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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-09-11 · 38 (11.9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
38 (11.9.1926)
Date
1926-09-11
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE. LEIPZIG Seite 3 aller Entschiedenheit persönlicher Einstellung zu jüdischen Dingen, zum Ganzen hinstrebten; die zum Frieden mahnten, zur Achtung auch abweichender Anschauungen. Wenn heute wiederum Friedensmahner erstehen — ihr Ruf sollte uns nachdenklich machen. Ob sie nicht mit Recht ihre warnende Stimme erheben? Ob nicht schon zu viel giltige Wallen im Kampfe der Anschauungen Verwendung linden? Ob nicht schon zu stark zerklüftet wird, wo geebnet werden sollte?--- Zum letzten Satz hat der Redaktor unserer Mischnah einen Hinweis aul die Bedeutung des Frieders gewählt. „Gott fand für sein Volk kein schöneres Mittel, reichsten Segen zu stillen als den Frieden; denn es heißt (Ps. 29, 11): der Ewige verleiht seinem Volke Macht, der Ewige segnet sein Volk mit | Frieden (Mischnah ukzin 3, 12)". Stark kann unsere Gemein- I Schaft rur sein, wenn sich alle Glieder in Frieden zusammen- J finden. Zerrissenheit hat immer nur Unheil gebracht. Versöhn« i lidikeit u d Liebe wur.le immer .".um Segen. Am Tage der Versöhnung sollen wir nicht „zu Sireit und Hader fasten"; der Gedanke soll wieder in uns wjrzein, daß auch unseren Kampf di>> Liebe erfüllen soll, die Liehe zu unserer Gemeinschaft und zu all ihren Gliedern, die Liebe, die da eint und Frieden schafft —0— I Jörn Kippur in den „Memoiren einer Großmutter" Die folgende ebenso anschauliche wie ^eniütvolle Schilderung entnehmen wir dem prächtigen Werke „Memoiren einer Großmutter" von PaulineWengerofl (VerlagM. I'opclauer, Kerlin). Mit ehrfurchtsvollem Sdiauer gedenke ich noch heule des Erew-Jom-Kippur (des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlich« n Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedrs Weib nahm eine Henne; man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel w rd geschlachtet und gegessen. Die Brote zu Jörn-Kippur werden in Form einer Leiter gebacken. Die symbolische Bedeutung davon ist: stufenweise soll jeder Jude in den Himmel steigen, um Gnade zu linden. Auch die Herstellung des |om Kippur Uchtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz (ruh am hrew - Jörn - Kippur kam die alte Gabete Sara (Gabele nannte man alte Frauen, deren selbstgestellt Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) n it einem ganzen Paket Tehines — kleine Gebetbücher nur für Frauen in jüdisch deutsch geschrieben - unJ einem ungeh uer großen Knäuel Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, Ms das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weidier. Meine Mll ter und die obengenannt* Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie virle Gebete aus den Tehines unler heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Sdiürze, sttllte sich gegen die MutUr in einer Entfernung von einem Meter ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nrnnen und erinnette dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom Dochtladenknäuel weiter gezogen, bis a!le erwähnt waren und ein gehörig dicker Dodit entstand Auf solche Art wurde auch aller lebenelen Familtenmitglieder gedacht. Den halben Tag verbrachte man noch nun ter, aber sdion in leierlicher Stimmung; man aß nadi Vorsdirift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprüdie). Dann ging es ans Baden und Wasdien. Man kleidete sidi in Weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Kid ter zu treten. Beim Vorabendgebet (Mmche) muß man sich schon unzähligemal an die Brust schlagen, wobei die Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sidi noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücke 1 schlagen. Ich erinnere mich, dafi sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen; und das rechtzeitig uerichtete Abendmahl wurce in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas Unsagbarem und Sdiwerem. Beim Tischgebet rannen die Tränen, deren sich keiner erwthrtn ke nnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die Männer z gen ihre langen weißen Kitt I über die Kleider. (Dieser weiPe Kittel war heim Juden zugleich das Festkleid und das Totenhemd) Ein Silberstotfgürtel und ein Silberstollkäppchen vervollständigten die Tradit, und nun ging man, t inen Mantel um die Schulter, in die Synagoge, das dritte Mal an diesem läge. Ehe man fortging, segneteder Vater jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das m.di in der Wiege lag, mit Worten voller Innigkeit und Inbrunst) und ihm sowie den Kindern, denen er die Hände aufs Haupt legte, ilossen die Tränen reichlich die Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der Sehwelle stehen — alle weinten und baten einander „Maichel sein", d. Ii um Verzeihung. Audi meine Mutter bat n it bewegter Stimme um Nachsicht, wenn sie im Laute des Jahrts ihre Untergebenen beleidigt oder gekränkt haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefühle adelte die Seelen und gab ihnen Weihe und Frieden. I nd das Bewußtsein, daß Gott die Sünden vergeben werde, s ärkte den Willen, nun ein neues, geläutertes Leben zu beginnen. Alle Seelen der Großen, die sich in die Synagogen zu Ko nidre begaben, und der Kleinen die zu Hause blieben, waren himmelwärts gerichtet. Der eine Gedankt hielt alle in Bann, daß an diesem Abend du große Abrechnung n it den sündigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von vielen Kerzen hell erleudvet war, bei dem leierlichen Kolnidregebel vor dem offenen Oron hakodesch (heilige Bundeslade) mit den Sifre Thoras (heiligen Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmütig reuev Ken Stimmung der bitenden Gemeinde jede Beleidigung, die man «.inander während des ganz n Jahres angetan, zurückgenommen, jede Kränkung verziehen; auch den Andersgläubigen vergab n an jede Beleidigung und Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Sünde befreie und erkannte an diesem Abend eindringlicher als sous seine Ohnmacht, die Ohnmacht des Menschen in dem großen Wellali und dem Schöpfer gegenüber mit den Worten: „Wir Menschen sind in Gottes Händen wie Ton in des Töpfers Hand . . . wie der Stein in des Bildhauers Hand . . . wie das Silber in des Goldschmieds Hand . . er form) nach seinem Willen alles". I.Dienstfrei Nachf. Haus feiner Pelzmoden Fernsprecher 274ÜO — Leipzig — Hainstraße Nr. 31 Elegante Pelzwaren Modernisierung u. Maßanferligung nach neuesten Modellen Angenehme Zahlungsbedingungen

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