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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-10-22 · 43 (22.10.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
43 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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2. Organa* Mr. 43 2U. Grober m$ j) tnfi»J*Watir der Jer&elitiscken AmUlcKzS Nachrichten bh hier GeineiM<leverw*liuH zllqionZqznizinclz mi &v>$tg ZIKHAR.U %S \ Das Gemeindeblalt erscheint wöchentlich am Freitag. Den Mitgliedern der Rcligionsgememde wird es unentgeltlich durch die Post 7ugestellt. Bezugspreis für Nichtmitglicder monatlich 60 Pfennige. An7eigenannahmc. W. Teicher, Glockonatra&e 11, Telephon 14449 Schriftleitung; Gemeinderabb. Gustav Cohn, Leiprig, l.öhrstr, 10, Telephon 29641. :: Für den Inseratenteil: Siegmund Cohn. Leipzig, Ottostraße 24. Tel. 42915. Druck u. Verlag; W. Teicher, Leipzig, Glorkenstr. II, Teleph. 14449. "Anzeigenpreise; Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagselten und Textinseratc nach besond. Tarif. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Name« des Verfassers erscheinenden Beiträge und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe tnd Genehmigung des Verfassers gestattet. Alltagsethik Als einen der wertvollsten Grundsätze zur Verwirklichung der jüdischen Sittenlehie fordern unsere Lehrer, daß man sich in die Seele seiner Mitmenschen versenke Das gilt, wenn man die Handlungen anderer beurteilen will, und soll nicht minder von Liniluß auch auf das eigene Tun und Lassen sein. Es ist sehr leicht, sich zum Richter über die Taten der Mitmenschen aufzuwerten; aber es ist gar nicht so einfach, auch gerechtes Urteil zu fällen. Zu den Erfordernissen eines solchen gehört nicht rur eine einwandfreie Feststellung der Tatsache selbst, wie sie im wesentlichen der vom Staate mit dem Richteramte Betraute als Grundlage seines Urteils erstrebt: wer das Tun eines andern sittlich werten will, darf nicht nur objektiv die Tat. sondern muß subjektiv die Persönlichkeit ihres Urhebers ins Auge fassen, muß die Verhältnisse berücksichtigen, die Absichten, die Stimmungen, die äußeren und inneren Hemmungen, kurz, alle einzelnen Momente, die für das Werden seiner Tat von Einfluß gewesen sind. iy -pari nx rnn "?K laipa1? yinir versenke dich in die Seele des anderen, betrachte dich, als wärest du selbst jener andere; jeder frage sich, wie er unter völlig gleichen Umständen gehandelt hätte; wir werden der Tat mit ungleich größerem Verständnis gegenüberstehen, und manches Mal, wo wir schon gdneigt waren, zu verurteilen, werden wir milder denken, werden Mitleid empfinden, statt zu verdammen, werden trösten wollen, helfen, aufrichten, statt uns mit Verachtung abzuwenden. Und wie für das Denken über den anderen so soll auch für das Handeln an dem anderen der Gedanke an die Seele des anderen mitbestimmend werden. Aus diesem Grunde heraus gebot die Thora, daß man den Fremden in Israel nicht in seinem Rechte beeinträchtige, ja, daß man ihn teilnehmen lasse an den eigenen Freuden: „Du kennst ja die Seele des Fremdlings, da du selbst als Fremdling in Ägypten gelitten hast." Und unter den gleichen Gesichtspunkt stellte Hillel, der große Künstler im Umgang mit Menschen, die Forderung, die das Verhalten von Mensch zu Mensch bestimmen soll, indem er ihr die Form gab: vnyn «*? -pan1? "^sn was dir zuwider ist, das tue auch deinem Mitmenschen nicht an; sei dir dessen bewußt, daß er in seiner Seele empfindet wie du; was uns kränkt, muß auch ihm Kränkung bedeuten, und er wird ungehalten sein, wo auch w i r ungehalten sein würden. Vergegenwärtigen wir uns bei jedem Beginnen die Wirkung, die es auf die Gelühle des davon Berührten üben wird, und wenn unsere Seele uns sagt, daß es mit Recht ihn betrüben wird, dann unteri«<;Sen wir es. Es gehört gewiß ein hohes Maß sittlicher Kraft dazu, dieser Forderung als Leitstern für alles Tun und Lassen zu folgen. Die Selbstsucht ist stark im Menschen, sie läßt ihn nur an den andern denken; er ist so leicht geneigt, sich selbst als den Mittelpunkt zu betrachten, zu dem hin alles geleitet werden soll, und weniger an die Strahlen, die er von sich aus zu den andern hin lenkt und lenken soll. Und doch sollte man erwarten, daß, wenn auch nicht die sittliche Auffassung, doch schon die nüchterne Erwägung jeden ernsten und nachdenklichen Mensehen antreiben müßte, sich diesen Grundsatz zu eigen zu machen, und daß er, aus diesem Grunde wenigstens, weitreichende Gellung gewonnen haben n iißte. Die Erfahrung bestätigt es doch hinlänglich: mit dem Maße, mit dem du missest, wirst auch du gemessen. Aber jeder Tag straft diese Erwartung Lügen: an diesem Punkte scheint die Nachdenklichkeit eine Grenze zu haben. Wir brauchen nicht einmal in die Tiefen menschlicher Beziehungen hineinzuschauen: wir finden auch an der Oberfläche des täglichen Lebens manche unangenehme Erscheinung, die aufhören würde, wenn „man" sich etwas mehr Gedanken machen wollte. Wir stehen jetzt im Beginne der winterlichen Vereinstätigkeit. Wer hätte noch nicht Veranlassung gehabt, an der Unpünktlichkeit Anstoß zu nehmen, die vielen durchaus willigen, ja eifrigen Förderern gemeinsamer Ziele ihre tätige Anteilnahme verleidet, ja oftmals geradezu verbietet Da wird zu einer Sitzung eingeladen; man schätzt die Dauer der Sitzung und rechnet, düß man diese Zeit erübrigen kann. Zur Umgesetzten Stunde aber firdet man nur einen oder zwei — oder gar keinen — der Geladenen vor; es dauert 30, auch 45 Minuten, ehe die Beratungen beginnen können, und die Zeitnin + oitimrr 1*1 liKnr clor» I lm(.,n , .■ f . n _ Kfi fin^f*t I I I l V L I l I 1 ] i . I tl>/CI VI t l I I ItkUIWIJ f^W «I ul ivii. »-.O llilMVl WIIIV große Veranstaltung statt. Die Leiter haben genaue Dispositionen getroffen, aber sie können sie nicht innehalten, weil der Saal erst eine Stunde später, als vorgesehen war, genügend besetzt ist, das Programm beginnen zu lassen. — Woher rührt diese Erscheinung? Es gibt sicherlich manchen, der sehr wider Willen den angekündigten Zeitpunkt nicht innehält, weil zwingende Gründe ihn behindern: es wird darüber kein Wort des Tadels laut werden dürfen. Es gibt auch manchen, der grundsätzlich zu spät kommt; er denkt: „Das macht Eindruckt Man muß daraus folgern, wie unendlich stark beschäftigt ich bin." Anfangs imponiert's; dann aber kommt man dahinter und lacht im Innern über solche Käuze. Die allermeisten aber machen sich gar keine Gedanken darüber, daß sie den anderen Un-

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