Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 43 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEJNiDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Gelegenheiten schaffen, daß sie Verärgerung verursachen, daß sie die Zeit der anderen überflüssigerweise in Anspruch nehmen und ihnen ein gut Stück ihrer Freudigkeit rauben. Die Klagen über Unpünktliehkeit, an denen sich auch die Unpünktlichen selber beteiligen, würden verstummen können, wenn ein jeder an die anderen denken wollte, die auf ihn warten müssen. Etwas mehr Nachdenklichkeit muß auch auf einem ande ren Gebiete gefordert werden Vereine und Verbände, die sich wohltätigen Aufgaben widmen, stehen heute ungeheuren Anforderungen gegenüber, denen sie nur unter Anspannung aller Kräfte gerecht werden können. Von den Juden ga't immer das Ruhmeswort, D'iam ':a D'Jam daß ihnen der Sinn für Mildtätigkeit von den Ahnen her als ein unveräußerliches Erbgut überkommen isi. Und es tut heute oft bitter not, diesen Edelsinn anzurulen. Nicht jeder eignet sich dafür, nicht jeder hat die erforderliche Zeit und Neigung dazu. Aber wie I sehr muß es diejenigen, die sich solchem heiligen Werke zur 1 Verfügung stellen, schmerzen, wenn sie bei der Sammlung von Spenden in mißverpnügte Gesichter sehen, ja nicht stlten sich eine schroffe, unhöfliche Behandlung gefallen, sich oftmals wie j Bettler an der Türe abfertigen lassen müssen. Wollte sich ein jeder in die Seele dieser uneigennützigen Helfer und Helferinnen hineindenken, dann würde es zahlreiche Fälle geben wie jenen, daß eine Dame den Dank eines Sammlers zurückweist mit den Worten: „Nicht Sie haben zu danken, sondern ich, daß Sie sieb der Mühe unterziehen, zu edlem Zwecke von Haus zu Haus zu ziehen." — Es könnte noch manche ähnliche Erscheir.ung aus dem alltäglichen Leben herausgegriffen und an ihr gezeigt werden, wie viel schöner und freundlicher die Menschen einander das Leben gestalten könnten, wenn sie der Mahnung unserer Lehrer folgten, sich in die Seele der Mitmenschen hineinzudenken. Und das ließe sich in vielen Beziehungen ohne große persönliche Opfer, mit nur etwas menschenfreundlicher Gesinnung durchführen. Würde man sich daran in d e n Dingen gewöhnen, die nur 1ie oberflächlichen Beziehungen von Mensch zu Mensch betreffen, dann würde es auch zum sittlichen Grundsatz werden, der selbst dann befolgt wird, wenn es sich um schwerwiegende Enscheidungen handelt. C. Eine schlechte Sitte Brauch und Sitte bilden bei allen Völkern wertvolle Bestandteile der Kultur, der nationalen Eigenart, und werden daher aufs Sorgfältigste bewahrt und gepflegt. Bei uns Juden aber hat der Brauch, der Minhag, mit Recht als etwas ganz besonders Wertvolles, ja Heiliges von jeher eine direkt religiöse Verehrung genossen. Seit zwei Jahrtausenden des Galuth, im mer fast als kleine Minderheit unter fremden Völkern, die anderen Glaubens, andere, den unseren z. T diametral entgegengesetzte Sitten und Gebräuche hatten, konnte das Judentum sich in seiner Einheit und Reinheit nur dadurch erhalten, daß es im religiösen wie im Privatleben sich bis aufs Kleinste an die überlieferten Sitten und Gebräuche hielt, auch den scheinbar unbedeutendsten Minhag aufs minutiöseste befolgte. Minhg- Israel Din — jüdischer Brauch ist Gesetz — lehrten schon unsere Weisen. Die Ostjuüen aber gehen noch weiter, indem sie erklären, ein Minhag bricht den Din. Sie wollen den jüdischen Brauch noch über das Gesetz verehrt haben. — Es ist daher nur zu begreiflich, daß, wenn bei uns Juden eine Unsitte sich eingeschlichen hat und eine Weile geduldet worden ist, man sie nur schwer, ja manchmal überhaupt nie mehr beseitigen kann. Auf eine solche Unsitte, die ebenso unsinnig wie unjüdisch das Ansehen der jüdischen Gemeinschaft wie die Heiligkeit unseres Gottesdienstes stört, sei hier hingewiesen. Alle Juden, gleichviel welcher religiösen oder sonstigen parteimäßigen Einstellung sie sein mögen, sind darin einig, daß unsere Thora, unsere Propheten, das Herrlichste, das Höchste sind, das die Menschheit, das wir besitzen. Tausende Juden sind für die Erhaltung der Thora freudig in den Tod gegangen: die Thora gelebt und verwirklicht zu haben, ist der schönste Ruhmestitel Israels und selbst Abtrünnige bringen der Lehre zumindest die Hochachtung entgegen, die man einem profanen Kunstwerk höchsten Ranges schuldet. Kommt man aber in eine Synagoge, so kann man an jedem Sabbath und Feiertage die garz unverständliche Beobachtung machen, daß streng fromme jüdische Männer, gottesfürchtige jüdische Frauen die Thora geradezu beleidigen. Sobald nämlich die Thoravorlesung beginnt, ist die Andacht des Gebetes verflogen, und eine lebhafte Unterhaltung setzt in der Männerwie in der Frauensynagoge ein. Wenn der Vorbeter, der mit tya nicht eine Stentorstimme hat, ist es dem Einzelnen, der der Thora- Vorlesung folgen möchte, absolut unmöglich gemacht. So feststehend ist die Unsitte, die Vorlesung der Thora als eine Erholungspause im Gottesdienst anzusehen, daß man demjenigen, der sich nicht an der allgemeinen Unterhaltung beteiligt, es beinahe als Schlechtigkeit auslegt. So hörte ich schon oft eine Frau sich beklagen, ihre Synagogennachbarin sei stolz und unfreundlich, „nicht einmal während des Leienens unterhält sie sich mit mir". — Man schlägt sich vor den Kopf und fragt sich immer wieder, wie konnte eine solche Unsitte bei uns aufkommen und sich einbürgern? Jeder Mann und wohl auch jede Frau weiß, oder sollte wissen, daß die Thoravorlesung ein wichtiger, ja der wichtigste, und wahrscheinlich auch der älteste Bestandteil unseres Gottesdienstes ist. Vom Gebet heißt es: inm ,namn in« liarw la^ai -D^ann — mag der eine mehr, der andere weniger beten, wenn es nur mit Andacht geschieht. Frauen sind zum Besuch des regelmäßigen öffentlichen Gottesdienstes, da es zu den Geboten gehört, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind — na*U ptrtv mxo — überhaupt nicht verpflichtet. Die Thora aber ist der ganzen Gemeinschaft Israels: Männern, Frauen und Kindern am Sinai gegeben. Ihr Wort zu vernehmen, es sich zu eigen zu machen und Tag und Nacht darüber zu sinnen, ist Judentum! Nichts ist in Wirklichkeit Charakter stischu für den Geist des Judentums wie die öffentliche Verlesung der gesamten Thora an den Sabbathen eines Jahres vor den Ohren des gesamten Volkes. Keine gelehrte Theologie, keine Geheimwissenschaft einer bevorzugten Kaste, keine H e i 1 s 1 e h re, die der Priester nach Gutdünken dem einen verkünden und dem anderen vorenthalten kann, ist unsere Thora, sondern das Erbe ganz I s r a e I s, ein Baum des Lebens, eine sprudelnde Wasserquelle, jedem offenbart und zu eigen gegeben. In ihrer schlichten Klarheit, dem einfachsten Menschen verständlich und dem Weisesten ein Objekt unendlichen Studiums! Viermal in der Woche wird die Thora verlesen, außer den zweimal am Sabbath (früh nnd zu Mindia) noch am Montag and Donnerstag. An diesen zwei Wochentagen, den Markttagen im alten Israel, auf Anordnung Esras ausdrücklich, damit die vom flachen Lande hereinkommenden Juden, die daheim keine Gelegenheit dazu haben, daran teilnehmen können. Die wenigsten unter uns modernen Juden der Großstadt haben Lust und Muße, umfangreiche Bibelstudien zu treiben, und selbst unter den Frommen dürfte nicht jeder, wie es die Altvorderen getan, an jedem Sabbat die Sedre maawir sein und zwar oinn nmn tnpn Die meisten hören nur einmal in der Woche Kriath ha Thora. Sollte es ein so großes Opfer sein, dieses eine Mal den Gottesworten die Achtung zu zollen, die wir den Worten des geringsten Menschen nicht versagen: sie in Ruhe anzuhören?! Anna Neumann.