Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 41 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4876568-5968774-5968928--0722-4877215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ö. 3al>rgang, Str. 41 [8. mtober m<c wrtiÄmttäL der Jzr&elitischen Amtliches NtchrichtehUi *cler Geniein<leverw*tinrt KZ l iqiongqc tnzmdz \u &utytg £cKHA KP. %5 Das Ccmcindcblatt erscheint wAchtntllch am Freitag. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post zugestellt. Be?ugspreis (ür Nichtmitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher, Clockenstraße 11. Telephon 14449. Schriftleitunq: Gemeinderabb. Gustav Cohn. Leipzig, Löhrstr. 10. Telephon 29641. :: Kür den Inseratenteil: Siegmund Cohn, Leipzig. Ottostraße 24. Tel. 42945. Druck u, Verlag; W. Te"icher. Leipzig. Glockenstr. II, Teleph. 14449. Anzeigenpreise; Die 4 gespaltene mm- Zeile 20 Pfg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagseiten und Textinserate nach besond. Tarif. Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Namen des Verfassers erscheinenden Beitrage und die Vereinsnachrichten nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. Jüdischdeutsch und Deutsch Von Rabbiner Prof. Dr. N. Porges-Leipzig s. A. Der nachstehende Aufsatz des verewigten Leipziger Rabbiners erschien zum ersten Male vor etwa 11 Jahren; seine Veröffentlichung in unserem „Gemeindeblatt" dürfte nicht allein wegen der instruktiven Behandlung des Gegenstandes willkommen sein, sondern auch wegen der Persönlichkeit des in unserer Gemeinde hochgeschätzten, gelehrten Verfassers begrüßt werden. Die Schriftleitung. „Mit keiner Sprache sind die Juden jemals so, wie man zu sagen pflegt, lästerlich als mit unserer Teutschen umbgangen, dann sie haben solcher einen gantz frembden Thon und Laut gegeben, die guten teutschen Wörter gestümmelt, geradbrecht, verkehret, neue uns unbekandte erdacht, wie auch unzählig viel Hebreische Wörter und Red-Arten in das Teutsche gemischet, daß solcher gestalt, wer sie Teutsch reden höret, nit änderst glaubt, als sie reden pur lauter Hebreisch, indem fast kein einiges Wort verständlich fürkommet." Also schrieb der im Hebräischen und Jüdischdeutschen wohlbewanderte, hochgelehrte und hochangesehene Altdorfer Professjr Wagenseil in seiner 1699 erschienen „Belehrung der Jüdisch-Teutschen Red- und Schreibart". Aber die von ihm abgedruckte, sehr umfangreiche Textprobe des Jüdischdeutschen, beutelt „Ein schön Maase" (hebr. für Geschichte) „von König Artis Hof ... und von dem berühmten Ritter Wieduwilt" zeigt auf 72 Quartseiten Text nicht mehr als 3 hebräische Ausdrücke. Wagenseil war nicht nur ein bedeutender, sondern auch ein ehrlicher Gelehrter, der wohl irren, abtr nicht Wissentlich-Falsches behaupten konnte. Bei seinem harten Urteil über das Jüdischdeutsche ließ er sich nur von dem Eindrucke leiten, den das gesprochene Wort auf sein Gefühl und seinen Geschmack machte, ohne zu wissen, daß die jüdisehdeubdie Sprache der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von der des 16. Jahrhunderts sehr verschieden war. Das juderdeutsch hat, soweit wir es zurückverfolgen können, drei Entwicklungssluten autzuweisen, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen: 1. Teutsch, 2. Jüdisdideulsch oder Iwri Teutsch (d. h. Hebräischdeutsch), 3. Jiddisch oder Jargon; so lassen sich diese drei Stufen am kürzesten bezeichnen. In Mittelalter haben die deutschen Juden, die nachweislich schon anfangs des 4. Jahrhunderts auf deutschem Boden (in Köln) ansässig waren, nirgends hebräisch gesprochen, sondern überall nur deutsch, reines, unverdorbenes „Teutsch". Auch nicht die leiseste Spur weist darauf hin, daß sie schon damals in ihrer Aussprache und Redeweise sich von der Sprache ihrer nichtjüdischen Umgebung irgendwie unterschieden hätten. Es wäre solches sicherlich in den zahlreichen judenfeindlichen Schriften unter den zahllosen judenfeindlichen Anwürfen des deutschen Mittelalters nicht unerwähnt geblieben. Die Juden in Deutschland haben nicht nur deutsch gesprochen, sondern auch deutsch geschrieben, allerdings mit hebräischen Buchstaben, da es sich nur um den Kreis der Glaubensgenossen handelte, ähnlich wie sie anderswo für den eigenen Gebrauch französisch, italienisch, spanisch, griechisch, slawisch, arabisch und persisch mit hebräischen Schriftzeichen schrieben. Und wie in der Stenographie nicht nach der üblichen Rechtschreibung, sondern nur nach dem lautlichen Klange des Wortes phonetisch geschrieben wird, so war es auch von Anfang an und immer in der jüdischdeutschen Schrift. Schon in der Milte des 16. Jahrhunderts wurden deutsche Bücher, teils religiösen, teils weltlichen Inhalts in hebräischer Schrift gedruckt, und zwar nicht nur in deutschen Städten, wie Augsburg, Basel, Konstanz, Ichenhausen, Zürich, sondern auch in Cremona. Mantua und Venedig für die in Italien lebenden Juden deutscher Herkunft. Das treue Festhalten der deutschen Juden an ihrer deutschen Muttersprache, auch inmitten einer anderssprachigen Bevölkerung, diests im vollen Sinne des Wortes ausgesprochene deutschheimatliche Gefühl der aus Deutschland vertriebenen Juden, findet ein Seiteistück nur noch an der Treue, mit der die aus Spanien im Jahre 1492 vertriebenen und nach der Türkei ausgewanderten Juden das Spaniolische als ihre Muttersprache bis heute festgehalten haben. Die deutschen Juden waren innerlich so tief durch die deutsche Sprache beeinflußt und so eng mit ihr verwachsen, daß sie auch in nichtdeutscher Umgebung weiter deutsch dachten und sprachen, schrieben und lasen, und dies zu einer Zeit, wo die deutsche Heimat ihre Juden nicht vaterländisch, sondern stiefmütterlich behandelte. Das Deutsche, das die Juden im 16. Jahrhundert sprachen und schrieben, war ein unverfälschtes Oberdeutsch. Allmählich aber wandelte sich ihr reines Teutsch in Jüdisch deutsch und zwar unter dem Einflüsse der nach Polen ausgewanderten und dort immer noch deutschsprechenden Glaubensgenossen. Polen war seit dem 13. Jahrhundert ein Asyl für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Die wahnsinnige Beschuldigung der Brunnenvergiftung in den Jahren der schwarzen Pesi (1348—50) brachte der Mehrzahl der deutschen Juden den Tod. Wenige nur, die vereinzelt auf den Dörfern wohnten, blieben verschont,