Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 50 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Jahrgang, ®v- 50 10. fD«5cmbcr tut der Jzr&eliti$cken Am-Hichzö HdxhrickieH tytr GeHieiMcleverw*lt Hz l iqionzqt mz inak $u Ät^tg COU/AML %S \ Das Gemeindeblatt erscheint wöchentlich am Freitag. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post zugestellt. Bezugspreis für Nichtmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher. Glockenstraße 11. Telephon 14449. Schriftleitunq: Gemeinderabb. Gustav Cohn. Leipzig, Löhrstr, 10. Telephon 29641. :: Für den Inseratenteil: Siegmund Cohn. Leipzig, Ottostraße 24, Tel. 42945. Druck u, Verlag; W. Teicher, Leipzig, Glockenstr. II, Teleph. 14449. Anzeigenpreise; Die 4 qespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagseiten und Textinserate nach besond. Tarif. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Name» des Verfassers erscheinenden Beiträge und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzl'che Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. Albert Bin jüdische) Von Rabbiner Die Entwicklung des 19. Jahrhunderts stellte den Juden vor die Aufgabe, der Umwelt zu beweisen, daß er, unbeschadet seines Judentums, als wertvoller Bürger seines Landes anzusehen sei. Es lag in der Natur der Verhältnisse, daß viele, in dem Bestreben, dieser Aufgabe besonders hingebungsvoll zu dienen, das Judentum hinter das Rein-Menschliche und die bürgerliche Bewährung zurückdrängten. Jahrhundertelang hatte man ja die Ausschließung der Juden aus dem Volksganzen damit begründet, daß den Juden sein Judentum hindere, ganz innerlich an dem Wohl und Wehe des Volkes Anteil zu nehmen. Was lag näher, als daß man den Gegenbeweis durch besonders intensive Bewährung von Bürgertugenden, seihst auf Kosten, ja gerade auf Kosten seines Judentums zu erbringen gedachte! — Aber es ist ein Zeichen durchaus unge schichtlichen Denkens, wenn man heute spöttisch auf jene sieht, I die in dieser Art auf die Befreiung aus dem Ghetto reagierten. Sie haben auf ihre Weise dem Judentum unzweifelhaft einen großen Dienst geleistet, haben zu einem großen Teile erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß der ernste Wille und die entschiedene Befähigung des Juden für das Staatsleben nicht mehr ernsthaft angezweifelt wird (die Schreckgespenste der Völkischen können als „ernsthafte" Zweifel nicht gelten). Darum können wir die Leistung eines Juden heute anders werten, und darum sprechen wir von einem bedeutenden Juden heute nicht nicht mehr, ohne uns zu fragen: was bedeutete er dem Judentum? — Wenn uns das Erscheinen einer ausgezeichneten Monomer Albert Ballin (Peter Franz Stubmann: Ballin. en um Werk ires deutschen Reeders. Mit 12 Abbildungen und 3 Brielfaksimiles Berlin Grunewald. Verlagsanstatl Hermann Klemm* A.-G.) Anlaß gibt, uns erneut mit dieser markanten Persönlichkeit, diesem königlichen Kaufmann zu beschäftigen, so werden wir auch bei ihm diese Gedankengänge j nicht übersehen dürfen, werden uns aber vor der Gefahr hüten müssen, dieser. Großen ungerecht zu beurteilen, indem wir an sein Löben und Tun den Maßstab anlegen, mit dem mau heute an die Menschen herantritt, Prägen wir, was Ballin dein Judentum bedeutet, so gibt der Biograph nur dürftige Auskunft. Er berichtet, daß dieser Mann, den die Freundschaft Kaiser Wilhelms II. auszeichnete, ' Ballln r* Kaufmann Gustav Cohn allen Lockungen, sich durch die Taufe Zugang zu den höchsten Ämtern zu sichern, einen unbeirrten Widerstand entgegensetzte. Zweifellos fühlte er sich mehr als nur äußerlich zum Judentum gehörig Darum waren seine Intimen mit wenigen Ausnahmen Glaubensgenossen, Männer, mit denen ihn gemeinsames Fühlen verband: der Hamburger Bankier Max R. Warburg, Carl Fürslenberg (von der Berliner Handelsgesellschaft), Dr. Salomonsohn (Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft), Emil Rathenau (der Vater von Walter Rathenau). Aber es ist auffallend, daß dieses jüdische Gefühl zu keiner positiven Beziehung zu jüdischen Dingen geführt hat. Es wirkt fast wie ein Hieb, wenn festgestellt wird, daß die Hamburg-Amerika- Linie kaum einen jüdischen Angestellten gehabt hat, wenn Ballin geradezu gegen die Anschuldigung in Schutz genommen wird, „daß man ihm ... fast Tendenzen in dieser Richtung zuschreiben könnte." So manche Interessen fesselten den klugen und begeisterungsfähigen Mann; aber nie und nirgend begegnen wir ihm bei einer jüdischen Sache, weder einer jüdisch caritativen, noch einer jüdisch religiösen odtr einer jüdisch-politischen Angelegenheit. Und dennoch wäre es ungerechtes Urteil, wollte man daraus folgern, daß Ballin dem Judentum keinen Dienst geleistet habe. Er muß gewürdigt werden als ein Sohn des neunzehnten Jahrhunderts; und da mögen wir beklagen, daß er, wie noch mancher andere, jüdischen Dingen keine direkte Förderung zuteil werden ließ: durch die Wucht seiner Persönlichkeit, durch das Werk, daß er aufgebaut, durch die Bedeutung, die er für das gesamte Wirtschaftsleben seines Vaterlandes, ja der ganzen Welt gewonnen hat, hat Bai in dem Judentum und der hen Gesamtheit ungewöhnlich viel an Ehre und Ansehen >fi ien. Redit bezeichnend ist die Bemerkung, mit der einmal der Kaiser den Hinweis eines Herrn seines Hofes auf Ballins Judentum abtat: „Ballin Jude? — keine Rede! BalliO ist Christ!" — Womit zweifelsohne gesagt werden sollte, daß seine Persönlichkeit und sein Werk frei sei von jedem Makel, mit dem man sonst den Juden behaftet sah. — Schon der Werdegang Ballins, dieser aliein auf Arbeit un 1 Können sich gr.;ndende Aufstieg, ist imponierend. Er wurde am 15. August 1857 als das dreizehnte Kind des Samuel Joel Baliin geoorer:. beine Mutter, Tochter eines be-