Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 36 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 Die Flucht In das Nichts »logische Betrachtung eines Laien lur Abfallbewegung Von Benjamin Segel (Schi uli) Haben wir den Ausgangspunkt der Auslrittsbewegung betrachtet, so müssen wir nun das Ziel, zu dem sie hinführt, ins Auge fassen. Sie mündet jetzt nicht wie hre Vorgängerin im Schöße der herrschenden Religion, denn dem Scheine nach gibt es jetzt keine licrrscher.de Religion. Die Flut der Austretenden staut sich im Zwischenraum der Konfessionslosigkeit. Das erleichtert den Austretenden auch ein bisdien das Gewissen. Es ist immerhin eine äußerst fragwürdige, eine tehr heikle Sache, sein positives Bekenntnis abzulegen, wenn alle Welt weiß, daß es die reinste Heuchelei ist. Um aus der alten Religion zu scheiden, braucht man ja nur einen Zettel Papier, auf den man ein paar Zeilen hinkritzelt. Unter den früheren Zuständen ging man aller durch den Austrit: aus dem Juden tum erworbenen Vorteile verlustig wenn man auf halbem Wege stehen blieg und nicht schleunigst ins Christentum eintrai. Dem Staate gegenüber, von dem man Ämter und Würden und Gehälter erwartet, der „höher n Gesellschaft" gegenüber, zu deren erlesenen Zirkeln man Zutritt wünscht» , befand sich dazumal ein „konfessionsloser Jude" in einer noch ungünstigeren Lage als ein Jude. Heutzutage, glaubt man, hätten sidi die Dinge geändert. Republik und Revolution, Trennung von Staat und Kirche und alles andere hätten der herrschenden Religion (und damit dem religiösen Prinzip überhaupt) die überwiegende Bedeutung im öffentlichen Leben genommen und damit sei der der Konfessionslosigkeit anhaftende Mangel verschwunden. Das ist eine schwere Täuschung, entsprungen aus einer mangelhaften, oberflächlichen Kenntnis der Geschichte. In keinem Staat mit christlicher Tradition ist durch politische Umwälzungen oder Umgestaltungen der Einfluß der Kirche oder gar der Religion in der Öffentlichkeit auf die Dauer verdrängt, höchstens sind die Übergriffe politischer Parteien, die die Religion für ihre Zwecke mißbrauchten, eingedämmt worden. Weder in den Vereinigten Staaten, die 1787 die Trennung von Staat und Kirche vornahmen, aber den Kongreß noch heutzutage mit dem Gebet eines Priesters eröffnen; noch in England, wo Lloyd George, der radikale Sozialreformer, der Feind der Landlords und des Überhauses, nach der Verkündung des Sieges das gesamte Unterhaus mit den Worten: „Jetzt gehen wir beten!" zum Gottesdienst in die Westminsterabiei einlud, ur.d wo Macdonald in den Tagen, als er das sozialistische Kabinett bildete, auf einer religiösen Tagung ein Referat über eine kirchliche Frage übernahm; rodi in Frankreidi, wo nach der Revolution die katholische Restauration einsetzte, und nach der Durchführung des unsiniiigen Trennungsgesetzes die katholische „Erstarkungsbc wegung" auflebte, und sidi sogar bei der Philosophie des genialen Juden Bergson die Waffen für den Kampf borgte; noch in Italien, wo nach vierzigjährigem Hadern mit dem Heiligen Stuhl jetzt eire machtige katholische Partei in der Kammer sitzt. Die Kirche war die Erzieherin der Völker des europäisch amerikanischen Kulturkreises; mit katholischen, überhaupt mit dirisllichen, mit religiösen Vorstellungen sind alle Aasgestaltungen ihres Volkslebens aufs engste verknüpft, ihre Kunst, ihre Poesie, ihre Philosophie, ihre Sfaatseinridnungen, ihre sozialen und bürgerlichen Institutionen. Nur bornierter Doktrinarismus kann wähnen, daß ein revolutionärer Sturm, der über die Erdoberfläche hinweht, diese tausendjährigen Wurzeln aus dem Erdreich ziehen kann. Und nur vollkommene Verkenrurg der innersten Menschennatur und der geschichtlichen Entwickhng kann solches, wr in es möglich wäre, für einen Segen halten. — Wir wissen heute: das religiöse Gefühl ist ein Grundgefühl der Menschennatur, inhärent und unausrottbar. Die Machthaber, einzelne wie Gruppen, mißbrauchen es zu egoistischen, siincm Wesen fernliegenden Zwecken und rufen dadurch Widerstand und Kampf hervor. In der Hitze des Kampfes verwediseln die Kämpfer die äußere Verfassung der Religion und dij Mißbräuche dieser Verfassung mit dem Kern der Religion und richten die Angriffe gegen diese letztere. Nun liegt es in der Natur a'ler menschlichen Grundgefühle, daß sie sich umso stärker aufbäumen, befestigen und konzentrieren, je mehr sie gereizt werden. Sie werden dem Menschen umso teurer, je mehr sie bedroht erscheinen. Die Verteidiger der Religion gegenüber ihren Angreifern übertragen wiederum diese Verteidigung auch auf ihre äußeren Institutionen, in denen sich das leligiöse Gefühl verkörpert, und sogar auf die Mißbräuche, denen sie unlerworfen waren. Daher tritt nach jeder Epoche heftigerer Religionsbestreitung unfehlbar eine Reaktion ein, die zunächst als äußere Frömmelei und unduldsamer Fanatismus in die Erscheinung trist. Diese Zustände rufen ihrerseits wieder das entgegengesetzte Extrem hervor. So verläuft die Geschichte zwischen gehroffen Gegensätzen, und nur selten sind die Epochen der Ausgeglichenheit und des ruhigen Gleichgewichtes Das sollten sich die Streiter auf beiden Seiten merken und sich vor jedem übertriebenen Radikalismus in der einen wie der anderen Richtung hüten, da jedes Extrem unweigerlich seinen schroffsten Gegensatz auf den Posten ruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch diesmal die Reaktion unausbleiblich ist. Die retrograde Welle wird k -mmen, so sicher, wie sie vor hundert Jahren gekommen ist. Sie wird vielleicht andere Formen tragen, andere Begleiterscheinungen mit sich führen, aber erfreulich werden sie nicht sein. Eins aber wird dieser Reaktion eignen: sie wird die jetzige negative Phase, den „Kampf gegen die Religion", den Streit für die Trennung von Staat und Kirche auf Rechnung der Juden stellen und den „zersetzenden Einfluß des Judentums" für die Verheerungen verantwortlich machen, die der jetzige Kulturkampf mit seinen Sdilagaorten im Gemüts'eben des Volkes angerichtet haben wird. Vergebens wird man darauf hinweisen, daß diese Kämpfe dem Judentum und seinen Institutionen noch ärgeren Schaden zugefügt haben, wofür die in so enormer Zahl Ausgetretenen die beredtsten Zeugen sind. Eben diese Ausgetretenen, die im freien Felde der Konfessionslosigkeit kampieren, werden den Beweis liefern, daß im Judentum zersetzende Kräfte wirksam sind, die den „religiösen Nihilismus", die „steiile Negation" fördern, jeglidie Autorität untergraben, die Glaubenskraft, den Idealismus der Völker vernichten, den groben Materialismus, das kalte schneidende Vernünfteln, das an der gemeinen, platten AI tüglichkeit haftende, keines höheren Schwundes, keiner Hingabe fähige, jeder schöpferischen Macht beraubte Kriteln rep.äsentieren und somit eine Gefahr für die europäische Kultur bilden. Die Ausgetretenen werden nidit aufhören, in den Augen der nichtjüdischen Welt Juden zu sein, nur werden sie dann konfes- I. Dienstfrei Nachf. Haus feiner Pelzmodcn Fernspredter 274ÜÜ — Leipzig — Hainstraße Nr. 31 Elegante Pelzwaren Modernisierung u. Maßanfertigung nach neuesten Modellen Angenehme Zahlungsbedingungen