Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 38 (11.9.1926)
- Date
- 1926-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 OEMEINPEBLATT DER ISRAELITISCHEN R F.LI Gl ONSG EMEINDE, LEIPZIG 2 Jahrgang Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns um die älteste Soiwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andachtig neben ihr und wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so bange zumute. Das tanze H<us lag in tiefer Stille, und die Wachskerzen knisterten geheimn svoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade Hellten, und selbst die Engel in I'urcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden bereuten l'm neun Uhr hieß uns die Schwester schlafen gehen. Uns war a'ocr so schwer ums Herz, daß wir s e baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß so lange, bis wir einschliefen. Am folgenden Tag war die Stimmung der Syna^ogenbesucher noch ernster, den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am gre Ben heiligen 1cm ■ Kippur. sind die Gebete von einem feierlichen Ernst. Gott der Herr si zt selbst zu Gericht über die Sünden der Menschen, die in einem buch mit ües iaiers Hand verzeichnet sind. Hier aber, in der Synagoge, wird mit zerknnsd.iem Herzen untfr Tränen der so bedeutungsvolle „Unes«:iretaukeff keduschas hajom" gelesen. Die Engel zittern und rufen: „Ha! Das ist der Tag des Gerichts!" Die große Pr saune wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue, Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch? ..Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen Scherben gleicht er, dem Staub faden einer Blume, die verwelkt; dem Gras, das verdorr»; dem Rauch, der spurlos dahinfliegt; einem Traum, der entschwindet ..." Im Hause sah es bei uns trübe aus: die Fensterläden waren geschlossen, die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen noch da, in denen cie Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten. Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück, das aus Kapores (kaltem Hahn) und Weiß- Die i Ihn 9W^>r unr Yc':•'>;• <i>^1 von V--^ ~ NÜ^j HERMRMIi HORRfARMN «J» brot bestand, das zugleich unser Mittagsmahl bildete. Dai n fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und die schwe e Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerui g regte es sich wieder im Hause Die Zimmer wurden wied> r in Ordnung gebracht, man deckte den Teetisch, zündete vie » Kerzen an und bereitete einen Becher Wein und ein geflod - tenes Wachslicht zur Hawdole vor. Je dunkler es drauße i wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samow;;: (Teemaschine) hr, delie bereits einladend auf dem Tisch, als die Synagogenbesuder um sieben Uhr nach Hause kamei:. Sie waren alle erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man wartete geduldig, bis der Vater un I die anderen sich gewaschen und gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun verboten war. Dann machte unser Vater Hawdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da ersi setzten sich alle an den Tisch, der mit kälten Speisen und Kuchen reich besetzt war. Ohne Ri cksicht darauf, daß de: Magen wäl rend 24 Stunden nicht einmal einen Tropfen Was ser bekon men hatte, füllte man ihn jetzt mit süßen, sauerer, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm Speist und Trank leduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und Zufriedenheit. Nun hatte man die Jomim Nauroim, d. h. ernste Tage, für ein ganzes Jahr hinter sidi. Auch wir Kinder empfanden den Untersdiied zwisdien dem gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar übermütig und lieble die Einsamkeit, aber die drükkende Stimmung des Erew-Jörn Kippur und des Erew-Tischob'aw marterten midi arg. Nadidem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter, und unser Vater an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt, begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor sidi hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der Synaeoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man blieb nicht selten bis lange nadi Mitternacht in heiterer, gehobener Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen dis Tages sich zur Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nächsten Morgen schon mit dem Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt, die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der Satan könnte sonst zu Gott, dem Sdiöp fer, sagen: „Sieh, Herr, du hast deinem Volk gestern die Sün den vergeben und heute hat sich kein einziger eirgefunden dein Haus ist leer!" Aber der Satan soll über das auserwählte Volk ridii iriumphieren. Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde im Gotteshaus ein, wenn auch nu: für kurze Zeit, da bloß ein Alltagsgeittesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge fori, um einen Esrog (zitronenälinlidie Frucht) und einen LulOW (Ralmzweig) zu kaufen: und frohgelaunt kehrie er heim, wenn es ihm gelang einen völlig fehlerfreien Esrog - einen se>genannten „Mehuder - zu finden. *T < < f r » |L* - ^rj Sonnabend, 25. September, 8 Uhr abends im Städtischen Kaulhaus L DI CHTERABBND MAX 11 Ii ü II [« Der bekannte Romanschriftsteller und Philosoph wird persönlich über seinen jüngsten, vielumstrittenen Roman Reubeni sprechen. Karten zu 5—1 Mark Im Vorverkauf im Kaufhaus Th. Atthoff, Musikalienhandlung Jost, Peterssteinweg 1, im Zigarrengeschäft Gebr. Kelbcr, Brühl 54 und an der Abendkasse. ■(iL. „Adt'ä •yr . ."!:.^T ., XjEti&tfflBi.....X.OHII