Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 44 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 2. Jahrgang derartigen Versuche, weiter in das Innere Rußlands hinein, wesentlich weiter nach Osten gelegt werden. Voraussetzung hierfür wäre allerdings u. a., daß die Sowjet-Regierung bereit ist, einer Lösung der Ostjudenfrage nach dieser Richtung hin zuzustimmen. Zur praktischen Durchführung hätte alsdann unter Zustimmung und unter Beihilfe der Sowjet-Behörden eine h'xpedition Rußland zu bereisen, um festzustellen, in welche Städte eine Ubersiedlung durchführbar und wir sdialtlidi zweckmäßig wäre. Ebenfalls zu untersuchen wären durch eine Expedition jene ländlichen Gebiete, die für die Ansiedlung von Bauern in Betracht kommen und die durch die Sowjet-Regierung zur Verfügung gestellt werden können. Nach Erledigung dieser Vorarbeiten muß die ganze Aktion zur Realisierung des Planes beginnen Die Finanzierung dieser Unternehmungen ist gewiß ein sehr ernstes Problem. Die Alte Welt ist gegenüber dem Zustand vor dem Weltkriege verarmt, fast ganz Europa zum mindesten, und nur die Vereinigten Staaten von Amerika sind reich »eblieben und weit reidier geworden, als sie vor dem Weltkriege gewesen sind. Es sollte zu erreichen sein, daß auch die Sowjet Republik* n an der weiteren Aufbringung dieser Mittel sich beteiligten, entweder durch Hergabe von Land oder durch Gewährung von staatlichen Diensten ohne Entgelt. Eine Lösung der Ostjudenfrage ist zugleich ein russisches Interesse. Diese Frage ist nicht nur eine humanitäre Frage, sondern zugleich eine russisch-politische Frage, der die Sowjet Regierung ' ihr staatliches Interesse weiter zuwenden sollte und, wie es scheint, auch zuzuwenden nicht abgeneigt izt. Darüber hinaus sind freilich noch sehr erhebliche Beträge zu beschaffen. Für den Anfang sind Riesenbeträge durchaus nicht erforderlich. Jedenfalls sollten folgende Vorarbeiten geleistet werden: 1. die Verhandlungen und die Festsetzungen mit der Sowjet-Regierung in Moskau; und sind sie zu einem günstigen Abschluß gelangt, 2. die Bereisung Rußlands von i iner geeigneten, zweckmäßig zusammengesetzten Kommission, die alsdann der Sowjet - Regierung die konkreten Vorschläge zu machen hätte, auf Grund deren erst die Umsiedlung tatsächlich in Angriff genommen werden kann. Das Ziel ist ein großes; die Schwierigkeiten sind gewiß keine geringen; aber die Schwierigkeiten lassen sich überwinden, und nach menschlicher Voraussicht ist das Ziel durchaus erreichbar. Millionen von Juden im Sowjetstaat aus ihrer furchtbaren heutigen Lage zu befreien und damit auch den Millionen von Juden in Polen Ireiere Lebensmöglichkeiten rückwirkend in Aussicht zu stellen — das ist das Ziel, für das sich einzusetzen wohl lohnt. Eine Aufgabe können auch schon die deutschen Juden für sich allein lösen; sie können jene Kosten tragen, die erforderlich sind, um die Vorexpedition nach Moskau und gegebenenfalls in das russische Land hinein zu bringen. Jüdisches auf der Polizei-Ausstellung Die große Berliner Polizei-Ausstellung 1926 enthält auch eine kleine Sonderausstellung „Polizei und Judentum". Polizeipräsidium und Staatsarchiv von Frankfurt a. M stellen l'rkunden aus über das leben der Juden in Frankfurt im Mittelalter. Man findet z. B. eine Beschwerde des Papstes über das Wuhnen der Juden in der Nähe der St. Bartholomäuskirche zu Frankfurt im Jahre 14(32. Also lesen wir: „... so konnten sie und können sie fortgesetzt beschauen die Gebrauche der christliehen Religion, wie sie geübt werden bei der Bestattung der Toten, bei der Zurschaustellung der Monstranz bei der Messe, bei der Verehrung der Reliquien und bei dem Weihwasser Auch hören sie die Messe singen, die in dieser Kirche mehrmals geleiert wird Dies bringt unserer Religion und Gottesverehrung Schimpl und Schande, gibt ein verderbliches Beispiel und ist dem christgläubigen Volke ein Ärgernis..." Das Museum jüdisdier Altertümer zu Frankfurt steuert einen Reisepaß des Dichters Ludwig Boerne aus dem Jahre 1833 bei. Das Stadtarchiv stellt einen Senatsbesdiluß aus, der den kaiserlichen Befehl zur Verfolgung und Bestrafung der Aufrührer. die die Judengasse geplündert haben, bekanntgibt (anno 1614). Die Sammlung Stiebel zeigt eine alte, zuletzt im Jahre '.1! erneuerte Verordnung, wonach sich die Juden durch ein - : : len Judenileck, kenntlich machen mußten. Ein interessantes Dokument ist ein ..Verkauf der Juden- Schaft'' durch Kaiser Karl im Jahre 13^3. Es heißt da: Wir haben die bemerkenswerten großen Schaden an der Brücke, die zwischen Frankfurt und Sachsenhausen über den Main führt, wahrgenommen und haben daher zu öffentlichem Nutzen nach reiflicher L berlegung und aus kaiserlicher Machtvollkommenheit den Bürgermeistern, dem Rate und der Stadt zu Frankfurt die Gnade erwiesen. unJ die Vollmacht gegeben. Juden, männliche und weibliche, in die Stadt zu ziehen, und sich mit ihnen über einen jährlichen Zins zu einigen Der Übersdiuß aus dem Zinsertrag soll zur Hälf'e in unsere kaiserliche Kammer fließen, zur anderen Hälfte zum Nutzen der Frankfurter Brücke verwendet werden..." Ein ausführlicher, durch 8 Bilder illustrierter Beridit gilt dem f Igenden Geschehnis: Nachdem Frankfurt durch diesen Erlaß Kaiser Karls die Erlaubnis zur Aufnahme von Juden in der Stadt erhalten hatte, wurde die Judenschaft in einer besonderen Gasse untergebracht. Später erhielt sie die Judengasse als Ghetto zugewiesen. Unzufriedene Handwerksburschen drangen anno 1614 in Massen in die Judengasse ein, plünderten und mordeten dort unter Führung des deshalb später enthaupteten Bäckers Vinzenz Fettmilch. Am Tage nach der Plünderung sind die Konstabier eifrig bemüht, die Judenschaft auf dem Main nach Kelsterbach in Schutzhaft zu bringen. Kupierstiche zeigen die Ermordung eines dänischen Hauptmannes durch einen Juden, die Hinrichtung eines jüdischen Mörders und die Hinrichtung des Samuel Jud. Interessant ist ein Kassiber in hebräischer Schrift aus dem Jahre 1751. Der Jude Schloma hat aus seinen ledernen Hosen ein Lederstückchen herausgerissen, die Schritt mit einem Hoizspan eingegraben und sie darauf in einen Krug, darinnen ihm das Wasser gebracht, getan, mit welchem er den Kassiber aus dem Gefängnis praktizieren wollte. Der Jude war wegen Falschmünzerei in Untersuchungshaft. An anderer Steile der Ausstellung sieht trun Bilder der „Jüdischen Wanderfürsorge", so u. a. die Werkstätten in der Auguststraße. Der „Jüdische Bahnhofsdienst" in Deutschland ist durch Propagandamaterial vertreten. Das „Jüdische Zufluchtsamt" in der Elsasser Straße zeigt Bilder von der Errichtung seines Heims.