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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-12-24 · 52 (24.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
52 (24.12.1926)
Date
1926-12-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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2. ^a^rgang, 21r. 52 24. 5>c*?mb?r 1926 </cr Jsr&elitUcken AmllickzS N*chrMefib1& fyer Ce/tieifideyerw^lt kzllqioni<fi *» . •. jfe* fSi $£1 u . , o 6^ l™ 3 Ä^l t-a-v * ^'^^^f'l* 4 Das Gemeindeblatt erscheint wöchentlich am Freitag. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die fest zugestellt. Bezugspreis für Nichlmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher, Glockcnslraße 11, Telephon 14449. Schriftleitung: Gemeindcrabb. Gustav Cohn, Leipzig. Löhrstr. 10, Telephon 29641. :: Für den Inseratenteil: Sicgmund Cohn, Leipzig, Ottostraße 24, Tel. 42945. Druck u. Verlag; W. Teicher, Leipzig, Glockenstr. II, Tcleph. 14449. Anzeigenpreise: Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien- und klein« Anzeigen iO Fig. Umschlag.seiten und Textinserate nach besond. Taut. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Namen des Verfassers erscheinenden Bciiräge und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellennngalie rnrl Genehmigung des Verfassers gestattet. Nächstenliebe Aus: „Lehren des Judentums" zweiter Teil: Die sittlichen Pflichten des Einzelnen Zu den schöpferischen Leistungen des Judentums gehört uie Entdeckung des Mitmenschen und damit der Menschheit. Die Sorge der nichtjüdischen antiken Denker konzentriert sich um das Ich, nach dem Wohl und Wehe des andern wird nur nebenher gefragt. Was ist das Ziel des menschlichen Lebens? so lautet das Grundp.oblem der Ethik bei den griechischen Philosophen; Glückseligkeit, antworten sie und geben je nach ihrem Standpunkt verschiedene Wege an, diese Glückseligkeit zu erreichen: Herrschaft der Vernunft über die Triebe, Genuß, Bedürfnislosigkeit. Gelassenheit. Kein einziger von ihnen aber hat die Antwort gefunden: Du sollst glücklich werden, indem du deinen Mitmenschen glücklich machst, indem du ihm Gutes erweisest, ihm hilfst, ihm die Last des Lebens erleichterst. Die nichtjüdische Ethik des Altertums ist durchaus egoistisch orientiert, sie ist Individualothik, der die großen Fragen der Sozialethik fremd bleiben. Einzig und allein die Bibel hat den Mitmenschen als notwendigen Faktor in die ethische Betrachtung eingeführt und seine Wohlfahrt zur Norm für die Beurteilung des menschlichen Handelns erhoben. Denn der Mensch ist nach biblischer Anschauung kein Einzelwesen, das isoliert dasteht und zur Erreichung seines persönlichen Vorteils andere Menschen unterdrücken und ausnutzen darf, er ist vielmehr Glied einer Gesamtheit, die aus gleichberechtigten und gleichverpflichteten Individuen besteht. Die Gesamtheit soll erhalten werden, sie soll wachsen und gedeihen und zu immer höheren Stufen der Kraft und der Leistungen aufsteigen. An dieser Arbeit im Dienste der Gesamtheit soll jeder einzelne teilnehmen und von ihr seinen Menschheitswert empfangen. Je räch Begabung und Anlagen ist ihm im Organismus des Ganzen ein höherer oder niederer Platz zu seiner Betätigung angewiesen, niemand aber ist ausgeschlossen oder so unbiauchbar, daß auf ihn verzichtet werden kann. Von hier aus verstehen wir, welche Rolle Gerechtigkeit und Liebe in der jüdischen Ethik spielen. Gerechtigkeit bekundet sich allgemein in dem Verhalten, welches Eingriffe in den Lebenskreis anderer meidet oder verhütet, Liebe in dem Verlangen, das Leben anderer zu fördern. Eine Gesamtheit von Menschen kann nicht bestehen ohne Gerechtigkeit und Liebe. Jene grenzt die Befugnisse der einzelnen Glieder von einander ab, diese greift ein, wenn sich Härten bei der Abgrenzung herausstellen; die eine ist der Unterbau, auf dem die Gemeinschaft sicher ruht, die andere der Kitt, der die Quadern und Mauern zusammenhält. Gerechtigkeit und Liebe gehören nach jüdischer Auflassung zusammen wie Regen und Sonnenschein beim Wachstum der Pflanzen oder wie das männliche und das weibliche Element in der Ehe. Die enge Verbindung mit der Liebe hat die jüdiscr.e Gerechtigkeit davor bewahrt, summa iniuria, .höchstes Unredit zu werden, zum starren Prinzip, zum leblosen Formalismus auszuarten; der dauernde Kontakt mit der Gerechtigkeit aber hat die jüdische Liebe davor geschützt, sich in Gefühlsschwelgerei zu verlieren und die realen Bedingungen des Lebens außer acht zu lassen. Die Nächstenliebe, die demnach die Aufgabe hat. zu lindern und zu mildern, zu unterstützen und beizustehen, zu trösten und zu helfen, mit einem Wort: dem andern ein menschliches Leben, ein Leben im Rahmen und im Dienst aer Gesamtheit zu ermöglichen, umfaßt die ganze Skala der Beziehungc in denen Mensdien zu Menschen stehen können; sie reicht von üem Vertrauten und Freunde über den Mitbürger und Volksgenossen bis zum unbekannten Angehörigen fremder Rasse und fernsten Landes: die Tatsache, daß er ein Merschenant^itz trägt, läßt jeden dieser Liebe würdig erscheinen. Die Nächstenliebe macht audi nicht Halt vor den Unterschieden, die Frfclg und Mißlingen, Reichtum und Armut, Überfluß und Not geschaffen haben; äußert sie sieh dort :>ls Menscher freiindiichkeit und wohlwollende, neidfreie Oesinnung, so hier als Barmherzigkeit, Mildtät gkeit und Armenpflege; sie steigert sich je mich dem Gebot der Stunde von der kleinen Geta.ligkcit bis zur : großzügigen Hilfsaktion, von der gelegentlichen Gabe bis zur autopfernden Hingebung. In ihrem Bestreben, alle Lebensverhältnisse zu umspannen und mit der Hille das Richtige zu treffen, hat die jüdische Nächstenliebe einen Grundsatz aufgestellt, der sich als überaus fruchtbar erweist und der überall befolgt werden kann: versetze dich in die Lage des anderen, dann urteile und handiel Stehst du einem Unbekannten gegenüber, der dich nötig hat, bedenke, wie ihm zu Mute sein mag! Naht sich dir ein Unglücklicher, der sich vergangen hatte, berücksichtige die Umstände, unter denen er aul den Abweg getrieben wurde 1 Bist du im Zweifel über die Motive, die in dem verfehlten Leben des anderen wirksam gewesen sind, urteile nach der günstigen

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