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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-08-27 · 35 (27.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
35 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 um die Geschöpfe Gottes zu beglücken. Es war eine aus Angst und Todesfurcht und Verzweiflung geborene Religiosität; ihrem Herdentrieb folgend, drängten sich die von dem plötzlichen Ausbruch betäubten und überwältigten Menschen dichter aneinander und ließen sich willig von den sanften und ergreifei den Gesängen und Melodien berauschen, die in einem so wohltuenden Gtger satz standen zu dem wüsten Donnern und Krache;) da draußen, zu dem markerschütternden Stöhnen und Wehklagen von Millionen Gefallener, die auf den Schlachtfeldern ringsum in T desängsten verröchelten oder in wahnsinnigen Schmerzen mit dem Tode rangen Diese Religiosität kitzelte sozusagen die Haut, die obersten Schichten der Seele, drang aber nicht tiefer hinein und verwitterte, sobald sich die ewig elastische Menschennatur an das Grauenvolle einigermaßen gewöhnt, sich mit ihm abgefunden hatte. Religion und Moral hat-»- n it folge dieses Krieges in gleichem Maße Schädigungen erlitten, von denen die Kultuimer.schheit sich nicht so bald wieder erholen wird. Die vor dem Kriege stark anwachsende Austnitshewegui g aus den I andeskirdien in Deutschland er fuhr zwar in den ersten Kriegszeiten eine starke Eindämmung, aber die Freude der kirchlichen Kreise dauerte nicht lange, denn die Ausrirsbewegung schwo I alsba d wieder an, und was noch schlimmer ist, eine religiöse Apathie und Gleichgültigkeit griff ein, die viel verhängnisvoller, für das Gedeihen und die Fortentwicklung der religiösen Kultur gefährlicher ist, als der Massenaustritt, denn dieser bt der Ausdruck eines Widerspruchs, einer Unzufriedenheit mit der Religion, cer Ausgetretene will bekunden, daß er zur Religion (oder zur Kirche) ein negatives Verhältnis hat. Der Ausgetretene hat Protest erhoben, er ist mit Religi.n oder Kirche entzweit, er kann sich mit der Religion oder Kirche wieder aussöhnen. Der Gleichgültige dagegen hat gar kein Verhältnis mehr zur Religion, sie ist für ihn tot, in ihm ist jede religiöse Regung gestorben. Und es ist nicht zu leugnen, daß die durch den Krieg herbeigeführte Verwilderung des Gemütslebens auch auf diesem Gebiete in einer trostlosen Öde zutage tritt. Von diesem Gesichtspunkte aus muß man die Austrittsbewegung aus dem Judentum betrachten, die in den letzten Jahren so stark um sich gegriffen hat. Sie ist nur als eine Folge der noch immer andauernden Kriegspsychose, des zerrütteten und unterwühlten moralischen Bewußtseins erklärlich. Lange vor dem Kriege gab es eine Abfallbewegung vom Judentum, doch war sie bei weitem nicht so umfangreich wie die jetzige und unterschied sich von ihr in den Motiven und in den Zielen. Mit dem Austritt aus der christlichen Kirche darf der Austritt aus dem Judentum Uberhaupt in keine Analogie gestellt werden. Wer aus der christlichen Kirche austrat, erreichte damit niemals einen materiellen Gewinn, eine Verbesserung seiner sozialen oder gesellschaftlichen Stellung, entging nie einem Druck oder Verfolgung. Umgekehrt, in neun von zehn Fällen brachte er ein großes Opfer, erschwerte oder versperrte sich den Zutritt zu höheren Ämtern, zum Offiziersrang, oder auch, er verdarb seinen Kindern die Karriere. Die Kirche war wohl berechtigt, in jedem Austritt eine Verirrung zu erblicken, und niemand konnte es ihr verübeln, daß sie diesen Schritt verdamme. Aber sie konnte der Verirrung, die sie verdammte, nie unedle Motive unterschieben. Der Austritt aus der Kirche war der Ausdruck eines Protestes gegen den Dogmenzwang, gegen die kirchliche Organisation, gegen das Verhalten der kiidilidicn Funktionäre zu bestimmten politischen Richtungen. Massenaustritte wurden dadurch herbeigeführt, daß in den Reihen des Proletariats die Überzeugung aufkam, die Kirche sei kapitalistisch orientiert, ihre Repräsentanten hielten es mit den Ausbeutern gtgen die Ausgebeuteten, die Religion vertröste die letzteren auf ein himmlisches Paradies, um sie vom Kampf gegen das irdische Elend abzulenken, verhindere die sozialen Reformen. Mit dem Austritt aus dem Judentum verhält es sich gerade umgekehrt. Von einem Dogmenzwang ist bei uns nicht die Rede, von der orthodoxesten bis zur radikalsten Glaubensmeinung finden alle im Rahmen des jüdischen Bekenntnisses Platz. Wer mit der „kireb ichen" Organisation seiner Gemeinde unzufrieden ist, kann sich, getrost einer anderen Gemeinde anschließen, eine eigene Gemeinde gründen; er kann gegen die bestehende Gemeindeorganisation ankämpfen, es ist kein Hochverrat und nicht staatsgefährlich, gegen unsere Gemeindeorganisationen sich aufzulehnen. Das kostet niemanden den Kopf. Es ist auch schwer zu behaupten, daß die jüdische „Kirche" und ihre Diener im Dienste der reaktionären Politik oder der kapitalistischen Geseüsd afisordnung stehe. Sie hat im Staate so wenig zu sagen, daß die politischen und sozialen Mächte ihrer Mütze ganz gut entraten können. Der Gedanke jedoch, daß etwa ein fortschrittlich Gesinnter es im Judentum nicht aushalten könne, weil die Lehren der jüdischen Religinn tn sozialer und politischer Hinsicht reaktionär und arbeiterfeindlich seien, dagegen die Besitzerden und die Machthaber bevorzugen, das Ka, itai auf Kos en der Arbeit begünstigen — dieser Gedar ke ist so skurril, daß bist er noch kein Abtrünniger gewagt hat, seinen Sc ritt mit diesem Vorwand zu bemänteln. Daß aber je i and den Abfall vollzieht, weil seine Philosophie che Überzeugung das Judentum innerlich überwunden habe, wird niemandem einleuchten. Gerade die Männer unter uns, die in Philosophie und Wissenschaft einen sehr hohen Rang eingenommen haben, sind dem Judentum mit allen Fasern ihres Herzens treu geblieben, viele unter ihnen haben mit der ganzen Kraft ihres Geistes für die Befestigung, Erhöhung und Verteidigung der jüdischen Lehre gekämpft. Die Abtrünnigen rekrutieren steh :u 99 Prozent aus den Kreisen derer, die von Philosophie und Wissenschaft himmelweit entfernt sind. Die Motive des Abfalles vom Judentum liegen übeihaupt jenseits von allem Geistigen. Sie sind in der Sphäre des persönlichen Egoismus, der Nützlichkeitsrechnung zu suchen. In den weitaus meisten Fällen brachte der Austritt aus dem Judentum gre ße, persönliche Vorteile mit sich: Zutritt zu gutbezahlten Ämtern, Eintritt in sogenannte höhere Gesellschaftskreise, wo man Einfluß und äußere Ehren ernten kann. Aber auch in Fällen, wo solche positiven Vorteile nicht in Betracht kommen, war schon allein die Tatsache, daß man den Ballast des judentums abschüttele, für niedrige, nur auf ihren persönlichen Nutzen und ihre Bequemlichkeit bedachte Naturen verlockend genug, um sie zum Abfall zu bewegen. Bringt es auch nicht immer Nutzen, Nichtjude zu sein, so ist es doch immer nützlich und angenehm, kein Jude zu sein. Dann ist man die ewige Hetze los, die stets und überall hinter dem Juden her ist. Man braucht nicht das Damoklesschwert zu fürchten, welches dauernd Uber den Köpfen der Juden bald höher, bald tiefer hängt und niederzusausen droht. Man brauchte sich z. c. -die Pogrome, die in den ersten Jahren nach dem Kriege in halb Europa wüteten und Zehntausende blutiger Opfer forderten, nicht sonderlich zu Herzen zu nehmen, man kann solchen Erscheinungen als unbeteiligter Zuschauer kühl gegenüberstehen mit jener kopfschüttelnden verschwommenen Teilnahme, mit der man der Vtr- SCfflRM-HAMPEL Das Haus der guten Schirme' u. Spazierflöcke HAINSTRASSE 31

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