Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 40 (1.10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang beiden Anstalten werden freilich noch von den Schülern der Höheren israelitischen Schule besucht und zwar dergestalt, daß für die AhawasThora 20'J, demnach für die Religionsschule II 267 gemeldet sind Zweifellos gehören aber von den Besuchern der Höheren israelitischen Schule sehr viele sowohl der Religionsschule II wie der Ahawas Thora an Im Endresultat steht aber fest, daß der liberale Religionsunterricht, sei es in der Schule oder im Privatunterricht, von 545 Schülern aufgesucht wird, während in den orthodoxen 103 nebst den 473 Schülern der jüdischen Schule, im Ganzen also 576 gehen. Die Zahlen des orlhodoxen Privatunterrichts sind nicht festzustellen gewesen, ebenso steht aber fest, daß auch nicht alle liberalen Kinder im Privatunterricht gemeldet sind. Viel würden aber auch diese Korrekturen an dem traurigen Endergebnis nicht ändern, daß nur etwa 50", der in allgemeinen Anstalten befindlichen jüdischen Kinder Religionsunterricht haben. Und das Ergebnis wird n .ch bedenklicher, wenn man diese Kinder in die Gruppe der Fortbildungsschüler über 14 Jahre und der im volksschulpflichtigen Alter stehenden unter 14 Jahre teilt. Von den 1213 duren Listen nachgewiesenen stehen nämlich im Alter für dtn Forbildungsunterricht 178, den Unterricht besuchen aber nur 68 (die restlichen stammen auch Fachunb Fortbildungs- sowie sonstigen nicht gemeldeten Schulen oder sie stehen bereits im Leben), das sind also knappe 40" J Anders ausgedrückt will das besagen, d a ß 60" „ d e r S c h ü - Ier und Schülerinnen von der Obertertia aulwärt s keine religiöse Unterweisung mehr haben! hinzeine Zahlen sind besonders erschreckend. Im König- Alber!-Gymnasium hatten von 12 Primanern, Sekundanern und Obertertianern nur ein einziger (!!) Religionsunterricht. Im Schillerreal^unnasium sind es von 17 ganze 5! In der Ot>errealschule Nord beteiligen sich von 27 nur 9, in der zweiten höheren .Mädchenschule mit der Studienanstalt von 41 nur 17! An manchen Anstalten, besonders an der zuletzt genannten, nehmen aber die meisten Schülerinnen am sogenannten „allgemeinen religionswissenschaftlichen" Unterricht teil, der ja in Wahrheit nur ein verkappter christlicher Religionsunterricht ist und in dem, wie des Oheren festgestellt werden mußte, über Juden und Judentum ganz unglaubliche Ansichten verbreitet werden. Wenn es nun auch an den Volksschulen etwas besser ist, so geben auch dort manche Zahlen zu ernstem Nachdenken Anlaß. Die 32. Volksschule wird von rund 275 jüdischen Schülern und Schülerinnen besucht, aber nur 108 erscheinen im Unterricht, also auch nur 40" „, an der 40. Volksschule sind es von 12ö gerade 42, also genau ein Drittel! Der Zukunft des Judentums eröffnen sich, wenn man solche Zahlen liest, die furchtbarsten Perspektiven. Wenn nun 50",, der Kinder überhaupt Religionsunterricht haben und von den älteren Schülern höherer Lehranstalten gar nur 40 " 0, so wird man begreifen, daß ein Geschlecht heranwächst, auf das seiner jüdischen Gesinnung nach kaum zu zählen sein wird. Und es ist nicht Gleichgiltigkeit und Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl allein, sondern es ist oft ganz Unbegreifliches, das die Arbeit hindert. Denn unter den Vätern, die ihre Kinder vom Religionsunterricht fernhalten, gibt es eine recht große Anzahl, welche sich an anderen Gemeindeaufgaben lebhaft beteiligen, oft sogar an führender Stelle stehen und trotzdem nicht die Bedeutung des Religionsunterrichts einsehen können und das Fernbleiben ihrer Kinder billigen. Solche Zeichen müssen fraglos noch inmitten der allgemeinen Depression besonders mutlos machen. Sicherlich läßt sich technisch noch vieles ändern und verbessern. Auch der konsequenteste Feind der jüdischen Volksschule wird zugeben müssen, daß sie die Not des Religionsunterrichts in Bezug auf die Zahl der Teilnehmer mit einem Schlage löst. Wenn das Reichsschulgesetz kommt, das fraglos eine s'ärkere Konfesstonalisierung des allgemeinen Unterriditsweser.s bringen wird, muß untersucht werden, ob nicht auch für das Judentum Leipzigs das Interesse der mehr als 600 Volksschulkinder die Errichtung von jüdischen Volksschulen er- I forderlich macht. (Ausdrücklich sei freilich hervorgehoben, daß an dieser Stelle die Frage nur vom schultechnischen Standpunkte der besseren Versorgung mit Religionsunterricht und nicht vom allgemein politischen oder vom jüdisch politischen aus betrachtet wird.) Ebenso muß aber auch der Frage nähergetreten werden, ob nicht an manchen Anstalten der Unterricht wie bei den christlichen Bekenntnissen in der Schule selbst gegeben werden kann. In Betracht kommen in erster Reihe von höheren Anstalten das Schillerrealgymnasitim, die Oberrealschule Nord und die 2. höhere Mädchenschule, von Volksschulen die 32. und die 40. An einigen Privatschulen ist diese Einrichtung bereits durchgeführt, und die guten Erfahrungen — in der Smittschen Schule besuchen 70", und im v. Steyberschen Institut fast 74",, der Schülerinnen den Unterricht — drängen zu Versuchen in dieser Richtung. Freilich muß bedacht werden daß gesetzliche und finanzielle Schwierigkeiten in großem Umfange erst überwunden werden müßten. Wesentlicher noch als alle technischen Verbesserungen ist, daß das Verantwortlichkeitsbewußtsein der jüdischen Eltern geweckt werden muß. Wer am Fortbestand des Judentums Interesse hat, muß sein Kind dem Religionsunterricht zuführenl Jede menschliche Einrichtung ist unvollkommen, und die verantwortlichen Leiter des Unterrichts, die Rabbiner und Lehrer, werden sachlicher Kritik ihr Ohr nicht verschließen. Merzlidi freuen würden sie sich, wenn auch solche Mitarbeit der Eltern zu verzeichnen wäre. Die erste und widitigste Mitarbeit ist aber die praktische Beteiligung! Ein neues Semester bricht an! Mehr als die Hälfte der jüdischen Kinder Leipzigs sind ohne Religionsunterricht. An Eltern und Erzieher dieser gewaltigen Schar ergeht der dringende Mahnruf, sofort ihre Kinder zum Unterricht anzumelden und damit Zuständen ein Ende zu machen, die für die Zukunft des Judentums gefährlich, die dem Ansehen der Leipziger Gemeinde abträglich sind. Gemeindesitzung von 21. September 1926 Amtliche Niederschrift Dei Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit den wärmsten Wünschen für das neue Jahr. Es wurde hierauf zur Erledigung der Tagesordnung geschrilten. Punkt I Aufnahme einer Anleihe für den neuen Friedhof. Herr H o d e s berichtet, daß es dem Vorstand nach langen Bemühungen gelungen sei, die Zusage einer Anleihe von 300 000 Mark seitens der Communalbank für Sachsen unter den im Schreiben derselben vom 8. September 1926 näher bezeichneten Bedingungen zu erhalten; der Vorstand hofft, in einzelnen Punkten noch eine günstigere Vereinbarung zu erlangen. Der weiter noch zum Friedhof benötigte Betrag von etwa 2"0000 Mark soll tunlichst durch Darlehen von Gemeindemitgliedern aufgebracht werden. Der Finanzausschuß hat wie der Vorsitzende mitteilt, dem vorstehenden Vorschlag durchweg zugestimmt. Auf Anfrage des Herrn Schick erklärt Herr Hodes. daß es zwecklos gewesen wäre, sich wegen Übernahme einer Bürgschaft nochmals an die Stadtgemeinde zu wenden; auch sei Eile geboten gewesen. Herr Breslauer bestätigt dies. Herr Schick äußert Bedenken dagegen, daß Teile des Gemeindevermögens belastet werden sollen, und wünscht,