Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 46 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 2. Jahrgang Nahum Sokolow in Leipzig Am Montag, dem 1. November, sprach der Präsident der Exekutive der zionistischen Weltorganisation, Nahum Sokolow, vor einer stattlichen Zuhörerschaft. Aus hohem, von allen anerkannten Idealismus - so etwa führte er aus — ist der moderne Zionsgedanke entstanden, gereift urd zur Tat geworden. Aber nicht für die Zionisien, sonüern für das gesamte jüdische Volk wird Palastina wiedererbaut. Immer wieder hat Sokolow sich gefragt: Bin ich in dem Bestreben, meinem Volke zu helfen, als Zionist ein Romantiker geworden, Oder habe ich den Konnex mit der Gesamtheit der Juden behalten? Und immer wieder mußte er antworten: Ich blieb Realpolitiker, die Idee kann zur Wirklichkeit weiden; Palästina ist unsere allgemeine jüdische Sache. Sagt nicht das Dichterwort: aus Zion soll die Hilfe kommen? Ist es nicht ein uraller jüdischer Sehnsuchtsschrei aus dem üolus? Nie haben die Juden ihr Judentum vergessen. Aber im dolus ist das soziale Leben in das Religiöse verlegt worden. 3 Reb Jisroel zu M'summon und 10 zu Minjen Wer aber dachte an die vielen Millionen Reb Jisroel, an ganz Israel? Israel. Judentum ist etwas Großes; das weiß auch der assimiliert» ste Jude. Das bezeugen die Leiden der Jahrtausende. Warum hat der Jude geweint bei Tag und bei Nacht? Ls ist das Groß -, Unaussprechliche, was die Menschen Golus Hasch'china nennen. Was ist die Sch'china? Die Ausstrahlung des Göttlichen in dem Berühren mit oem Menschlichen. Wir waren gesegnet, solange wir die Sch'china hatten. Aber Palästina ging vetloren. und die Sch'china wurde heimatlos Daher weinten die tiefsten Zunisten in ihrer Intuition, lange vor! dem modernen Zionismus. Und wenn auch große Werke im Golus entstanden: Mischna und Talmud, die Werke eines Maimon. Nachman und Raschi, die Sch'china in ihrem alten Glänze kam nicht wieder. Auf ihrer ruhelosen Wanderung ließ sie sich zuletz* in Rußland nieder. Das alte Rußland wurde das Zentrum des jüdischen Volkes; hier blühten große Schulen auf. Hier gingen große Gelehrte und Dichter hervor. Abra mowiez, Scholem Alejchem, Achad Haam, um drei Namen zu nennen. Dann kam die Haskala, die Aufklärung. Da staunte Rußland über die Intelligenz des jüdischer. Akademikers, über das Genie des judischen Parlamentariers. Die Thora abei geriet immer mehr iil Vergessenheit, und heute schreitet tagtäglich der furchtbare Auflösungsprozeß des Judentums im Osten fort. Unser Judentum ist in Gefahr! Thora und Talmud werden nicht mehr studiert, sie. unser höchstes Leben. Traurig ist es, wenn der einzelne Jude leidet unter den Angriffen des Leindes, aber schlimmer ist es, wenn der Angriff gegen die Lehre sich richtet. Da muß man Lehre und Talmud sehr genau kennen, um Antwort zu haben. Durch oberflächliche Beschäftigung wird man nicht eindringen. Heute kennt man kaum noch die Stätten der Talmudgelehrsamkeit in Spanien und hrankreicr, weiß wenig von den großen Führern wie Maimon und Nachman Wohin ging ihr Sehnen? Nach Palästina. Dort ist ihr Grab. Uberali eine alte Sehnsucht nach Lrez Jisroel. Das Peßachfest mit seiner tiefen Symbolik — was anders will es besagen? Seit 4000 Jahren wird es gefeiert von allen Juden und in dem hohen Gedanken an die schöpferische Tat, in dem sittlichen Willen, Gott ähnlich zu werden. Der Palästinagedanke hat gegenwärtig seine besondere Bedeutung. Man denke nur an die Leiden der Juden in Rumänien — in diesem Augenblick. Und wenn sie auswandern, sie finden verschlossene Tore. Amerika und England nehmen sie nicht auf. Wer von ihnen aber nach Palästina kam, der wurde wieder glücklicher ui d hoflnungsfieudiger. Auch die Assimilation vermag nicht die Lage der Juden zu bessern. Die Nachahmung des Fremden, vielfach rur in äußerlichen Dingen, ist würde- und kulturlos. Kultur ist, in seiner Eigenart schaffen: trotzdem kann man im Wirtslande ein guter Staatsbürger sein. Wir wiederholen im Bestreben der Assimilation so oft, daß wir Patrioten sind, daß man daran zu zweifeln beginnt — Die höchste Kultur kann man nur im Lande der Väter pflegen; Erez Jisroel wird die Stätte der Thora sein. Und zugleich die Stätte jüdischer Wissenschaft, die auf der Thora sich gründet. Sokolow, der selbst heute noch eifriir. G'more lernt, bewundert die Juden, die in Deutschland die wissenschaftliche — jüdische Methode begiündet haben: Zunz, Geiger, Grattz. Aber in Palästina werden diese immensen geistigen Kräfte erst richtig zur Entfaltung kommen. Aber die Wissenschaft ist nicht das Letzte. „Dies ist die Quintessenz meines Lebens," sagt Sokolow, „das Judentum kann man nicht rein wissenschaftlich verstehen; nur ein toter Körper läßt sich sezieren. Aber das Judentum lebt, und es lebt von neuem auf an der Stätte der Väter Ich habe die Bibel studiert, aber verstanden habe ich sie erst in Erez Jisroel. Wir leben die Bibel in Erez Jisroel, und bei aller Achtung vor den Gelehrten, ein zehnjähriges Kind in Palästina fühlt den Geist der Bibel besser." So ist Palastina von Natur aus das religiöse Zentrum der Juden, es soll eine Ausbildungsstälte werden für Rabbiner aus der ganzen Welt Heute ist Palästina ein Werk des allgemeinen Bauens: vom Ackerbau angefangen bis zu den hohen Kulturstätten. Gottes Segen war bei dieser gewaltigen Arbeit mit uns. Nodi ist die Erlösung nicht da, aber „ich glaube," sagt Sokolow, „Palästina ist der Anfang der Erlösung. Die Mission des Judentums ist, nicht über die Mission des Judentums zu reden, sondern zu handeln und zu helfen". Herbert Buky. r--\ Eclhfc silberne Bestecke ÖOO gest. 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