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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-09-24 · 39 (24.9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
39 (24.9.1926)
Date
1926-09-24
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrsang Zum HUttenfest Von Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach a. M.) Es ist eine merkwürdige und auffallende Tatsache, daß gerade das HUttenfest von altersher eine Auslegung in der Richtung auf das Messianische. auf die Menschenverbrüderung, erfahren hat. Von vornherein erscheint kaum ein Feiertag so wenig dazu vorbestimmt, so wenig dazu geeignet, als gerade das HUttenfest. Denn einmal ist seine innere Begründung, seine Beziehung auf einen geschichtlichen Hintergrund ziemlich verschwommen. Bei den W< rten, mit denen die Thora dem Fest seinen Grund ansetzt: „In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage; jeder, der in Israel heimisch ist, soll in Hüttin wohnen, damit eure Nachkommen wissen, daß ich in Hütten wohnen ließ die Kinder Israels, als ich sie hinausführte aus dem Lande Ägypten* kann man sich vieles und doch nichts Festes, Bestimmtes denken. Und gibt man den Worten schon einen fest umrissenen Sinn und Inhalt, dann geht dieser dodi mit deutlicher Spitze auf die Eigengeschichte Israels und scheint wenig Gelegenheit zu einer messianischen Ausdeutung zu bieten. Und doch tritt diese mit einer starken Deutlichkeit und Absichtlichkeit zutage. Sie kommt zum Ausdruck in. der Aus deutung des Ftststraußes, daß er ein Sinnbild der Vereinigung der verschiedenen Charaktere unter den Mersehen sei und daß erst durch diese Vereinigung Gott verwirklicht werde. Sie zeigt sich ferner in der agadischen Auslegung der Opfergesetze für das Hüttenfest, daß die siebzig an ihm darzubringenden Opfertiere den siebzig Völkern entsprechen von denen man sich nach der damaligen Anschauung die Erde bewohnt dachte, und daß diese Zahl eben gewählt sei, weil an diesem Fest dadurch symbolisch die Vereinigung der Völker vollzogen werden soll. Und lerner kommt die messianische Ausdeutung des Hüttenfestes zum Ausdruck in der Auswahl des Propheten' kapitels für den ersten Tay. man hat das 14 Kapitel des Sechariah dazu bestimmt, welches in dem Satze gipfelt, der voll messianischer Hoffnung ist: »Gott wird König auf der ganzen Frde sein an diesem Tage wird Gott einzig sein und sein Name einzig", und in dem feiner gesagt wird, daß einstens alle Völker der Frde vereint nach Jerusalem hinaufziehen werden, um das Hütte nie st zu feiern, und daß sdiwere Strafen werden verhängt werden über jedes Volk, das sich weigern wird, das HUttenfest zu begehen. Wie kam man dazu, dem Hüttenfest dies! Richtung auf die brüderliche Vereinigung der Menschheit zuzuweisen? Wäre nicht manches andere Fest dazu geeigneter gewesen? Hätte diese Rolle nicht beispielsweise dem Wucher feste mit seiner Erinnerung an die menschheiteinenden zehn Bundesworte, auf denen alle menschlicne Kultur beruht, besser angestanden? Oder dem Versöhnungsfeste mit seinem Hinweis aul die Versöhnung aller feindlichen Brüder? Es muß also duch wohl in dem Inhalt des I lüttenfestes etwas sein, das besonders geeignet ist. den Blick auf die Menschheit in ihrer Ganzheit zu lenken und Gedanken der Vereinigung anzuregen. In der Tat bietet es sich ungezwungen uns dar in dem, was in unscheinbarem Gewände als besurderes Festgebot genannt wird. Die Festsatzung gipfelt in den Worten: „und ihr sollt euch freuen vor dem Ewigen, eurem Gutte"; „und du sollst nur freudig sein"; und im Gebet wird unser Fest „Fest unserer Freude" genannt. Man sollte meinen, Freude und Fest seien sowieso immer unzertrennlich verbunden, man brauche sie nicht erst anzubefehler, und duch wird Sichfreuen hier angeordnet als ein zu erfüllendes Gebut; es wird zu einem Wahrzeichen des llüttenfestes. Drängt sich da nicht unwillkürlich der Gedanke auf: Von hier aus gewinnt das Hüttenfest seinen messianisdiem Charakter.- Die Freude, sie ist das Einende, das Völkerverbindende. Freude allein kann die Menschen zusammenführen. Freude macht das Herz weich und mitteilsam, daß man jeden gern an der Fülle des Eigenen teilnehmen lassen möchte. Freude bringt das Herz zum Überströmen, sodaß man keinen rechten Genuß an sich selbst hat, bis auch der andere sie mitgenießt; sie zwingt den, dem sie erwiesen wird, in ihren Bann, daß der eiserne Reif des Mißtrauens und der Selbstsucht zerspringt, den das Leben um das Herz schmiedet. Im Rahmen des Hüttenfestes ist das angedeutet in den Worten: „Du sollst dich freuen an deinem Fest , du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren weilen", die besagen, daß durch gemeinsame Freude die innere Verbindung der durch ein gemeinsames Haus, durdi ein gemeinsames Land Vereinten eist wirklich vollzogen wird; und von da aus pflanzt sich dann der Gedanke ins Große weiter fort: Erst durch eemeinsame Freude werden die Völker geeint und zu einem Bunde zusammengeführt; Man sagt oft, daß Leid und Sorgen verbinden, aber das tiifft dodi nur in seltenen Fällen zu bei Menschen, die bereits durch ein anderes Band geeint sind; viel häufiger macht Leid und Kummer hart und verschlossen, umgibt das Herz mit einer felsigen Kruste, daß man sich aul sich selbst zurückzieht, sich in sich selbst vergräbt und verschließt, daß man sich einsam und verlassen fühlt und von dem Nachbar abschließt; und wie wenig selbst gemeinsames Leid verbindet, das sehen wir heut mit ersdireckender Deut lichkeit. Alle Völker seufzen heut unter denselben Sorgen, alle fühlen sich wie in einem Gefängnis voller Enge und möchten aus dessen Mauern hinaus; und innerhalb der Volker stein n auch die einzelnen Volksglieder unter gemeinsamem Erlebnis. Wenn l eid ui d Sor*e ein Mittel der Verbindung wären, längst müßte ein neues Gemeinschaftsgefühl von ungeahnter Stärke erwacht sein, längst müßte die Tiele und Schwere des Leides ein unaufhörliches Verbundensein erzielt haben; statt dessen seilen wir, dab gerade durch die Fülle des Leides und des Elends eine umso tiefere Er; itterung emporwächst, die die einzelnen Volkselieder widereinander in Feindsdiait bringt. Eine wilde verhaltene Wut steigt empor, die in dem andeien den Verursacher allen Leides und allen Wehes erblickt; es fehlt an der Freude, die einen könnte. Wir hatten vor dem Kriege viele Dinpe, die ein Gefunl der Gemeinsamkeit hätten erzeugen können und müssen; all die Wunderwerke der Technik, Eisenbahn, Telephon, drahth >e Telegraphie, Automobile, Luftschiffe, die das Tempo des Verkehrs beschleunigen und der Häufigkeit des Inveibindurigtretens von Mensdi zu Mensdi die Buhn bereiten sollten, hätten doch zu einem Gefühl des Verbundenseins ohnegleichen führen müssen. Die Wirtschaft der Völker war so ineinander verflochten, daß eines vom anderen abhängig war, und das fühlte man auch; es hätte also ein unauflösbares Gefühl des Verbrüdertseins erstehen müssen, und es erstand doch nicht oder dodi nicht kräftig genug; und warum nicht? Einlach, weil man all diese Dinge nicht erfaßte von dem Gesichtspunkte des Bringens der Freude, der Mehrung der Freude. Man erfaßte sie unter dem Gesichtswinkel des Eigennutzes; der Wirtsduft lag nicht der Gedanke zuyrur.de. den Ausgleich der Gü er herzustellen, um die Freude auf lirden zu mehren, um dadurch, daß man jedes Eizeugiis an die Stelle führt, an der man es braucht, das Glücksgefühl der Menschen zu steigern, sondern der nackte Eigennutz. Die Wunderwerke der neuzeitlidicn Technik benutzte man nicht, um rasdier mit dem entfern n Nebenmensdien in gemütliche Beziehung zu treten, sondern man pflegte sie in dem Gedanken an den Krieg, ais ein Mittei, um rascher Vernichtung /.u br ngen, oder man pflegte :c aus der Selbstsucht der Eigenwirtschaft heraus. Darum, weil der Gedanke, Freude zu bringen, nicht der bewegende in ihr m Gebrauch, in ihrer Ausgestaltung war, darum dienten sie n Jit der Verbrüderung, darum tat sidi an ihnen die Kluft zwisd en Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk nur um so tiefer auf. Aus dem Hüttenfest gewinnen wir nun die Wahrheit, eiaß der stärkste Förderer eines brüderlichen Gemeingelühls unter den Menschen echte, edle Freude wäre; und wir gewinnen die Mahnung, daß es ein Gebiet der Religion ist, auf Freude zu sinnen, Freude zu fördern, durch Freude die Gemeinsamkeit der Menschen zu begründen. Nicht aus nüchterner Nützlichkeitserwägung, sondern aus religiösen Gründen sollen wir Freude verbreiten, denn anders wird das erhabenste Ziel der Religion, der messianische Gedanke, nicht erreicht werden,

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