Diskussionsnachmittag des Jüdischen Frauenbundes, Ortsgruppe Leipzig, statt. Die Referentin des Nachmittags, Frau Dr. Gertrud Ehrmann, sprach über das obenstehende Thema und führte etwa folgendes aus: Die Frauenbewegung entwickelte sich eigentlich erst im 19. Jahrhundert und wurde dann bald zu einer ansehnlichen Macht. Sie entstand infolge neuer wirtschaftlicher Verhältnisse. Als die Industrie mit ihren vielen großen Entdeckungen im 19. Jahrhundert in die Hauswirtschaft eindrang, und die in ihr verrichtete Arbeit immer mehr erleichterte, wurde eine Menge von Frauenkräften frei, die nach neuer Betätigung verlangten. Vertiefte Bildung, Zulassung m den bisher den Männern reservierten Berufen und eine das weibliche Geschlecht schützende Gesetzgebung waren die Forderungen, die die neue Bewegung für ihre Anhängerinnen erhob. — Die neuen Verhältnisse machten sich zuerst in den Städten geltend, so daß sich hier die stärksten Zentren der neuen Bewegung bildeten. Die Jüdinnen wurden im Anfang wenig von der neuen Bewegung erfaßt, da sie im Anfang des 19 Jahrhunderts meistens noch infolge der Wohnbeschränkungsverhältnisse auf dem Lande wohn ten. Erst mit dem Falien der jüdischen Ausnahmegesetze nimmt der Anteil der jüdischen Frauen an der neuen Bewegung zu. — Im ersten Abschnitt der deutschen Frauenbewegung überwog die Arbeit für den Gewinn der neuen Bildung, die der Zeit entsprechend vorwiegend ästhetischen Inhalt hatte. Dies betraf vor allem die höheren Bürgerklassen. Die nationalistische und emplindsa;e Philosophie der ersten französischen Revolution und die romantische Philosophie mit der Betonung des Individuums hatten den Boden bereitet. So stellte Schleiermacher den „Katechismus der Vernunft für edle Frauen" auf und verlangte damit die geistige Befreiung der Frau. Friedrich Schlegel versinnbildlichte das neue Frauenideal in der „Lucinde" als eine Frau von „wahrer Unschuld und geistigster Geistigkeit". Derartige Frauencharaktere fanden die Romantiker in den Gründerinnen der literarischen Salons, die um den Beginn des 19. Jahrhunderts in Berlin entstanden. Es waren einige berühmte jüdische Frauen, die in diesen Salons die Künstler, Dichter und Denker ihrer Zeit um sidi versammelten. Die Verdienste der Rahel Varnhagen van Ense geb. Lewin, Dorothea Veit geb. Meudelsohn und Henriette Herz sind bekannt und oft beschrieben. Doch waren diese Frauen und ihre vielen jüdischen Nachfolgerinnen in Wien und Berlin wichtiger für die gesellschaftliche Entwicklung, als für die Frauenbewegung; und zudem ist es auffallend, daß sie fast alle ihren jüdischen Glauben ablegten und sich öffentlich als Christinnen bekannten. — Um 1820 schon war die romantische Periode im deutschen Geistesleben abgeschlossen. Es folgte in Deutschland und Österreich eine lange Zeit der Reaktion. Das Interesse der Gebildeten konzentrierte sich mehr und mehr auf Politik. Andi die Frauen, die jetzt hervortreten, sind Politikerinnen, | i. B. Bettina v Arnim mit ihrer Schrift „Dies Buch gehört dem König'1 und Malvida v. Meysenburg, die mitten in den politischen Kämpfen stand. — Auf diesem Gebiet begegnen wir keiner jüdischen Frau. In politischer Beziehung stand sie dem deutschen Volke noch zu fern. Während der Reaktionsjahre wurde die Entwicklung der Frauenbewegung im allgemeinen gehemmt. Aber eine bessere Frauenbildung drang doch immer mehr durch. Außerdem assimilierte sich in diesen Jahren das Gros der deutschen Juden in Sprache und äußeren Lebensformen an ihre deutsche Umgebung, — In die Frauenbewegung aber kam erst neues Le;>en, als 1865 der ,; Allgemeine deutsche Frauen verein'' gegründet wurde. Im Mittelpunkt des Interesses stand jetzt das Recht der Frau auf Arbeit. Fachschulen für Frauenberufe, Froduktivassociationen, Ausbau der höheren Frauenbildung sollten jetzt gefördert werden. Louise Otto-Peters war die Wortfüllrerin der neuen Bewegung. Sie wies die Frauenwelt Deutschlands darauf hin. daß nationale und soziale Ideale die Grundlage der neuen Bewegung sein müßten, im Gegensatz zu den nur ästhetischen Zielen der romantischen Zeit. Mit der Betonung dieser sozialen Pflichten trat die Bewegung in die Reihe der fcrtschi ittlichsten Bestrebungen ihrer Zeit ein. Ihre Ziele bedeuteten eine Opposition gegen alle bestehenden Verhältnisse und wurden auch so empfunden. Sie brauchte infolge-

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