Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 37 (10.9.1926)
- Date
- 1926-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 37 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 Ein namhafter Denker sagt: Das Wesen der Kunst ließt weniger in dem, was sie uns bietet, als in dem, was sie uns ahnen läßt; ihre Gedanken müssen zum NacIlde nken fühien; ihre Stimmungserwtckung zur Empfindungs- Hefe. Das Stück neuen Lebens, das jetzt vor uns liegt, gleicht dem rohen Marmorblock: wie wir ihn formen und bilden | wollen, was für eine Seele wir ihm einhauchen wollen, das — so wollen diese heiligen Tage uns lehren — liegt bei uns. Ob nicht die beiden Schöpfungen der Kunst zu uns gerade von dem spredien, was den Empfindungen an der Scheide zweier Jahie Richtung geben soll und kann? — Von Rabbiner Dr. „Vom Wasser haben wir's gelernt — vom Wasser; Das hat nicht Ruh' bei Tag und Nacht, ist stets auf Wanderschaft bedacht — das Wasser!'' Also der Dichter dieses bekannten Wanderliedes meint, daß man vom Wasser allerlei lernen könne. Wir teilen diese Überzeugung nicht nur, wir suchen sogar am Ruusdi Haschono- Nachmittag den Lehrmeister auf, schauen ihn an, fassen das, was er uns zu sagen hat, in Worte, bringen uns seine Lehre zu Bewußtsein und führen sie uns zu Herzen. Dem religiösen Menschen ist die Natur ein aufgeschlagenes Buch der G'itesolfenbarung. Ihm erzählen die Himmel die Herrlichkeit G'ttes, ihm kündtt das Tier des Feldes den Schöpfer, er fragt den Wald, wer ihn aufgebaut, so hoch da droben, und gibt sich Antwort, daß er den Meister loben müsse, solange noch sein Lied erschallt. Vor allem;aber das Rauschen und Stürzen und Brechen der Wellen hat der g'tifürchtenden Seele unendlich Vieles zu sagen. Die Harfe des Psalmensängers wird besonders durch das Wasser in Schwingung gesetzt: L;r hört es deutlich, wie die „Ströme ihre Stimme erheben" und rufen: „Gewaltig ist G'tt in der Höh'". Ist's da verwunderlich, daß man nach altem Brauch gerade am Rausch Haschono zum Strom geht? . .. Er heißt ja nicht nur deshalb „Tag der Erinnerung", weil er alles Vergessene wieder lebendig werden läßt, sondern mehr noch, weil er jedem Juden seinen jüdischen Beruf in „Erinnerung" bringen, Pflichtenmahner, Ansporn und Anreger zu seelischem und geistigem Aufstieg werden möchte. Man muß aus dem Munde unserer Weisen etwas über die Symbolik des Wassers gehört haben, um zu begreifen, wie sehr der Gang an das Ufer des Flusses in die Stimmung des Tages gehört. Der Gedankenreichtum des Midrasch ist ja unerschöpflich. Er weiß hinsichtlich des Wassers an so vieles zu erinnern. Isaak, Jakob und Mosche far.den ihre Lebensgefährtinnen am Wasser; dieser Ort der ersten Begegnung ist nicht ohne Bedeutung. Der Spiegel des Wassers gibt dem Hineinblickenden sein Bild getreu zurück, so sei das Herz des Menschen zum Menschen, so recht und wahr und ohne Falsch die Beziehungen dtr Gi lten zu einander. Im heiligen Lande hat man den König am Wasser gekrönt und nan sagte und wünschte dabei, seine Regierung sei langtiedehnt wie*^- dis Wasser. Die Überlieferung berichtet von den Hindernissen, die sich unserem Vater Abraham ent^egentürmten, als er sich ansch ckte, den efehl zur Opferung seines Sc hnes auszufuhren. Er hatte nicht nur die natürliche Liebe zu seinem Einzigen zu überwinden, das väterliche Erbarmen mit seinem Liebling gewaltsam zu unterdrücken, er hatte auch einen Kampf mit den Naturgewalten zu überstehen, die ihm den Weg zu seinem Ziele, dem Berge Morija, verlegen wollten. Er sah sich plötzlich mitten in einem reißenden Strom, aber der Gedanke an den G'ttesdienst, den er zu vollziehen im Begriffe war, die unbeugsame Entschlossenheit, das vom Himmel geforderte Opfer zu bringen — mochte auch das Herz dabei brechen — verlieh dem Greise zum Kampf mit den Elementen übermenschliche Kraft, „er teilt mit gewalligen Armen den Strom, und ein G'tt hat Erbarmen". Ephraim Carlebach Es können also allerlei Gedanken geweckt, Reminiszenzen wachgerulen werden in der Seele des am Wasser Betenden. Es ist ja der „Tag ues Gerichtes", da sei die SelbstprQfung wahr, ernst, ehrlich, fern von Falsch und Schönfärberei; da sudie ein jeder auf den Grund seiner Seele zu blicken, erstrebe Selbsterkenntnis als den ersten Sdiritt tut Besserung, ersenaue das Bild seines inneren Menschen so getreu, wie im Wasserspiegel sein äußerer Mensch ei scheint. Erkenne didi selbs\ und du verdienst es, Krone der Schöpfung zu heißen, und hast einen Anspruch auf Gewährung der Bitte, die sicher« lieh von den heute an G'tt gerichteten die dringendste und heißeste ist, der Bitte um Leben, daß es sich verlängern, sich ausdehnen möge wie — das Wasser. Und doch ist das Leben der Güter höchstes nidit. „Und setzest du nicht das Leben ein, nie wird dir das Leben gewonnen sein", dafür ist Abraham Kronzeuge, der seinen Sohn, das Leben seines Lebens wiedergewinnt, nadidem er bereit gewesen, ihn als Preis seiner G'ttesliebc einzusetzen. Diese Ideenverbindung kommt einem Gelöbnis für die Zukunft gleich. So soll es im neuen Jahre werden: aus der Selbstprüfung soll neues Leben im Dienste G'ttes erblühen! Unter die Vergangenheit aber mit ihren Irrungen, Wirrungen und Verkehrtheiten soll endgültig ein Strich gezogen sein, und dieser Vorsatz wird wiederum durdi einen Blick auf's Wasser bekräftigt; die einzelne Woge zieht am Beobachter vorüber, enteilt und entzieht sich seinem Auge auf Nimmerwiedersehen, — so möge es mit all seinen Schwächen und Sünden gehen: er begleitet darum die fliidititie Welle mit den Worten: „Wer ist, 0 G'tt, wie du, der fortträgt die Schuld und hinwegsieht über die Missetat dem Überrest seines Volkes: er hält nicht fest an seinem Zorne, denn er hat Wohlgefallen an Liebe. Mögest du dich un-er erbarmen, bezwingen unsere Sünden und werfen in die Wellen des Aleeres all unsere Schuld. L'nd alle Schuld deines Volkes Israel mögest du werfen dahin, wo ihrer nicht gedacht und nicht Erwähnung getan wird und sie in Niemandes Erinnerung haftet. Gib Wahrheit dem Jakob, Gnade dem Abraham, wie du unseren Välern geschworen in den Tagen i der Vorzeit". Im Schulchan-Arudi wird anempfohlen, zu Tasdilich möglichst an einen Fluß /u gehen, der außerhalb der Stadt fließt, und ein solches Gewässer zu bevorzugen, in dem sich Fische befinden. Einen Grund dafür, daß das Gebet gerade außerhalb der Stadt verrichtet werden soll, weiß ich nicht und konnte auch in den mir zur Verfügung stehenden Werken aus der einschlägigen heiligen Literatur nichts darüber finden. Auch I.Dienstfrei Nachf. Haus feiner Pelzmoden Fernsprecher 27400 — Leipzig — Hainstraße Nr. 31 Elegante Pelzwaren Modernisierung u. Maßanferligung nach neuesten Modellen Angenehme Zahlungsbedingungen