Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 41 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang manchen gelang es, nach Polen zu entfliehen, wo sie freundliche Aufnahme und Schutz vor verleumderischen Anklagen fanden. Auch im 15. Jahrhundert, dessen Judenverfolgungen zumeist in Judenaustreibungen ausliefen, haben viele deutsche Juden in Polen eine Zufluchtsstätte gesucht und gefunden. Das Deutsche blieb auch dort weiter ihre Umgangssprache, wurde aber, weil vom deutschen Mutterboden losgelöst, allmählich nicht nur rückstandig, sondern auch, namentlidi in den Vokalen, eiititcücnd gefärbt äüi in>mer mehr verderbt Dieses Jüdischdeutsch, das in Ton und Aussprache einen für deutsche Ohren unangenehmen, fremdartigen Klang hatte, ist erst von Polen her nach Deutschland eingedrungen. Die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer mehr aufblühenden Hochschulen jüdischen Wissens wurden von vielen lernbegierigen Jüngern aus Deutschland aufgesucht, die nach ihrer Heimkehr das Jtidischdeutsdl der polnischen Juden in die Judengassen brachten. Vollends aber, als in den Jahren 1648— 55 die aufständischen Kosaken in ungezügelter Wildheit und mit ausgesuchter Grausamkeit die jüdischen Gen einden in Polen und Litauen hinmordeten und die dem Gemetzel Entronnenen zu Tausenden Obdach und Hilfe suchend westwärts sich wandten, wurden namentlich die deutschen und österreichischen Judengemeinden von jtidischdeutsef sprechenden Flüchtlingen überschwemmt. Diese Bemitleidenswerten fanden wegen ihres jüdischen Wissens vielfach Stellung in den jüdischen Gemeinden und Familien als Rabbiner oder Schul- und Hauslehrer, wodurch sie nicht wenig zur fortschreitenden Verderbnis des Jödischdeutschen in Deutschland beitrugen. Und je höher die Schranken aufgerichtet wurden, die den gesellschaftlichen Verkehr zwischen Juden und Christen hinderten, desto mehr entfernte sich das Judendeutsch in Wort und Schrift von der landläufigen deutschen Sprache. Den Christen schien es ein barbarisches Kauderwelsch. Und doch hat auch diese Mundart ihre eigene Literatur, deren Erzeugnisse fast durchweg nur für Ungelehrte und Weiber bestimmt waren, daher auch der Name „Weiberdeutsch* für Jüdischdeulsch Die hierhergehörten Schriften sind teils in Reimen, teils in Prosa, teils religiös erbaulich, teils weltlich unterhaltend, entweder ursprünglich jttdisdldeutsdl verfaßt oder nach einer deutschen Vorlage gearbeitet oder aus anderen Sprachen ins Jüdischdeutsche über setzt. Selbst von Boccaccios Dtcamerone sind einzelne Stücke in jüdischdeutscher Übersetzung gedruckt. Unter den zahlreichen Druckorten für Jüdischdeutsch steht seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in bezug auf Zahl und Güte der Drucke Amsterdam, wo es neben der spanischen auch eine deutschpolnische Judengemeinde gab, weitaus an erster Stelle. Hier erschien die erste vollständige jüdischdeutsche Bibelübersetzung 1676—78. Wiederum ein Beweis, daß die aus Deutschland stammenden Juden audi in fremden Landen ihrer deutschen Sprache treu geblieben sind. So er hielt sich das Jüdischdeutsche bei den deutsdien Juden in Sprache und Schrift, bis sdiließlich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit Hille der Mendelssohnschen deutschen Bibelübersetzung durch die Bemühungen der immer zahlreicheren gebildeten Juden und durch die Gründung deutscher Schulen in den jüdischen Gemeinden das Jüdischdeutscht bekämpft und Uberall ungemein schnell und auch völlig beseitigt wurde. In den Ländern des Ostens aber, in Galizien, Polen, Ruß land und Rumänien, blieb jUdisdideutsch nach wie vor die Umgangssprache der reichen Juden und entwickelte sich dort jeder Beeinflussung durch die deutsche Schriftsprache entzogen zum sogen. Jargon oder Jiddisch. Erstere Bezeichnung ist bei den polnischen und russischen, letztere bei den nach Amerika und England aus dem Osten eingewanderten Juden die übliche Man schätzt die Zahl der Jargon oder Jiddisch redenden Judei gegenwärtig auf mehr als vier Millionen. Noch mehr hebräische und slawische Beimischungen, nodi mehr Verballhornun gen und Entstellungen, nodi mehr slawische Färbung der Aus spräche kennzeichnen diese letzte Stufe des Judendeutsdi Immerhin ist der Wortschatz auch jetzt nodi etwa zu dreiviertel deutsch, die W rMormen und der Satzbau last durchweg deutsch, nur hie und da durch slawischen Einfluß und Einschlag ge ändert. Wenn z. ... der russisdie Jude sagt: „mir quicken sech" statt „wir freuen uns", ist „mir" statt „wir" deutsch, wenn auch nicht unsere Schriftsprache, „quicken' statt „erquickend" deutsch, „sech" (mit hartem di wie in „lachen" zu sprechen) statt „sich" deutsch mit Umfärbung des i in e, und „sich" statt „uns" entspricht dem slawischen Sprachgebrauch, der beim rückbezüglichen Fürwort für alle Personen ohne Untersdiied und ohne Ausnahme die dritte Person fordert. Es gibt verschiedene Mundarten des Jiddisdien, die voneinander namentlich in der Aussprache der Vokale, aber audi im Wortvorrat abweichen. Doch sind die Untersdiiede nidit so bedeutend, daß eine gegenseitige Verständigung der verschiedenen jüdisdisprechenden Gruppen dadurch erschwert würde. Die Rechtschreibung des Jiddischen kennt keine testen Regeln und ist gleich des Jüdischdt utsdien grundsätzlich eine phonetisdie. In neuerer Zeit ist zur Erleichterung des Lesen«; die Hinzufügung hebräischer Vokalzeichen üblidi geworden. Das Judendeutsdi bietet dem Sprachforsdier ein nodi wenig angebautes Feld lohnender wissensdiafilidier Arbeit. Seit etwa fünfzig Jahren hat der Jargon in Rußland und das Jiddische in Amerika eine ausgedehnte Literatur hervorgebracht, die auch an innerer Bedeutung das frühere jüdisd:- deutsdie Schrifttum weitaus übertrifft. Eine immer wachsende Zahl jiidisdier Zeitungen, eine statt liehe Menge Novellen und Erzählungen, lyrischer Gedichte und Theaterstücke, humoristischer und satyrisdier Schriften bezeugt die nicht geringe Ausdehnung und Bedeutung des Jiddischen. Audi das Aultaudien einer neuen nationaljüdischen Bewegung hat zum Aufschwung der jiddischen Literatur beigetragen. Aus unserer Gemeinde Delegiertentafuaf des Jüdischen Frauenbundes (Mitteldeutscher Landesverband) Aus besonderen Gründen kann VOrilutig nur ein kurzer Vorbericht Keuebtn werden, dem in der nächsten Nummer ein auslührlicher Bericht iolut. In den festlich gesdimückten Räumen der Leipzig-Loge fand unter sehr starker Beteiligung hiesiger und auswärtiger trauen die zweite Delegiertentagung des Jüdischen Frauenbundes, Mitteldeutscher Landesverband, unter Vorsitz von Frau Neukamp-Erfurt statt. Als Vertreterin des Haupt Vorstandes v r Frau Paula Ollendorff - Breslau anwesend. Gegenstand der Aussprache war die Schwierigkeit der Erfassung der ganz kleinen Gemeinden für Mitarbeit, und die verschiedenen Arbei «■- mtthoden, um das jüdisch-geistige Leben in den kleine; D Orten intensiver zu gestalten. Über alle diese Fragen sowie über verschiedene Fragen der Kleinarbeit fand eine rege Aussprache statt. Alle Ausführungen fanden das regste Interesse. Am Abend schloß sich in dem Uberfüllten Saal des Kaufmännischen Vereinshauses ein Vortrag von Frau Paula Ollen* dorlf über „Erziehung zur Ehe" an, der außergewöhnlich starken Beifall fand, und über den wir ebenfalls in der nächsten Nummer berichten werden.