Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 50 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 2. Jahrgang güterten Handelsmannes Joseph Meyer, hatte den mit vier Kindern verwitweten Mann in zweiter Ehe geheiratet und gab ihm noch neun Kinder. Gerade zur Zeit seiner Geburt stand sein Vater in großer geschäftlicher Sorge Er hatte einen ernsten Kampf um se.ne Existenz zu führen. Als er 1874 starb (sein Sohn Albert war damals siebzehn Jahre alt), hinterließ er der Familie eine nicht eben bedeutende Firma, wenn er auch mit Stolz sagen durfte, daß er keinerlei Schulden mehr habe. Albeit trat in das väterliche Geschäft ein, fünf Jahre später wurde er Teilhaber in diesem weder angesehenen noch sehr ergiebigen Unternehmen. Aber er hat'e nicht umsonst an sich gearbeitet; mit klarem Blick erkannte er Entwicklungsmöglichkeiten, an die die maßgebenden Männer noch nicht gedacht hatten, und zielbewußt schritt er an die Verwirklichung des Planes, Hamburg zu einem Ausgangspunkt für die Überseewanderung zu entwickeln. In wenigen Jahren hatte er seine Stellung so gehoben, daß die Hapag, in G fahr, überflügelt zu werden, Ballin für sich gewann, indem sie ihn an die Spitze der Passage Abteilung stellte. 188b trat er diese Stellung an, 1888 wurde er Vorstandsmitglied, und es dauerte nicht lange, bis er die zahlreichen Fäd-n des dauernd sich erweiternden Unternehmens ganz in der Hand hatte. Die dann einsetzende ständige Ausdehnung ist, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in ihren wichtigen Etappen, Ballin's Werk. Mit der Einiichtung eines repräsentativen Kontors begann es; die Einstellung von Doppelschraubendampfern, von ihm energisch betrieben, bezeichnet einen der wichtigsten Fortschritte (umsomehr, als der Bremer Lloyd sich nicht dazu entschließen konnte); die heute aus dem Verkehrsleben gar nicht mehr hinwegzudenkenden Vergnügungsreisen entstammen einer, anfangs als sinn'os abgetanen Idee Ballins und haben viel zum Aufstieg der Hapag beigetragen; die Ankäufe anderer Gesellschaften und die Verhandlungen mit Unternehmungen anderer Länder krönten das Work, so daß die Hapag in ihren Erfolgen den Lloyd mehr und mehr überholte. Ballin hat diesem Werke seine ganze Arbeitskraft gegeben. Er war Emporkömmling und djrfte deshalb weder ruhen noch sich zersplittern. Aber er hat sich bei seinem Weike, so sehr für das geschäftliche Unternehmen naturgemäß geschäftlicre Erwägungen maßgebend sein mußten, auch mit vollem Bewußtsein für das Vaterland betätigt. Die Größe Hamburgs, seiner Vaterstadt, das Ansehen und das Wohl seines deutschen Vaterlandes standen ihm als das höhere Ziel seines Mühens vor Augen. Was ihm die Freundschaft seines Kaisers gegeben hat, war diese Förderung deutschen Ansehens. Es ist geradezu rührend, wie dieser Mann (übrigens einei du wenigen, die gelegentlich dem Kaiser auch ein offenes Wort zu sagen wagten) darin die Anerkennung seines Mühens er- | blickte, wie er in uneigennütziger Zurückhaltung kaum den Versuch gemacht hat, aus dieser Beziehung irgend welches Recht auf Einwirkung herzuleiten, vielmehr immer der Gebende bleiben wollte, indem er Deutschlands Interessen zu fördern trachtete. (Nicht ohne tiefes Mitgefühl muß festgestellt werden, daß Wilhelm 11 in seinen Erinnerungen ..Ereignisse und Gestalten" Ballin in keiner Weise gewürdigt hat; zeigt dies doch, wie wenig diese Freundschaft bei dem Kaiser aus einem vollen Verständnis für Ballins innere G;öße floß.) Ist auch die Freundschaft zwischen dem Kaiser und Ballin nicht der Maßstab für Ballins Bedeutung, sie ist Symptom dafür. Nie hätte dieses Band sich knüpfen können, wenn nicht Ballin mit seinen Erfolgen beigetragen hätte zur Hebung des Ansehens Deutschlands und seiner Wirtschaftsgeltung. Und darin dürfen wir auch die Antwort auf die anTangs aufgeworfene Frage erblicken: worin besteht allins Bedeutung für das Judentum? Sein Name wird in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands unauslöschlich sein als der Name eines Mannes von Klugheit, Tatkraft und Geschick, eines Mannes, dem ein gut Stück des wirtschaftlichen Aufschwunges im wilhelminischen Zeitalter zugeschrieben werden muß. Daß es der Name eines Juden ist, eines Juden, der soviel jüdischen Stolz besaß, nidit durch eine innere Lüge Tore zu ölfnen, die sonst verschlossen blieben, eines Juden, der so ganz die Tugenden des Staatsbürgers erfüllte, der so aufrichtig und hingebend für das Vaterland gewirkt hat, — das gereicht dem Judentum zur Ehre, vermehrt die gerechte Würdigung der Juden als Glieder des deutschen Volkes. Vom Juden des 20. Jahrhunderts verlangen wir mehr: auch dem jüdischen Kreise soll er mit seinen Fähigkeiten dienen. Bei dem Juden des 19. Jahrhunderts erkennen wir dankbar dies auch als jüdische Leistung an. Aus unserer Gemeinde Konzert Jan Kiepura Auf das Auftreten des so schnell berühmt gewordenen Tenors am Dienstsg, dem 14. Dezember, sei an dieser Stelle besonders hingewiesen. Dem jungen Warschauer, der in dieser Saison zum ersten Male die Grenzen seiner Heimat überschreitet, geht nach den Wiener und Berliner Kritiken ein Ruf voraus, der höchste Spannung erregt. Ob er, wie versichert wird, Caruso gleichkommt, wird man erst feststellen müssen. Sicher ist jedenfalls, caß hier, einem blendenden Meteor gleich, ein Stimmpiränuiiicü von ganz einzigartigen Qualitäten am Kunsthirnme! aufgetaucht ist, und man wird der Zionistischen Vereinigung Dank wissen, daß sie kein Opfer gescheut hat, um Leipzig die Bekanntschaft dieses Sangers zu vermitteln. —tz. Frauen Versammlung des Central Vereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens Ortsgruppe Leipzig Dem Rufe der rührigen Ortsgruppe des C.-V. waren zahlreiche jüdische Frauen Leipzigs geioigi. Der Vorsitzende, Herr Julius Krause, betonte in seinen Begrüßungsworten, daß nicht die Begründung einer neuen Frauengruppe geplant sei. Es sollen vielmehr die jüdischen Frauen Leipzigs, die sich zu den Anschauungen des C. V. hekennen. für eine regere Mitarbeit an seinen Bestrebungen gewonnen werden. Die Mittel, die für solche Bestrebungen wirksam gemacht werden sollen, wurden in zwei, von Frauen gehaltenen Referaten gezeigt. Frau Justizrat Else Dormitzer (Nünberg) behandelte „die Stellung der Jüdin im deutschen Volksleben''. Auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens sind den Frauen in einem Umlange, den selbst die kühnsten Optimisten unter den Frauenrechtlerinnen nicht anzunehmen wagten, alle Recht« zuerkannt wurden. Es erwächst daraus auch der jüdischen Frau die Pflicht, nach ihren Kräften mitzuwirken zur Entwicklung, Vervollkommnung und Veredlung des menschlichen Geschlechts. Die Leistungen, die eine s ältliche Reihe jüdischer Frauen in Vergangenheit und Gegenwart aufweisen, müssen der Judin unserer Tag« ein Ansporn werden, in gleichem Wollen ihre Kraft zu e tlalten. Die Uranlänge der jüdischen Sittenlehre, Bibel und Talmud, räumen der Frau eine hohe Bewertung, eine bevorzugte Stellurg ein, die sich darin dokumentierte, daß kein Ent- Schluß von weittragender Bedeutung, kein wichtiges Geschäft abgeschlossen wurde, ohne daß man die Stimme der Frau und Mutter anhörte. Und es hat sien die jüdische Frau in den Jahrhunderten der Zerstreuung immer wieder als die getreue Gefährtin des Mannes in allem jüdischen R ngen, in allen jüdischen Nöten bewährt. Im Mittelalter haben jüdische Schriftstellerinnen, Dichterinnen, ja auch Predigerinnen für Belehrung, Unterhaltung und für Festigung im jüdischen Leben gewirkt