Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 36 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT 1»ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE. LEIPZIG 2. Jahrmmg sionslose Juden sein, k'ine viel schlimmere, eine viel lichere Sorte von luden. Mit den wirklichen Juden weiß man wenigstens, woran man ist. Man mag der jüdischen Religion andichten, was man will, im allgemeinen weiß man doch, was sie lehn, was sie fordert und gebietet. Man weiß, sinnungen und Stimmungen sie einflößt, durch hingen man ihre Gebote verlet/.t. durch welche man sich in einen Gegensatz zu ihr stellt. Man Namen positive und negative Forderun ten. \btt die ..konfessionslosen Juden einzige zei die In welche Gcwelche Hand- Anschauungen kann in ihrem en an die Juden rieh«? Woran sind sie yebunden? Wo liegen die psychischen Hemmungsn und Trieb federn ihres Gewissens? Ist nicht das Sirafgeselzbud das Heiligtum, das ihnen Lhrfurcht einflößt, und die Polieinzige Macht, vor der sie sich beugen? den modernen Gesellschaften werden die verschiedensten religiösen Meinungen geduldet, sogar pachtet. In den tolerantesten, der englischen und amerikanisdiep, obgleich sie sehr religiös sind, bildet sogar der offen bekannte Atheismus keinen Makel und führt keine gesellschaftliche Degradation nach sich, da er sehr vereinzelt aufiritt und die eeistigen und sittlichen Qualitäten semer Träger sie gewöhnlich vor Verdächtigungen schützen. Aber es isi bisher noch nicht vorgekommen, daß die Konfessi mslosen sich zu einer organisierten Gemeinschafl zusammengeschlossen hätun. die sich ebenbürtig neben die positiven Religionen s:eilte und vom Staat und von der Gesellsduf: Anerkennung heisdile. Die kümmerlichen freireligiösen Gemeinden in Deutschland beweisen die Unmöglichkeil eines solchen Vorganges am schlagendsten. Die Konfessionslosiykeit wird eben nur geduldet Jeder Versuch einer umfangreichen Gemeinschaftsbildung würde sogar bei den indifferentesten auf energische Opposition st ßen. Darum werden Jie aus dem Judentum Ausgetretenen sdiließlich zwischen zwei Sesseln zu sitzen kommen. Sie werden zwischen zwei Lagern stehen, von einem dem anderen zugeschoben, aber keinem angehört;;. Der „Makel" des judeseins, den sie durch die Flucht in das Nichts a-streifen wollten, wird ihnen weiter . amen, nur noch in einer gehässigeren, verächtlich reo Bedeuten». Kurz nach lirlaß der österreichischen Verfassung von 1S67, die Gewissensfreiheit gewährte und das Bekenntnis zur Konfessionslosigkeil erlaubt^, wurde es in Wien Mode, von (iieser Erlaubnis h iufig Gebrauch zu machen Gewisse jüdisdie Kreise bewiesen, daß sie die alten Vorurteile gründlich abgestreift hatten und man der neuerrtmgenen Gleichberechtigung würdig wäre, hs passierte nun oftmals, daß einer, der i. B. vor Gericht sich als konfessionslos bezeichnete, vom Richter apostrophiert wurde: ..Warum sagen Sie nidit lieber offen heraus: Jude?' Konfessionslos wurde zum Synonym für Jude. Man versidtert, daß die->e häufigen Verwedislungen viel dazu beitrugen, daß die Koniessionsloserklärungen in der christlicher. Bevölkerung bald gänzlich aufhörten. Iis müßte mit unnatürlichen Dingen zuteilen, wem die Sache nicht auch jetzt denselben Verlaut nehmen würde. Diese Ausgetretenen werden auf einem verlorenen Posten stehen..... Es wird ihnen anlangen, un'teimlidi zu werden in ihrer isolieren Lage, und säe werden beginnen, sich massenhaft ans Taufbecken tu dringen. Aber die Kirche wird sich für diesen Zuwachs schönstens bedanken. Auch in früheren Zeiten, sobald einmal die Judentaufen zunahmen, tS£ HERMRMM HORR/ARNN ließen sich aus kirchlichen und positiv - christlichen Kreisen Stimmen der Abwehr vernehmen. Auch dem naivsten Gläubigen fällt es heute schwer, /.u glauben, daß ein Jude aus reinen Mo'iven, niimlidi aus religiösem Drang, aus Sorge um seine künftige Seligkeit, um sein ewiges Heil zum Ghrislentum übet tritt. Wenn der Talmud vor achtzehn hundert Jahren wußie, daß die Gerechten unter den Heiden des ewigen Heils sicher sind, so weiß heute jeder nicht ganz verbohrte Chris', daß ein guter und gerechter Mensch, auch wenn ir Juce ist, nidit der ewigen Verdammnis anheimfallen kann. Dazu kam, daß die mit der Taufe verbundenen irdischen Vorteile zu sehr auf der Hand lagen. Die chrislliche Welt sagte sich also, daß es nicht gerade die besten Elemente unter den Juden .sein können, die es nach den Gnadenmitleln der Kird e dürs'et. Man gewahrte, daß das Reidi Gottes eine ganze Menge uneiwünsdiler Mit« bürier bekam. Diese brachten überdies einen Ge st hinein, der in jeder Beziehung nidit einwandfrei war. Die natürlidie, ruhige, friedliche Anhänglichkeit an die angestammte Religion, die dem geborenen Christen eignet, suchten diese Wiedergeborenen durch auffälliges Wesen, lärmende Übertreibung zu erset'en; es wurde daraus ein unsicheres Schwanken zwisdien heudilerischer Bigotterie und verdächtiger Gleichgültigkeit. Das beut ruhigte die ..Kinder des Hauses", es trübte die einheitliche Gesinnung der Herde. „Wir haben zu viel Juden in der christlichen Gemeinde" erscholl der Ruf. gleichwie draußen die Antisemiten schrieen: „Wir haben zu viel Juden im Lande". Vor etwa 25 Jahren bradite der ..Simplizissimus" folgenden gelurgenen Witz: Lin Jude läßt sich katholisch taufen. Lin ehemaliger Glaubensgenosse der längst Protestant ist, fragt ihn: .Warum hast du das getan? Wir Juden lassen uns ja gewöhnliduprotestantisch taufen". „Weißt du. lieber Freund", antwortete der andere, „im Protestantismus sind mir sdion zu viel Juden . . ." Ks entstand eine förmlidie Abwehrbewegung »egen das Einströmen von Juden in das Christentum. Die brandenburgische Generalsynode beschäftigte sich einmal mit dem Problem und besdiloß feierlich, den Geistlichen dringend zu empfehlen, mit dem Spenden des heiligen Sakramentss der Taufe an Juden recht sparsam zu seir. Das stand allerdings in starkem Widerspruch zu der vom duistlidien Staate durch Bevorzugung von Getauften bei Ämterbesetzung betriebenen Proselytenmacherei und zu dem Seelenfang, welchen die von oben stark begünstigte Gesellsdiaft für Judenmission ausübte. Umsomehr aber kam darin das Unbehagen zum Ausdruck, das die Alteingesessenen beschlich. sobald der Zudrang der Juden zu den „Quellen des Heils" größer wurde. Man kann sidi nun Uieht ausmalen, wie wenig die positiv christlichen Kreise erbaut sein werden, wenn erst die „konfessionslosen Juden" anfangen werden, an die Pforten der Kirche zu klopfen und um Einlaß zu hiUen. Sie kommen aus dem Reidie des Nichts, vom Unglauben, von der Gottlosigkeit her; die Anschauungen. Gewohnheiten und Stimmungen, weldie sie mitbringen, sind nicht gerade geeignet, sie zu Säulen der Kirche zu machen, sie werden eine Atmosphäre um sich verbreiten, die einer gedeihlichen Lntwieklung wenig förderlich ist. Das ist kein Boden, auf dem ein dauerhafter Bau sich erheben kann. Nicht schlichte Herzensfrömmigkeit, Hingabe und lautere Gesinnung bringen sie mit, sondern zerfressende Zweifelsucht, öden Nihilismus, gähnende Leere in der Seele. Sie bringen auch kein Opfer, indem sie sich der Kirche anschließen wollen. Denn was sie verlassen, ist nicht eine seelische Heimat, von der Hand der Urahnen erbaut, von den Vätern seit Generationen bewohnt, mit der das ganze Wesen des Menschen verwachsen ist, und von der das Scheiden den tielsten Schmerz verursacht, sondern das Nichts, die verlassene, Qccin.iSchuppen vfjaamusfaj! nurDr.med.Sandstcin'' — ■ r 9 ftHVi £ Dose Mk. /.'>' 1 SANDSniUfCO. 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