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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-11-12 · 46 (12.11.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
46 (12.11.1926)
Date
1926-11-12
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang nungsnot, und nicht zuletzt die Verschlechterung der Moral, das Absinken der geistigen Ebene bei allen Bevölkerungsschichten und auch bei den Juden. Denn die Tuberkulose ist eine Krankheit, bei der sich jede Unsauberkeit, jede Vernachlässigung, jeder Mangel an Selbstdisziplin in furchtbarer Weise rächt, am Einzelnen und am ganzen Volke. Man hat es iängsi cikannt, daß jeder Tuberkuloselall ein Unglück für die Gesamtheit ist, und so haben Staat und Oesellschaft seit einigen Jahren gewaltige Maßregeln getroffen, um jeden Kranken zu erfassen und ihn womöglich zu heilen, jedenfalls aber seine Ansteckungsfähigkeit auf ein Minimum herabzusetzen. Bei den Juden ist in dieser Hinsicht vor dem Kriege nicht viel geschehen, aber die wenigen jüdischen Tuberkulose-Heilstätten genügten für ihre Zwecke. Jetzt aber, bei der stärkeren Ausbreitung der Krankheit unter den Juden, treten ganz andere Forderungen an die Gesamtheit heran. Wir dürfen uns dabei nicht beruhigen, einer Anzahl armer Tuberkulöser Behandlung und Almosen gewährt zu haben. Nicht Wohltun ist jetzt Not, sordern Zedakah, das ist Gerechtigkeit: wir müssen fühlen, daß jede Tuberkulose unter den Juden eine Krankheit an unserem eigenen Körper ist. Wir brauchen eine spezifisch jüdische Tuberkulose- Fürsorge, die auf die besonderen Verhältnisse der Juden und ihre eigenartige seelische Verfassung eingeht. Zuerst müssen mehr jüdische Heilstätten geschaffen werden für beginnende Krankheitsfälle, die — und das ist ein großer Trost — heilbar sind. Wir brauchen jüdische Sanatorien, nicht nur der koscheren Verpflegung halber, sondern weil der gesellschaftliche Boykott den Juden den mehrmonatigen Aufenthalt in einer allgemeinen Anstalt zur Qual nrcht. Wir brauchen aus demselben Grunde jüdische Häuser für Schwerkranke, denen kein ..Zauberberg" mehr helfen kann, wo sie isoliert werden und der Allgemeinheit nicht mehr schaden Dabei sei bemerkt daß die Behandlung ansteckender Krankheiten durch Isolierung eine uralte jüdische Erfindung ist, die von den anderen Völkern erst im Mittelalter auf grund biblischer Anregungen nachgeahmt wurde. Wir müssen ferner jüdische Fürsorgestellen für Tuberkulöse begründen, die nach dem Vorbilde der bereits vorhandenen allgemeinen Stellen arbeiten sollen, d. h. sie müssen den einzelnen Kranken zu erfassen suchen, ihn der Behandlung zuführen und durch Fürsorge-Schwestern ihn betreuen. Es ist klar, daß wir dazu jüdische Schwestern und Ärzte brauchen, die auf die Seele des Patienten eingestellt sind. Einer befehlenden Obrigkeit gegenüber wird der Jude leicht verstockt und sucht seine Krankheit zu verheimlichen. Das ist die größte Gefahr bei der Tuberkulose. Die jüdische Schwester soll den Kranken in seiner Wohnung aufsuchen, ihn belehren, daß die Ansteckungskeime sich im ausgehusteten Sekret befinden (die Atmungsluft ist nicht ansteckend), und daß die Bazillen sich im Staube der Wohnung lange Zeit lebend erhalten, aoer durch Sonnenlicht in kurzer Zeit abgetötet werden. Die Tuberkulose ist eine Wohnungskrankheit, und je schlechter die Wvyhnungsverhältnisse heute sind, desto mehr muß für Sauberkeit gesorgt werden. Folgende Stelle aus dem Talmud (zitiert bei Preuß. Biblisch-talmudische Medizin) paßt gut hierher: „Als ein Schüler des Rabbi Akiba krank war, besuchte ihn dieser, und dadurch, daß die Leute auf setne Veranlassung das Krankenzimmer fegten und scheuerten, ward der Schüler gesund". Neben der Sorge für Sauberkeit ist noch vieles andere zu bedenken: bessere Nahrung, Aufenthalt im Freien, eventuell Berufswechsel usw. Auf weitere Einzelheiten sei hier nicht eingegangen, die Wichtigkeit einer besonderen Fürsorge für jüdische Tuberkulöse ist erwiesen und an leitenden Stellen erkannt worden. Es haben sich große jüdische Verbände zu einer Arbeitsgemeinschaft jüdischer Tuberkulose -Fürsorge zusammengeschlossen, und zwar die Zentralwohlfahrtsstelle in Berlin, der Jüdische Frauenbund, die Bne Briss-Logen und die Zionistische Vereinigung. In Frankfurt, in Berlin und Breslau sind bereits Fürsorgestellen eingerichtet worden. Die Judenschaft in Leipzig wird nicht beiseite stehen dürfen und muß diesem brennenden jüdischen Problem so bald als möglich ihre Aufmerksamneit zuwenden. Gemeindesitzung vom 8. November 1926. Amtliche Niederschrift. Nach Eröffnung der Sitzung wird sofort zur Tagesordnung geschritten. 1. üemeindeanlagen 1925. Herr Breslauer legt dar. daß zur Deckung des Haushalt-Fehlbetrages für 1925 2«i eine üemeindeanlage in Höhe von 15 Prozent der für 1925 veranlagten Reichseinkommenstcuer erforderlich sei. Dementsprechend erfolgt die endgültige Festsetzung einstimmig. 2. Vermächtnisse und Zuwendungen: a) Der Gemeinde sind durch letztwillige Verfügug des verstorbenen Herrn Adolph Reichenstein 3U00 Mk. zugeflossen, die als Grundstock für eine zu errichtende Hilfskasse für den notleidenden Mittelstand verwendet werden sollen. Das Kapital dieser Kasse kann zu Darlehen und zu Unterstützungen verwendet werden. b> Von den Geschwistern Schub ist beabsichtigt, eine Abel- und Esther - Schub-Stiftung mit einem Kapital von 2U00 Mk. zu begründen, mit der Bestimmung, daß die Zinsen an den Frauen-Verein Ruth abgeführt werden. Herr Schick gibt dazu namens der Schenkgeber die Erklärung ab, daß im Falle der Auflösung des Vereins Ruth die Zinsen der Gemeinde zur Verwendung verbleiben sollen. Beide Zuwendungen werden mit dem Ausdruck des Dankes angenommen. 3. Zuschuß für den Verein Hachnossas Aurchim. Der Verein bittet um Gewämung von 500 Mk. zur Deckung des im Vorjahr entstandenen Fehlbetrags, was der Vorstand befürwortet. Nach kurzer Besprechung wird der Betrag einstimmig bewilligt mit der von Herrn Tumpowsky beantragten Maßgabe, daß eine Neuorganisation des Vereins verar hßt werden soll. 4. Mitteilung über die Anleiheverhandlungen. Herr Vorsitzender gibt eine Uebersicht über den jetzigen Stand der Verhandlungen mit der Communalbank für Sachsen und verliest den Brief dieser Bank, aus dem die näheren Bedingungen der Darlehnsgewährung hervorgehen. Herr H o d e s gibt dazu noch weitere Erläuterungen. Mit der Aufnahme des Darlehens soll zugleich die alte Anleihe der Gemeinde endgültig getilgt werden. Die Versammlung erklärt sich mit diesen Ausführungen einstimmig einverstanden. Herr D u b i n e r bemängelt, daß ein neulich auf dem Friedhof vorgekommener Fall durch Veröffentlichung im Gemeindeblatt in die Oeffentlichkeit getragen worden sei. Herr Vorsteher erwidert, daß der Vorfall derart ärgerniserregend gewesen sei, daß ein strenges Vorgehen geboten war. Herr H o d e s gibt eine nähere Darstellung des Falles und erklärt, daß der Vorstand gegen eine Verspätung von Beerdigungsfeiern Vorsorge getroffen hat. In der Besprechung wird von mehreren Seiten das Verhalten der Ruhestörer scharf gerügt, von anderer Seite mit den Begleitumständen entschuldigt. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. Herr D u b i n e r betont, daß er die Sache lediglich im Interesse der Ordnung zur Sprache gebracht habe. Es folgt eine nichtöffentliche Sitzung.

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