Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 37 (10.9.1926)
- Date
- 1926-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Mädchenkonfirmation Die Vorbereitungskurse für die Mädchenkonfirmation beRinnen im Oktober. Vorbereitung und Konfirmaton sind unentgeltlich. Zur Teilnahme berechtigt sind alle Mädchen, die am I. April 1927 das 15. Lebensjahr vollendet haben werden, jüngere nur, wenn sie die Schule verlassen, um ins Leben zu treten. Anmeldungen bei Gemeinderabbiner Dr. Goldmann, König-Johann - Straße 17 'Sprechstunde 9',.—11 Uhr vorm., Fernsprecher 21667). Leipzig, den 31. August 1926 Der Vorstand der Isr. Religionsgemeinde zu Leipzig Gemeinde-Dajan Der Gemeinde-Dajan, Herr Rabbiner Rogosnitzky, hat am 7. September d. J die Wohnung Pfaffendorfer Str. 4 III. Obergeschoß bezogen und dorthin auch sein Amtszimmer verlegt; er ist daher in seinem bisherigen Amtszimmer, Keilstraße 4, nicht mehr zu erreichen. Sprechzeit und Fernsprechanschluß siehe unter Nachrichten aus dem Gemeindeamt, „Orthodoxes Rabbinat". Leipzig den 5. September 1926 Der Vorstand der Isr. Religionsgemeinde zu Leipzig Koscherfleisch Unter Aufsicht des orthodoxen Gemeinderabbinats sind die beiden folgenden neuen Fleischereien genommen: Schußheirn & Sertürner, Plauensche Straße 3'5 S. Ackerfeld, Hofmeisterstraße 6 Leipzig, den 26. August 1926 Der Vorstand der Isr. Religionsgemeinde zu Leipzij Unsere auf Koscher fleisch reflektierenden Gemeindemitglieder werden angelegentlichst darauf hingewiesen, daß im Interesse der Aufrechterhaltung des Kasdirus in unserer Gemeinde nur hiesige Bezugsquellen berücksichtigt werden sollen. Leipzig, am 10. August 1926 Der Vorstand der Isr. Religionsgemeinde zu Leipzig Garderoben in der Gemeindesynagoge Wir machen darauf aufmerksam, daß es dem Bedienungspersonal der Garderoben in der Gemeindesynagoge strengstens verboten ist, Zylinderhüte zur Aufbewahrung anzunehmen. Leipzig, den 30. August 1926 Der Vorstand der Isr. Religionsgemeinde zu Leipzig Das Leben ein Traum — der Traum ein Lebei Rausch Haschono-Betrachtung Von Rabbiner Dr. Feuerstein, Falkenau Die Hülle der Vergangenheit legt sich wieder um ein Stück unseres Lebens. Undurchdringliche Schatten verschleiern der Zukunfl üesdiieke. Frinnerung und Hoffnung sind die Pole, zwischen denen die Seele ruhelos pendelt. Wir säen neue Hoffnungen aui den Gräbern alter Sorgen. Wer kann die Stimmung, die der Wechsel zweier Jahre in uns weckt, mit Worten kennzeichnen, wer die sinnende, bangende, hoffende Seele besänftigen? „Wo das Wort versagt", sagt ein Meister der Töne, „beginnt die iMusik"; dies Wort variierend sagen wir: beginnt die Kunst, die den Menschen aus der Fuge emporhebt in das Reich der Gefühle, In zwei Gemälden finden wir der Seelenstimmung Spiegel, die heilsamen Gedanken, die der Scheide zweier Jahre würdig sind. Das eine Gemälde von Uberragender Komposition ist ein Gedicht in Farben von Arnold Büeklin: das andere eine malerische Dichtung, ein dramatisches Märchen von Franz Grillparzer. Auf ersterem leuchtet die Inschrift „Das Leben ein Traum"; das andere ist betitelt „Der Traum ein Leben". Das GemälJe: Übergössen von himmlischem Glanz ein paradiesisch schöner Garten, in dem es blüht und glüht, grünt und sprießt. Fin munteres Flüßchen durchzieht ihn wie ein helles Silberband; wir hören förmlich seines sanften Wellenganges rhythmischen Klang. Liebliche Kiider tummeln sich mit geschäftigem Spiel. Nicht weit von ihnen leuchtet eine schlanke Frauengestalt voll Jugend und Schöne, Blumen pflückend zu üppigem Strauß. Hinter dem Garten dehnt sich ein Fruchtleid, dessen goldene Ähren im spielenden Winde sanft sich wiegen. Ein Mann mit gebräuntem Antlitz und sehnigen Armen läßt selbstzufrieden seinen Blick über die wogende Flur gleiten. Im Hintergrunde ein Hügel, auf dem ein müder, zermürbter Greis ruht. Fr schaut hinab in das Kindheitsparadies, in das Jugendland, auf den Acker voll quellenden Lebens. Je unverwandter er hinabstarrt, desto entrückter erscheint ihm alles. Nebeldünste hüllen ihm immer mehr die Landschaft ein. Wie ein schwerer Traum umfängt es seine Sinne, und bald tritt aus einer düsteren Wolke eine unheimliche Gestalt heraus, die mit ihren Fangarmen den müden Greis umschließt. Unter diese dichterische Komposition setzte der Künstler die Worte: Das Leben ein Traum. Dieses ergreifende Gemälde bedarf keiner Erläuterung; die Tendenz der Farberdichtung liegt offen zutage Kindheit, Jugend, Mannesalter und Greisentum sind die Meilensteine des Lebens Allzurasch führt uns die Lebensstraße an diesen Meilensteinen vorbei; am Ziel winkt — der Leichenstein Das zweite Bild: „Der Traum ein Leben" ist ein dramatisches Märchen von starkem und tiefem Inhalt. Dem Dichter ist der Wurf großen Talentes gelungen, ein ganzes bewegtes buntes Leben in einen Traum von Sekunden einzukleiden. Der Held des Stückes erwacht nach kurzem Schlaf und aufgeregtem Traum und wird inne, daß alle Ereignisse der Welt im Lauft einer Sekunda erlebt werden können. In sekundenlangen' Spiel der Phantasie hat er ein volles Leben durchlebt, ge rungen, geschafft, geliiten, gesiegt, und wie er erwacht, ist Weisheit und Verklärung über die Leidenschaft ausgegossen. Da rum ruft der Held: „Eines nur ist das Glück hienieden, Eines, des Innern stiller Frieden Und die sdnildbefreile Brust! Und die Größe ist t efährlich, Und der Ruhm ein leeres Spiel. Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, Was er nimmt, es ist so viel!" Die Tendenz der Dichtung: Ist auch das Leben ein Traum es kann der Traum auch zum Leben werden. Unsere Talmud weisen sagen: in jedem Traume ist ein Sechzigste! Wahrheit Dieses zu suchen in der Verworrenheit der Erscheinungen, da;: Goldkörnchen unter dem Erdenstaub, das Ewige im Vergäng liehen, das Göttliche im Irdischen, das heilige, sittliche Prinzip in der grausamen Ironie des Lebens und {in der Enge um Kleinheit dieser Welt voll Not und Leid, Bosheit und Häßlich keit, in ihr sich eine eigene Innenwelt der Güte, Liebe, Selbstverleugnung, Hilfsbereitschaft aufzubauen, den gespreizten Individualismus zu bändigen, die Selbstsucht zu überwinden, ein hehres Ideal triumphieren zu lassen über Habsucht und Gewissen, — das ist die eindringliche Predigt des zweiten Bildes: Der Traum ein Leben.