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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-08-27 · 35 (27.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
35 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 2. Jahrs?ung folgung der Neger in den Vereinigten Staaten oder der hindustanisdien Völkerschaften vernimmt. Über die Beschimpfungen und Verleumdungen des Judentums braucht m n sich nicht aufzuregen, ebensowenig über die Bedrohung der Gleichberechtigung, denn das alles betrifft ja eine Menschensorte, die einem nichts angeht, mit der man in keiner Weise zusammenhängt. Wenn Paris eine Messe wtrl war, so ist das all«8 sogar zwei Messen wert. Alle diese ganz unten in dir niederen Region«.n des moralischen Bewußtseins sich abwickelnden Prozesse waren vor dem Kriege und während des Krieges die treisenden Kräfte der Flucht aus dem Judentum. Der Weg führte in 99 von 100 Fällen direkt in den Schoß der fleischenden Religion, die die besten Chancen bot. Nur wenige machten aus einer gewissen Scham oder Unentschlossenheil das neutrale Zwischen- Stadium des Dissidententums oder der Konfessionslosigkeit durch und überließen den letzten Schritt und — den vollen Nutzen der zweiten Generation. In der allerjüm Stert Zeit sind zu den oben gedachten Motiven zwei n< ue von gleichem sittlichen Wert hinzugekommen; die unglaubliche Leidrigkeit des Austritts, die einer förmlichen Aufforderung gleichkommt, und die Aussicht, daß fortab im bürgerlichen Leben die Zugehörigkeit zu eii er Re'igionsgemeinschaft nicht nur nicht mehr förderlich, sondern vielleicht hinderlich sein werde. Ks gehört zu den zahlreichen, einem unsachlichen und unpsychologischen Doktrinarismus en'springenden Mißgriffen des neuen Regimes, daß es auf die Lockerung der bestehenden sozialen und natürlichen Verbände hinarbeitet, anstatt sich mit deren lebendiger Kraft zu verbinden und dadurch das Heraufführen einer neuen Epoche zu erleichtern. Die Auflösung der Kirchen und Religionsgemeinschaften muß also gefördert werden. Die Forma litäten wurden enorm erleichtert und die geldlichen Verpflichtungen auf ein Minimum herabgesetzt. Seither st igt die Flut der Austretenden immer höher, und wer in den Blättern deren Namen ließt, die ganze Kolumnen füllen, den beschleicht Bangigkeit. Nun darf man die Sache allerdings nicht übertreiben. Verglichen mit der Zahl der Austritte aus den christlichen Kirchen ist die Zahl der abtrünnigen Juden noch immer ein verschwindende* Minimum, besonders wenn man die oben dargelegten Anreize zum Abfall berücksichtigt, denen in den christlichen Kirchen ebensoviel Hindernisse gegenüberstehen. Da muß man sich sagen, daß die Gewalt, die das Judentum über die Seelen seiner Bekenner hat, noch immer ungewöhnlich groß ist und eine Untergrabung, oder auch nur eine ansehnliche Beeinträchiigung der jüdischen Gemeinschaft von dieser Seite nicht zu befürchten ist. Eine Lücke, die anderwärts ganz unbeadltet bliebe, macht bei uns schon einen so starken Lindruck, daß wir ihre Dimensionen leicht zu überschätzen geneigt sind. Aber eben das dieser Anschauung zugrunde liegende Gefühl ist sehr berechtigt, denn eine große und herrschende Gemeinschaft empfindet den Abfall viel schwächer als eine kleine, die nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Und eben darum weist bei uns der Abfall auf tiefer gehende moralische Defekte hin, als anderswo. Deswegen fordert diese Erscheinung unsere volle Aufmerksamkeit heraus. ,y uv ~ - rfJotfellankrißtallunb (5la^) ßwifbeiSobmen! Iföerk «9)rbas! ^^r8or; \ <XL> ^^JSL^yr^ A'-H So wenig Ehre es der Menschennatur macht, so kann es doch nicht geleugnet werden, daß die auffallende Zunahme der Austritte in den meisten Fällen auf den Wunsch zurückzuführen ist, leichten Kaufs der Gemeindesteuer zu entgehen. Personen mit Millioneneinkommen haben sich davon bestimmen lassen... Uber die bodenlose Rohheit und Niedrigkeit dieses Motivs ist kein Wort zu verlieren. Wer auf irgend eine Weise die staatlichen Steuern hinterzieht, pflegt das vor seinem Gewissen, wenn er ein solches ha-, damit zu rechtfertigen, daß dies eine Zwangssteuer ist, denn man kann ja aus dem Staat nicht austreten, und überall fordert jeder Staat seine Steuern. Die jüdische Gemeindesteuer ist stets eine freiwillige, eben weil man sich ihr durch den Austritt entziehen kann. Und gerade dieser Umstand muß jeden, der nicht jegliches Feingefühl eingebüßt hat, hindern, von dieser ultima ratio Gebrauch zu machen. Der Staat verwendet den weitaus größten Teil der Steuern auf den Unterhalt von Riesenheeren zu.Land und zu Wasser, die den Pazifisten überflüssig dünkten, und auf die Zivillisten der regierenden Staatsoberhäupter, die der prinzipielle Republikaner gern entbehrt. (Diese Vorwände fallen \ jetzt in Deutschland und in Osterreich we_'.) Das Judentum ist keine Ecclesia militans. unterhält keine Armee und keine Flotte; die Besoldung der Rabbiner, der einzigen Funktionäre, zu deren Unterhalt der „Freigeist" nichts beitragen möchte, nimmt im jüdischen Gemeindebudget den allergeringsten Raum ein. Der ganze Rest wird zum Unterhalt von humanitären und kulturellen Instituiior.en verwendet: Krankenhäuser, Asyle, Waisenhäuser, Erziehungsar stalten. Schulen, Museer, Bibliotheken, Einrichtungen sozialer Fürsorge u. dergl. Wer sich der jüdischen Gemeindesteuer entzieht, beraubt also die Öffentlichkeit um einen Betrag zur Förderung der wichtigsten Zweige des geistigen und materiellen Gemeinschaftslebens. Er wälzt in der unehrenhaftesten Weise seinen Teil der Last aul andere ab. Überdies möchte doch jeder der Austretenden überlegen, ob nicht er selbst, oder einer seiner nächsten Angehörigen einmal Beistand und Nutzen aus einer der genannten jüdischen Institutionen gezogen hat! Begründet das nicht eine soziale Verplichtung, zum Unterhalt dieser Institutionen nach Kräften beizutragen. Wenigstens sie in den Tagen der Not nicht ihrem Schicksal zu überlassen? Und daß Zeiten schwerer Not über alle jüdischen Institutionen hereingebrochen sind, unterliegt gar keinem Zweifel. Alle, in denen sich ein Fünkchen sozialen Gewissens regt, müssen sich jetzt immtr enger zusammenschließen und alle Mittel aufbieten, um die jüdischen Gemeindeinstitutionen zu erhal'en. von denen eine solche Fülle des Segens über Generationen ausgeströmt ist, und bei denen vielleicht schon nächstens wir selber oder unsere unmittelbaren Angehörigen Zuflucht, Schutz und Hilfe zu suchen genötigt sein werden! Wie muß es nun in der Gesinnung von Leuten aussehen, die gerade jetzt das Hasenpanier ergreifen und sich aus dem Staube machen, um sich einige Mark jährlich zu ersparen? Stellt sich rieht jeder, der in dieser Zeit seinen Austritt aus dem Judentum anmeldet, selber das Zeugnis aus, daß er jeden sozialen Pflichtgefühls, jeder Verantwortlichkeit bar ist? Wer aber der engen Gemeinschaft in der Stunde, der Gefahr so schnöde den Rücken kehrt, wird er der weiteren *W 9 ' 1' jf TJZobeltianspode LOians&UnerAQ. I Sa^gl~ Ü Jili. tiMtfC, . i •••!;>';.<l ü ' -ranvl iiv ' ittiTtcüaröfe* •ithat^'i" ' »•)■• rwt peinigt und färbt . .schnell und, preiswer.1 Teppiche, P*>rtl«»r4i w Telephon lWFStf?.\A< . """"" T.X" ',¥., ';«*' rwwmr. je. » <ir.a b iwff m&». 6

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