Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 51 (11.12.1926)
- Date
- 1926-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 OEMEINDEHLATT OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang ihnen wurde dann die Kenntnis ihrer Vergangenheit durch eine ungeheure Fülle wertvollster Denkmäler, die dem Erdboden wieder entrissen werden konnten, immer klarer und eingehender, selbst wenn kein einziges literarisches Zeugnis auf die Gegenwart gekommen war. Steine und Ziegel boten das Material, aus dem dickbändige Darstellungen der assyrischen und babylonischen Geschichte gewonnen werden konnten. Die uralte Vergangenheit Ägyptens haben Grabkammern mit ihrem Inhalt, und besonders Särge, wieder vor uns erstehen lassen. Garnicht zu sprechen von all dem, was in Italien und Griechenaus der Tiefe wieder ans Licht gezogen worden ist Warum schweigt die Erde Palflstinas? Warum versagt sie uns, was wir doch so gerne hätten: Antwort auf die Frage, inwieweit die geschichtlichen Grundlagen unserer heiligen Bücher Bestätigung durch andere Zeugnisse erfahren, inwieweit die Bilder altjüdischen Lebens durdi das Beiwerk kleiner Einzelheiten ergänzt und belebt werden? Man kann den Schmuck seilen, mit dem einstmals assyrische Frauen sich festlich angetan haben, kennt die Formen des Hausrais, mit dem ein Babylonier sein Heim ausgestattet hat Was soll man darüber denken, daß für alljüdisches Leben ähnliche Kenntnisse nur auf Vergleichen mit den benachbarten Kulturen, nicht aber auf konkieten Überresten beruhen? — Palästina ist schon jetzt nicht mehr stummes Land zu I nennen, wenn auch die Schwierigkeiten nicht übersehen werden dürfen, die sich der archäologischen Forschung gerade dort entgegenstellen. Die Bekenner von drei Weltreligionen waren mehr als anderwärts ängstlich besorgt, daß die Ruhe geweihten! Bodens nicht Restört werde, und behindern noch jetzt das | systematische Durchwühlen der Erde, das allein zu wertvollen Ergebnissen führen kennte. In Italien sind seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts Gelehrte und Künstler an der Arbeit gewesen, das Schalten des Altertums wieder aufzudecken. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts werden in Italien und Griechenland, seit 1800 in Ägypten systematisch Ausgrabungen betrieben; die archäologischen Grabungen in Palästina sind noch ganz jungen Datums. 1865 wurde die Gesellschaft „Palestine Exploration Fund" begründet. Aber erst seit 1890 wird ernsthafte Forschertätigkeit entfaltet, seit der so erfolgreiche Petrie in Lakisch die Ruinen von acht übereinander «dauerten antiken Städten entdeckte. Aber nicht allein die Kürze der Ausgrabungsarbeit hat die geringe Ausbeute bedingt. Auch in Assyrien und Babylonien gelang es erst um die Mitie des 19 Jahrhunderts, die versunkenen Städte zu entdecken und die Ruinen von Ninive und Babel bioszulegen. Und zu welcn überwältigender Höhe hat sich in diesem Dreivierlel-Jahrhundeit das Wissen um diese Länder und ihre Kulturen erheben können. Aber dort durften die Gelehrten den Spaten ansetzen, ohne daß ihnen allerorten Verbote und Rücksichten im Wege standen, wie im Heiligen Lande. Gleichwohl ist in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten so manches wertvolle Ergebnis zutage gefördert worden, und besonders, seidem die Engländtr während des Krieges Palästina besetzt haben, werden die Forschungen mit Eifer betrieben. 1902 stellte der Engländer Macalister Untersuchungen in der Stadt Gezer an, die König Salomo bei seiner Vermählung mit einer ägyptischen Prinzessin zum Hochzeitsgeschenk erhielt (I. Kön. 9, 16), und fand hier sehr wichtige Dokumente, die allerdings mehr auf ägyptische Kulturverhältnisse neues Licht warfen. 1910 wurden bei Grabungen an der Stätte des Tempels zu Jerusalem Sarkophage und Knochengehäuse bloßgelegt. Aber den nichtjüdischen Gelehrten, die dort tätig waren, fehlte das Verständnis und die innere Freudigkeit, vor allem aber die hinreichende Kenntnis der Bedeutung des Gefundenen, so daß die Entdeckungen nicht ausgewertet wurden. Am intensivsten und wohl auch am erfolgreichsten erstrecken sich seit vielen Jahren die Arbeiten der Gelehrten auf Samaria, die einstige Hauptstadt des Reiches Israel. Etwa 1910 begann eine Mission der amerkanischen Harvard-Universität dort ihre Ausgrabungen und entdeckte den Palast von Ahab und Isebel, welcher durchaus im altjüdischen Stil mit dem aus großen Blöcken bestehenden Gemäuer erbaut war. Dort wurden Inschriften entdeckt, die auf das Jahr 850 v. u. Z. zurückgehen. Im Zusammenhang damit stehen auch die Forschungen, die die deutsche Oriertgesellschaft unter Leitung von Prof. Sellin unternahm und über die gerade jetzt interessante Einzelheiten bekannt werden. Schon 1914 hatten die Grabungen, die Sellin vornehmen ließ, zu einem wichtigen Ergebnis geführt: auf dem Hügel, auf dem der Gelehrte das alte Sichern vermutet hat'e, war ein Tor freigelegt worden. Die Untersuchungen konnten eist jetzt, nach elfjähriger Unterbrechung, wieder angenommen werden. Sie führten dazu, daß eine obere hellenistische Schicht aus der Zeit um 100 v. u. Z. gefunden wurde, unter dieser eine israelitische aus der älteren Eisenzeit um 800 v. u. Z. und noch tiefer die kanaanäische Periode der mittleren und späten Bronzezeit von 1800 v. u. Z. an. Von dem zuerst gefundenen Westtor liefen zwei Gänge südwestlich ab; sie führten zu weithalligcn Gemächern mit Säulersockeln. Sellin nimmt an. daß er hier die Königsburg Jerobeams, des ersten Königs im Nordreiche nach der Teilung, aufgedeckt habe. Vom Palast durch einen Weg getrennt und unharmonisch schräg zu ihm gestellt, also sicher nicht gleichzeitig zusammengehörig, liegt südwestwärts, zur Hügelmitte zu, ein mächtiges Bauwerk, der kanaanäische Bundestempel. Ein Rechteck, 26 : 21 m, 5.30 m dicke Mauern, nach Osten zu der Eingang. Eine Rampe führt zu einer Art Vorraum hinauf. Dahinter ein einziger großer Saal, den zwei Reihen von Säulenbasen mit 80 cm Durchmesser, je drei in der Längsrichtung, schmücken. Dazwischen im Hintergrund ein Sockelrest. Er muß das Götterbild getragen haben, das Abimelech, der Sohn des Gideon, bei der Zerstörung von Sichern vernichtet hat (Rieht 9. 45H.). Die Säulen sind wohl verbrannt, sie waren aus Holz. Nur ein Kapitell aus Stein, an dem ägyptischer, aber auch griechischer Einfluß zu merken ist. wurde vorgefunden. Und das Wichtigste, ein Tonzylinder, dessen Inschrift jetzt entziffert wird. Wenn man bedenkt, wie selten einmal in Palästina eine Inschrift auftaucht, wird man den Wert dieses Fundes ermessen. Um den Tempel eine weite Terrasse, der Temenos. Zu ihm gehören wohl auch einige kleinere Bauwerke d meben, die wahrscheinlich Tempelchen für niedere Gottheiten waren. Eine solche Anlage ist auf Palästinas Boden noch nicht gefunden worden. Mit ihr eröffnen sich für die theologische wie archäologische Forschung die weitesten Perspektiven. Gebäudereste, die sicher als Turm gedeutet werden könnten, sind im Tempelbezirk nicht aufgefunden worden, wohl aber fanden sich Räume, die als Keller anzusprechen sind. Neben diesen grundlegenden Entdeckungen verschwinden die spärlichen Funde aus dem einst ausgeplünderten Siedlungsgelände. Doch ist immerhin manches Interessante dazwischen. Einem Fellachen, der sich auf der Südseite des Hügels ein Haus gebaut hatte, war schon kurz vor dem Kriege das Glück zugefallen, einen glänzenden Bronzeiunu zu machen, der jetzt im Museum im Haag ausgestellt ist. Prof. Sellin vermuteie darum bei dem Fellachenhause die Nekropole von Sichern. Das war eine Täuschung. Aber zwei beschriftete Tontafeln kamen als wertvollere Fundstücke doch bei der Grabung zutage. Eine Tontafel stammt mit 16 Alabasterkrügen aus dem Hause einesWeingroßhändlers. Auf ihr werden Götter genannt, die den Weinbau schützen sollen. Zweimal fand sich als besondere Merkwürdigkeit in israelitischen Häusern des 7. oder 8. Jahrhunderts v. u. Z. ein Räucheraltar mit Hörnern, obwohl solcher Hauskult im Gesetz verboten war. Auch Skarabäen aus der Hyksoszeit gab es, die aber wohl aus syrischen Fabriken stammten. Aus der späten Bronzezeit von 16—1500 v. u..Z. kam ein Silber-