Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 33 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE. LEIPZIG 2. Jahrganp sehen Anläse der Mischnah sich sehr häufig ergeben mußten, die Entscheidungen zu treffen. Alle diese Aufgaben lösten sie in ihren Zusammenkünften, die alle Jahre zweimal stattfanden und den Namen K a 11 a h - Versammlungen führten. Besucht waren sie zunächst v.m allen angesehenen Gesetzeslehrern, ferrer von ihren Schülern, die hier sachliche und methodische Schulung empfingen. Als Zuhörer wohnte diesen Kongressen eine große Menge Volkes bei. Vergleiche hinken ja immer; und auch der fclgende isl natürlich nicht wörtlich /u nehmen Aber man wird dem Wesen dieser Kallahversammlungen am nächsten kommen wenn man sie mit einer Vereinigung von dreien unserer modernen Institutionen vergleicht. Für die Schüler bildeten sie eine Hochschule, für das gan^e Volk aber stellte ihre gesetzgeberische und richtende Tätigkeit etwa dasselbe dar. was für unsere Zeit R e i c Ii S t a g urd Reichsgericht bedeuten. Die Protokolle, die von den Erörterungen aufgenommen worden sind, bilden — abgesehen von Zusätzen aus späterer Zeit — dasjenige, was uns bis auf diesen Tag als Talmud erhalten ist. Zur Hochschule wurden die Kallahversammlungen durch die Form der Verhandlungen. In regelmäßigem Wechsel wurd:n nämlich dort im Anschluß an die Sätze der Mischnah alle Gebiete behandelt. Neue Lehren wurden dabei nicht als besonderer Gegenstand vorgenommen und festgesetzt, sondern meist an der Stelle entwickelt, wohin sie organisch hinge* hörten. Wer regelmäßig diesen Zusammenkünften mit Aufmerksamkeit beiwohnte, hatte nach Ablauf einer bestimmten Zeit das ganze jüdische Recht kennen gelernt. I*> sei dabei allerdings beim rkt, daß gerade in Babylon — ohne daß damit der Wert und die Gültigkeit des nicht behandelten Stoffes bezweifelt wurde — meist nur das zur Verhandlung kam, was für das praktische Leben noch Bedeutung hatte. So fehlen u. a. dem babylonischen Talmud die Diskussionen über das Landwirtschaftsrecht, da dies nur in Palästina praktische Anwendung finden konnte Wenn man den Vergleich durchführt, daß die Kallahversammlungen gewissermaßen Reichs ag und Reichsgericht waren, erklärt sich manches, was sonst befremdlich erscheint. Man versteht, wenn man Sie als Reichstag betrachtet, zunächst einmal, warum im Talmud nicht jedes Wort lauteres Gold ist und warum manches sidi lirdet. das uns seltsam anmutet. Ebensowenig wie kein Deutscher im Traume daran denken wird, für jedes Werl einzutreten, das von der Tribüne des Reichstags herab gesprochen wird, haben wir Juden eine Veranlassung, uns für jeden beliebigen Satz verantwortlich machen zu lassen den ein vielleicht unbedeutender Rabbi in seinem Unmut oder seiner Erregung ausgesprochen hat, und der nun von judenfeindlicher Seite womöglich als „religiöse" Lehre angesehen und gegen uns ausgebeutet wird. Man hat eben damals eine derartige Böswilligkeit und Unvernunft nidit voraussehen können und harmlos — wie bei uns heute — alles aufgenommen, auch was man ablehnte! Wer aufmerksam die Reichstagsstenogramme studiert, wird allerdings einen gewidiligen Unterschied zwischen ihnen und dem Talmud entclccken. Denn dort muß er die spärlidien Goldkörner mühsam heraussuchen aus einem unendlichen Wüste von herzlich gleichgülti- QeaenSchuppen "Haarausfall nur Dr. m^-f^"^j^LL^^gTjJ^j3^ filjilM f-** i iSANDsrciNeco. G.m.b.H. lhpzig oittokhpino 16 rin Telephon Nr. 24333 12137 reinigt und färbt schnell und preiswert Teppiche, Portieren Herrenu. Datnengard. Nadiste Filiale: Salzgäßchen Nr. 6. gern und unbedeutendem Zeuge. Im Talmud verschwindet dagegen das Unedle in der Menge dessen, was — natürlich vom Standpunkte des damaligen Judentums aus — erhaben und wichtig war, was zu einem nicht kleinen Teile auch heute seine Bedeutung noch nidit verloren hat. Durch den Vergleich mit dem Reichstag erklärt sich auch, warum im Talmud alles steht, alle Gebiete berührt wurden. Zum Teil wurde dies von vornherein dadurch begünstigt, daß der Begriff des Rechts ja viel mehr umschloß, als es nach moelernen Anschauungen der Fall ist. Dazu kam aber, daß die gelehrten Teilnehmer an den Kallahversammlungen gerade wie unsere Reichstagsabgeordneten den verschiedenen Berufen angehörten. hin wundervoller Brauch bestimmte, daß das Studium der Thora kein bezahltes Gescnäft bilden durfte; jeder sollte eben nadi Kräften lernen! Und wenn so die berühmtesten Gesetzeslehrcr, die die neuen Gesetze ableiteten und berieten, Kaufleute oder sdilidite Handwerker waren, so ist es klar, daß sie in den Verhandlungen ihren Beruf nicht verleugneten, dem sie zum mindesten ihre Beispiele entnahmen. Da so jeder von den Interessen sprach, die ihm rahe lagen, enthält der Talmud Geographisches, Gesdiiditliches, Medizinisches, Philosophisches, Astronomisches, und was es sonst an Wissenschaften gibt, in buntem Wechsel, darum gibi er uns audi einen so deutlichen Linblick in das Leben und Treiben des jüdischen Handwerkers, l andwirts und Kaufmanns. Wäre nicht der Talmud ein so treues Abbild des lebendigen Wirkens unserer Alten, würden wir von der Kulturgeschichte des alten Judentums gar nichts wissen. Wenn im Reichstag die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erlahmen droht, versucht der Redner durdi einen mehr oder minder geistreichen Witz das Schlafbedürfnis der anderen fortzuscheuchen. Im Talmud tritt an die Stelle dieses belebenden Elements die schöne erbauliche Erzählung, die Haggadal Die Eintönigkeit der halachischen, gesetzlichen hrörterungen wurde unterbrochen durch geschichtliche Sagen, sdiüne Gleidinisse, Fabeln oder Anektoclen, die meist eine erbauliche Auslegung einer oder mehrerer Bibelstellen darstellen und zum Endzweck die Betonung eines sittlichen Gedankens haben. Die erbauliche Auslegung der heiligen Schrift, Midrasch genannt, ist an sich kein Bestandteil des Talmuds. Sie bezweckt, wie bei uns die Predigt, die Erbauung des Volkes hei seinen Versammlungen im Gotteshause, hin n dit unwesentlicher Teil ist aber aus den oben angegebenen Gründen zwisdien den gesetzlidien talmudischen Erörterungen eingestreut zu linden. Daß die gesdiiditliche Haggada auch den Zwecken politischer Satire dienstbar gemacht wurde, sei noch erwähnt. Man schalt auf das alte Edom und meinte Rom, und der Zeitgenosse merkte sofort, daß man einen Caligula oder Nero meinte, wenn man von der Schlechtigkeit irgend eines Königs aus biblischer Zeit berichtete. Wenn wir auf alles hingewiesen haben, was der Talmud enthält, so sei noch eine Bemerkung einem Thema gewidmet, von dem im Talmud nichts steht: Jesus und dem Christentum! Obwohl es immer behauptet wird, daß der Talmud voll von Schmähungen des Christentums steckt, kann man in H^Ö^Ni e_^ ■ O ßriftallurtb (Bla$^i bei&obmen! TKerk&irbas! mm men