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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-09-24 · 39 (24.9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
39 (24.9.1926)
Date
1926-09-24
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Seite 3 als durch Mehrung der Freude auf Erden. In all unserem Tun, im Berufsleben und in allem, was darüber hinausgeht, soll der Gedanke der vorherrschende sein, daß wir den Schatz an Freude und an Glück, der für die Menschen aufgespeichert ist, heben und ihn fruchtbar machen für jedermann; all unser Sinnen sei darauf gerichtet, die Welt mit Freude zu erfüllen und sie zu dem Paradies zu gestalten, das sie sein kann, wenn der Mensch nicht unnütz die Hemmnisse, die in Krankheit, Alter und Tod mit Naturnotwendigkeit schon gegeben sind, mit Wissen und Absicht noch mehrt. Selbstredend daß damit nicht die eitle und leere Freude des rasch hinschmelzenden Sinnengenusses gemeint ist, son dem die vertiefte, geistige, die einzig echte. Daß aber mit ihr der reine Gottesdienst beginnt, spricht schon das talmudische Wort aus (Sabbath 30b): „Daß Gottes Herrlichkeit im Menschen nicht zur Entfaltung gebracht werden kann, wo Trübsinn, Traurigkeit, trä^e Ruhe, Scherz und Leichilertigkeit wohnen, sondern nur aus der inneren Freude, die mit dem Bewußtsein einer guten Tat verbunden ist." Aul solche Weise Gott zu dienen, durch Mehrung der Freude auf Erden das messianische Reich der Menschenverbrüderung zu fördern, leitet uns das Hüttenfest an; darum heißt es auch „das Fest" schlechthin. Aus unserer Gemeinde Der Kindergarten ist in Gefahr! Von Dr. F. Goldmann Die Überschrift ist kein Schreibfehler! Unser Kindergarten ist wirklich in äußerster Gefahr, geschlossen zu werden, wenn ihm nicht schleunigst Hilfe wird! Denn von Sympathie allein, und an ihr fehlt es dieser vorbildlich wirkenden sozialen Einrichtung ebensowenig wie an Anerkennung, kann er nicht leben! Und bevor es zu spät ist, wenden sich Freunde der Leipziger Jugend mit einem ernsten Rufe an die Leipziger Öffentlichkeit. Zuerst eine klare Rechnung! Siebenhundert Mitglieder hat der Kindergarten in der Auenstraße. Von ihren haben glatte 350, also die Hälfte, in diesem Jahre keinen Beitrag bezahlt. Das macht einen Fehlbetrag von 10CO Mark, genau dieselbe Summe ist an Spenden weniger eingegangen als 1925. Der Beitrag der Gemeinde betrug im Vorjahre 4CO0 Mark, jetzt ist er auf 10<>0 Mark herabgesetzt worden, sodaß weitere 3000 Mark sich als Defizit ergeben. Die von den Eltern zu zahlenden Beiträge sind gleichfalls um 300 Mark zurückgegangen, sodaß — sage und schreibe — eine Summe v o n 5300 Mark fehlt. Nun ist es, auch wenn von den Einnahmen weit über 50•/, fehlen, leider unmöglich, die Ausgaben auf die vorhandene Summe zu beschränken. Der Hauswirt will sich mit 40" „ seiner Miete nicht begnügen, arme hungrige Kinder werden von 40*/o ihrer bisher schon knapp bemessenen Ration an Brot und Butter und Milch nun einmal nicht satt, die Jugendleiterin, die seit dem Frühjahr an Stelle einer Kindergärtnerin der Bedeutung der Anstalt gemäß angestellt werden mußte, und die demnach ein beträchtlich höheres Gehalt bezieht, kann sich nicht mit 40"„ ihrer Besoldung begnügen. Und wenn auch Herr Dr. D e u e I die allgemeine ärztliche Versorgung völlig unentgeltlich übernommen hat, so wollen Zahnarzt und Nasenarzt auch bezahlt sein. Die Zahl der Kinder kann auch SCHIRM-HAMPEL Das Haus der guten Schirme u. Spazierfföcke HAINSTRASSE 31 nicht beschränkt werden, die Verhältnisse in den ärmeren jüdischen Häusern treiben oft der Katastrophe zu, und so grausam wird keiner sein wollen, daß er unschuldige, kleine Kinder auf die S raße setzt und sie damit vielleicht der einzigen ausreichenden Mahlzeit des Tages beraubt. Der Kindergarten ist im Gegenteil gezwungen gewesen, noch fünfzehn neue Kinder dem Verderben zu entreißen und sie aufzunehmen. Von neuen notwendigen Einrichtungen hat denn auch bisher noch keine Rede sein können. Der Wunsch des Arztes, daß eine bessere Ernäluung der Kinder durchgeführt werden müsse, konnte aus Mangel an Mitteln nicht erfüllt werden, zumal das oben berechnete Defizit noch dadurch vermehrt wurde, daß im Gegensatz zu früher keinerlei Lebensmittelzuwendungen gemacht wurden. Und dann fehlt es an allen Ecken und Enden an Inventai! Die Räume sind düster und unfreundlich, weil kein Geld für die seit Jahren dringend notwendige Renovation vorhanden ist, für die Kinder fehlen Stühle, für die keine Mittel da sind. Zerrissene Bett- und andere Wäsche kann nicht ersetzt werden, geschweige denn, daß es möglich wäre, für die neu aufgenommenen Kinder das Erforderliche an Wäsche zu beschaffen! Die Räume sind nicht nur in einem unwüieligen Zustande, sie reichen nicht einmal aus. Jetzt im Sommer läßt sich der Garten zu Hilfe nehmen, in dem stets ein giößerer Teil der Kinder weilt. Wenn aber im Winter die ganze Schar auf die Zimmer angewiesen sein wird, müssen unter allen Umständen, wenn nicht sanitäre Gefahren entstehen sollen, ein Dutzend Kinder entlassen werden. Und was das heute bedeutet, vermögen die leitenden Damen, insbesondere die erste Vorsitzende, Frau Helene Felsenstein, aus dem Schatze ihrer Erfahrungen klar zu beleuchten. Denn angesichts der entsetzlichen Not in den ärmeren Familien und den unendlich schwierigen häuslichen Veihällnissen bei der schwer mit dem Leben kämpfenden jüdischen Bevölkerung werden sie mit Aufnahmegesuchen geradezu überhäuft, und der Kindergarten müßte in Wahrheit mindestens dreimal so groß sein wie er ist, wenn er wirklich auch nur den äußersten berechtigten Bedürfnissen einigermaßen Rechnung tragen wollte. I.Dienstfrei Nadif. 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