Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 46 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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2. Oa^rgang, Ofiv. 46 12. Qloücmbcr 192* wttii^M dzr Jzr&elitischen Amtliches Ntchrkteehblä hier CeßHeiHdeverw^lfHrt kz l iglonggo. ftiz Inde ft tti^ ZCKI/AtlO l£ K Das Gemeindeblatt erscheint wöchentlich am Freitag. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post zugestellt. Bezugspreis für Nichtmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher, Glockenstraße 11. Telephon 14449. Schriftleitung: Gemeinderabb. Gustav Cohn. Leipzig. Löhrstr, 10. Telephon 29641. :: Für den Inseratenteil: Siegmund Cohn. Leipzig. Ottostraße 24, Tel. 42945. Druck u, Verlag: W. Teicher, Leipzig, Glockenstr II. Teleph. 14449. Anzeigenpreise; Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagseiten und Textinseratc nach besond. Tarn. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Namen des Verfassers erscheinenden Beitrage und die Vereinsnachrichten nur die preßgeset7liche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe Lnd Genehmigung des Verfassers gestattet. » Tuberkulose bei den «luden vor und nach dem Kriege Von Dr. Hermann Spitz Es ist eine wissenschaftliche Tatsache, daß vor dem Kriege die Tuberkulose unter den Juden bei weitem weniger verbreitet war als unter den Nichtjuden. Das ließ sich nicht nur in Ländern hoher Kultur mit ausgebildeter Hygiene und einer wohlhabenden Judenschaft feststellen, sondern auch in finstern, elenden jüdischen Wohnsitzen, dorl, wo man theoretisch ein üppiges Wuchern der „weißen Pest" erwarten mußte, unter schlecht ernährten, schmalbrüstigen Juden, die in ungesunden Berufen lebten. Einige sprechende Zahlen: Es starben an Tuberkulose auf 100Ü0 Einwohnet: 1905 in Berlin 22 Nichtjuden, 10 Juden 1906 in New York 24 „ 14 1900 in Warschau 28 „ 15 1900 in Lemberg 68 „ 36 Überall erkrankten in derselben sozialen Schicht nicht nur halb so viel Juden als Nichtjuden, sondern die Gelehrten sind sich auch einig, daß die tuberkulösen Krankheiten bei den Juden im allgemeinen leichter verliefen. Sie befielen mehr ältere Personen und gestalteten sich in ihren widerstandsfähigeren Körpern zu mehr gutartigen, chronischen Leiden. Zur Erklärung dieser eigenartigen Erscheinung sind natürlich die bei allen Nationalisten beliebten Kassentheorien herangezogen worden. Einer hat sogar die Tatsache der geringen Tuberkulose-Lmpfänglidikeit als Beweis für das Bestehen einer einheitlichen jüdischen R isse hingestellt. Wir sehen aber aus den Zahlen, daß unter schlechten kulturellen Bedingungen stets auch mehr Juden an Tuberkulose erkranken, allerdings immer noch weniger als die Nichtjuden. Diese relative Überlegenheit ist kein geheimnisvoller Rassezauber, sondern die Folge einer in manchen Ländern unbestreitbaren geistigen Überlegenheit des Juden: Religion und Klugheit gebieten ihm die Reinhaltung und Gesundhaltung des Köipers, auch unter den sdnvierigsten Bedingungen: Reinlichkeit, richtige Auswahl und Zubereitung der Speisen. Mäßigkeit in den Genüssen — auf Einzelheiten braucht hier nicht eingegangen zu werden — sind die stärksten Feinde der Tuberkulose. Ein Gelehrter hat ausgerechnet — das sei als Kuriosum erwähnt — daß, während im Krühjahr die allgemeine Sterblichkeit am größten ist, bei den Juden gerade sehr wenige im Frühjahr sterben. Und das führt er auf das große Reinemachen zu Peßach zurück, wo ja eine fast wissenschaftliche Sterilisierung von Wohnung und Gebrauchsgegenständen eintritt, das gute Essen und die Ruhe nicht zu vergessen. Was die Reinheit der Speisen anbetrifft, so sei noch auf die obligatorische Fleischbeschau der Juden hingewiesen, die sie schon 2Ü00 Jahre vor»den heutigen Kulturvölkern geübt haben, und bei der zwangsweise alle tuberkulösen Fleischteile ausgeschaltet wurden, schon zu einer Zeit, wo Name und Begrüf der Tuberkulose noch nicht erfunden waren. Die oft übertriebene Besorgnis des Juden um seine Gesundheit und die seiner Angehörigen mag bei manchen Krankheiten fast eine schädliche Wirkung haben, besonders bei Nervenleiden, sodaß der berühmte Nervenarzt Oppenheim von seinen jüdischen Patienten sagen mußte: „Sie leiden viel weniger durch ihre Krankheit, als durch die Reflexion über dieselbe, ja oft genug; bedeutet diese ihr einziges Leiden". Bei der Lungentuberkulose liegen aber die Verhältnisse anders. Hier ist die Krankheit nur in den ersten Anfängen heilbar, und in dieser Beziehung ist die jüdische Ängstlichkeit nur von Nutzn. Während wir also vor dem Kriege mit einiger Beruhigung feststellen konnten, daß die Tuberkulose bei den Juden überall in noch höherem Maße zurückging als bei der übrigen Bevölkerung, hat dann der Krieg diesen Trost und diese Hoffnungen mit einem Schlage zerstört. Einige Zahlen reden wiederum für sich selbst: in Petersburg starben auf 10000 Einwohner an Tuberkulose: 1910 14 15 Juden. 34 NichJuden 1915 17 16 ,. 30 1918 20 23 ,. 42 Auch in Deutschland ist festgestellt worden, besonders durch die Arbeiten von Prof. StrauB in Berlin und seiner Schüler, daß die Tuberkulose sich unter den Juden nach dem Kriege in erschreckender Weise ausgebreitet hat. und daß die Krankheit in höherem Maße als früher junge Leute und Kinder ergreift, also einen viel gefährlicheren Charakter angenommen hat. Die Sterblichkeit der Juden bei Tuberkulose betrug in Berlin vor dem Kriege ungefähr 20",,, die Besserung 75" „. Nach dem Kriege verliefen 40" „ der Tuberkulosefälle tödlich, und nur 40",, wurden gebessert. Die Ursachen dieser erschütternden Umwälzung kennt jeder, den Niedergang der Wirtschaft, den Nahrungsmangel, die Woh-