Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 44 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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2. ^afcrgang, Str. 44 20. mtobcv m$ vm der Jsr&elitiscken Amtliches NdxfirichiwMdi ^€r (/eMieindeverw<HM Das Gemeindeblatt erscheint wöchentlich am Freitag. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post zugestellt. Bezugspreis für Nichtmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W Teicher, Glockenstraße 11. Telephon 14449. Schriftleitung; Gemeinderabb. Gustav Cohn, Leipzig. Löhrstr. 10. Telephon 29641. :: Für den Inseratenteil: Siegmund Cohn, Leipzig. Ottostraße 24. Tel. 42945. Druck u. Verlag; W. Teicher, Leipzig, Glockenstr. 11. Teleph. 14449. Anzeigenpreise; Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien und kleine Anzeigen 10 Pfg Umschlagselten und Textinseratc nach besond. Tarif. Die Scnriftlcitung übernimmt für die unter dem Name» des Verfassers erscheinenden Beiträge und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. Dp. Paul Nathan Uber das Problem der Ostjuden Im Philo-Verlag (Berlin) ist soeben eine Broschüre er- I schienen, in der Dr. Paul Nathan: Das Problem der Ostjuden behandelt. Wie man sich zu dem Plane stellen man, den der bekannte und geachtete jüdische Politiker der Öffentlichkeit unterbreitet: ein Vorschlag von Paul Nathan verdient Beachtung. Man muß sich mit ihm befassen. Die reife Erfahrung und der politische Weilblick Nathans würde eine Lösung nicht vorschlagen, die nicht wohl durchdacht wäre. Das Ostjuden-Problem ist, so führt Paul Nathan aus, weder ein ausschließlich jüdisches, noch ein ausschließlich polnischrussisches. Wenn fünf bis sechs Millionen Menschen eng zusammengepreßt in unerträglichen wirtschaftlichen und zum Teil auch politischen Verhältnissen sich befinden, so ist damit in dem kleinen Europa ein Krankheitsherd erzeugt, der zwar nidit von einer gefährlichen Bedeutung für den ganzen Weltteil ist, der aber für die unmittelbare Umgebung nicht als gleichgültig und bedeutungslos bezeichnet werden kann. Die Ostjudenfrage, geschaffen durch den russisdien Despotismus, ist eine Krankheitsquelle in gewissem Umfange für Osteuropa, und in geringerem Umfange für Mitteleuropa mit weilerer Ausstrahlung nach Westen. Diese Krankheitsc|uelle sollte verstopft, sollte in ihren schlimmen Rückwirkungen beseitigt werden. Paul Nathan gibt einen geschichtlichen i berblick über die Ursachen der Zusammenballung von jüdischen Massen im nördlichen Osten Europas, die aui die Zeit der Kreuzzüge zurückgeht, geht dann den Ursachen des wachsenden Antisemitismus und der wachsenden Verfolgungen nach und geißelt die Politik der früheren russischen Regierungen, durdi deren Maßnahmen die Gesamtheit der Juden in Rußland im sogenannten Juden- Rayon zusammengepferdit wurde. Nach einem Überblick über die gegenwärtige Lage der Juden der Ostländer im Zusammenhange mit dem Erstehen neuer Staaten und der umwälzenden Neugestaltung der Dinge innerhalb Rußlands weist er darauf hin, daß eine Auswanderung der wirtschaftlich herabgekommenen jüdischen Massen nach dem Westen und nach Amerika zu einer Unmöglichkeit wurde, seitdem die Vereinigten Staaten ihre Grenze so gut wie vollkommen für die Einwanderer jeder Rasse und Konfession gesperrt haben. Wenn nun nicht durch Auswanderung, so muß die Ostjudenfrage durch russische Binnenwanderung gelöst oder doch wenigstens einer Lösung entgegengeführt werden. Das Reich der Sowjet-Union, das, an den westlichen Grenzen beginnend, das gesamte nördliche Gebiet Asiens bis zum stillen Ozean ausfüllt, ist vielfach außerordentlich dünn bevölkert: es bietet sich hier Raum für Millionen unter einer Voraussetzung, daß nämlidi nidit nur die fiuchtbarsten Ländereien im europäisdien Rußland, sondern auch die städtischen Siedlungen in Europa, sowie das Hache Land und die Städte in Asien mit in Betradit gezogen werden. Es wäre ein vollkommener Mißgriff, die Masse der Juden ausnahmslos oder zum ganz überwiegenden Teil in die Landwirtschaft hinüberführen zu wollen. hs muß differenziert werden, und es müssen landwirtschaftlichen Betrieben nur jene zugeführt werden, die für diese Arbeit die Lignung und Voraussetzung bieten: andere eignen sich als Arbeiter in Fabriken oder in Bergwerken und eine dritte Kategorie endlich von der kaufmännischen Betätigung im weitesten Sinne auszuschließen, wäre sinnlos, wenn jene auf diese Weise sich und dem russisdien Reidie nationalökonomisch besonders nützlich sein können. Das amerikanische „Joint Distribution Comittee", das bisher allein in großem Umfange, weil auf große Geldmittel gestützt, sidi der Umschichtung und Fortführung der Juden des Rayons neben der „Ica". sowie „Ort" und „Ozet" angenommen hat, schuf oereits im Zusammenwirken mit der offiziellen staaiiidi russisdien Organisation dei „Conuet" eine ganze Reihe von Kolonien in SUdrußland. Sie sdieinen khit; angelegt, und ihre Entwicklung verspricht eine gute zu sein. Immerhin: Line Anzahl dieser Kolonien ist von den westlichen Grenzen nicht gerade erheblidi weil entfernt. Darin liegt eine Gefahr. Ob in absehbarer Zeit neue europäisdie Kriege ausbredien werden, in die audi Rußland verwickelt sein wird, kann niemand wissen. Solche Kriege liegen im Bereidie der politischen Möglichkeit, und kämen sie, so würden jene jiidisdien Kolonien wiederum das furchtbare Sdiicksal der jüdischen Ansiedlungen teilen, die im letzten Weltkrieg verwüstet, niedergebrannt, von der judischen Bevölkerung evakuiert worden sind. Bei der Bedrohlidikeit soldier Möglichkeiten sollte die treffliche Kolonisationstätigkeit des „Joint", wie alle anderen