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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-07-30 · 31 (30.7.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
31 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELM11ONH(iEMEINDE, LEIPZIG Seile 3 wenig Entgegenkommen bieten Voraussetzung ist natürlich, daß nur bei vollkommen gleichen Be dingungen und ganz gleichen Leistungen an den jüdischen Kaufmann und die jüdische Hau.«trau d;is Ansinnen gestellt werden kann, jüdisches Personal einzustellen. Aber sind auch diese Dinge erfüllt, so begegnet man doch in unseren Kreisen meist geringem Versiürdnis für die Not der jüdischen Arbeitslosen, die, wenn nicht bei uns, so doch bei den anderen gewiß nicht unterkommen. Daß der r+iriMliche Haushalt kein jüdisches Madchen einstellt, ist selbstverständlich; was bleibt aber dann für eine andere Lösung übrig, als daß wir selbst verständnisvoller und bereitwilliger eingreifen? Jüdiscnes Personal wird ja auch im Prinzip nicht von vornherein abgelehnt, aber in der Praxis wird es doch nach Möglichkeit vermieden. Warum sollte nicht geraJe in unserer Frauenkreisen, um wieder ein Beispiel herauszunehmen, es sich machen lassen, daß die jüdische Wirtschafterin oder das jüdische Kinderfräulein, das genau so viel kann wie das nichljQdische, und das nichis anderes und besseres verlangt als jenef, mehr Beachtung finden! Es müßte doch mehr bedacht werden, daß nur jüdische Hausfrauen allein imstande sind, denen zu helfen, die arbeiten wollen und nicht Arbeit finden. Die Abneigung, die gegen jüdisches Personal besteht, erklärt sich ja zumeist aus einer Ver a11 ge m e in e r u n g verschiedener Einzelfälle, die bei christlichen Mädchen mindestens ebenso vorliegen. Sehr viel spricht aber auch die Voreingenommenheit mit, die sich gegen den größeren Zusammenhang wendet, der sich sehr leicht mit dem jüdischen Haus- und Geschäftspersonal bildet. Wenn aber Leistung und Gegenleistung von vornherein scharf abgegrenzt sind, wenn eben bei allem Fntgegenkotnmen auf beiden Seiten die für eine Zusammenarbeit unbedingt notwendige Zurückhaltung von Anfang an gewahrt wird, dann dürhe doch die Gemeinsamkeit sich nicht mehr trennend in den Weg stellen. Es müßte diese Gemeinsamkeit, wie es ja auch das Natürliche ist. vom gebenden und vom nehmenden Teil nur zum Guten ausgewertet werden können. Es soll nie und nimmer vom jüdischen Arbeitgeber verlangt werden, daß er den jüdischen Arbeitnehmer dem anderen vorzieht. Aber er sollte sich überlegen, wieweit er ohne gering stes persönliches Opfer imstande ist, in größere Zusammenhänge helfend einzugreifen. Er würde sich um vieles verdient machen, wenn er bei vollkommener Gleichwertigkeit jüdische Bewerber etwas mt hr berücksichtigte als bisher. Diese vollkommene Gleichwertigkeit in allen Fällen zu erlangen, das allerdings mußte Streben und Ziel alle r j ü d i s ch e>n Arbeitsuchenden unbedingt sein. Denn neben den wirklich guten Kräften, die zweifellos vorhanden sind, sind alle jüdischen Stellenvermittlungen belastet von zahllosen Mädchen, die aus it angelnden Kenntnissen immer zurückstehen müssen. Eine durch und durch aufs Sparen und Einschränken zugeschnittene Wirtschaft stellt andere weil erhöhte Anforderungen, denen nicht leicht zu genügen ist. Schlechte Vorbildung ist ein licmmi.is, mit dem sich wenig anlangen läßt; es fehlt dann meist später im gegebenen Augenblick die finanzielle Möglichkeit, das nachzuholen, was früher versäumt wurde. Man hört oft von jungen Mädchen, denen vorschwebt, als Haustöchter unte-zukommen. Das ist etwas, was unter günstigen Verhältnissen sich sehr schön auswirken kann, nämlich dann, wenn aus der Haustochter mehr der HauswirtSchafts* lehrling wild, der zunächst uui leint und noch nicht viel leistet. Im übrigen aber sind eben diese Haustöchter kaum unterzubringen, weil sich unter dem Begriff alles sammelt, was gar nicht oder schlecht vorgebildet ist. Nur, wer auch hauswirtsdiaftlich die Kenntnisse hat, die ihn befähigen, auf diesem ^^^^S^^^g^pÜl Gebiet selbständig etwas zu leisten, hat Aussicht auf den Wirkungskreis, der ihn dann auch befriedigt. Das jüdische Mädchen solhe irrmer carauf sehen, hier nichts Halbes zu tun, sondern durch gründlichste Vorbereitung sich die Basis schaffen, auf der es nachher aufbauen kann. Nicht ganz einfach liegen die Dinge ja für ältere Mädchen, die sich umstellen und in d is Berufsleben eintreten müssen. Aber auch sie sollten versuchen, sich irgendwie die Möglichkeil einer Vorbildung, sei es in irgendeinem Spezialkursus, der ihnen gerade liegt, zu verschaffen, ehe sie auf Stellensuche gehen. Sie würden die Stellenvermittlungen vieler Schwierigkeiten entheben, die ihnen durch Mangel an gründlichen Kenntnissen jüdischer Mädchen entstehen. Es ist ja zum Glück immer noch so. daß die wmigen, die wirklich sehr Gutes leisten, doch ein Unterkommen finden. Daß junge Mädchen, die sich dem Haushalt widmen, immer eher eine Tätigkeit finden als Kontoristinnen und Buchhalterinnen, das ist wohl allgemein bekannt. Wenn aber auch hier zu dem rein Praktischen, das das jüdische Mädchen Ott zurückstehen läßt, etwas hinzukommt, was tiefer geht und fester verwurzelt ist, so verdient auch dies einmal klargestellt zu werden. Ks müßte doch mit allen Kräfi ten dahin gewirkt werden, daß judische Mädchen mehr verstehen, sich auf das einzustellen, was ihnen als den i jüngeren, den lernenden zukommt. Sie sind im ganzen — vielleicht dank des besseren jüdischen Familienlebens — verwohnter als andere. Es sind auch dies Gegebenheiten, die nicht einfach umzustoßen sind. Diejenigen, die wirklich etwas leisten, sind es nicht, sondern die. die wenig können und viel verlangen. In einer so schweren Zeit wie der heutigen müßten sie verstehen, ihre Ansprüche herunterzuschrauben — ideell wie materiell Sie dürften es nicht als soziale Herabmindetung ansehen, wenn ihnen manches von dem genommen wird, was sie glaubten, unbedingt erreichen zu müssen. Ein wunder ' Punkt is: oft die Forderung nach vollem Familienanschluß,; auf den doch auch hier und dort verzichtet werden könnte. Seine Verweigerung will ja meist gar keine Degradierung bedeuten, sondern sie müßte doch dem jüdischen Mädchen selbst oft angenehm sein: es hätte so Stunden des Tages oder Abende für sich ganz allein, in denen es für sich arbeiten oder lesen könnte. Wir alle haben sicher Gelegenheit, ab und zu mit arbeilsudienden jüdischen Kreisen zusammenzukommen. Vielleicht ließe sich dach von vor: herein eine grunJsä'.z;ieh andere Einstellung schaffen, die sidi mehr dessen bewußt ist, was sie zu empfangen, was sie aber vor allem zunächst zu geben hat. Es ist gewiß nicht leicht, in einem Abhängigkeitsverhältnis, in dem man vor allem über seine Zeit nicht verfügen kann, jahrelang zu veiharren. Aber jüdische Mädchen könnten doch viel dazu tun. sich selbst diese Jahre zu erleichtern, indem sie klar erkennen, was dem andern nun einmal gebührt, und aus dieser Erkenntnis heraus sich selbst größere Zufriedenheit verschaffen. So würde sich dann am einfachsten die Voreingenommenheit der Mensdien bekämpfen lassen, die in lala eher Weise das verallgemeii ein, was in gewissen Beschränkungen zugegeben werden muß Vielen ist ja bereits die zwingende Not Anlaß zu größerer Bescheidenheit geworden; aber bei vielen muß sidi nach und nach von selbst das gesunde Verständnis tür die Dingt, wie sie nun einmal sind, durchsetzen. SCHIRM-HAMPEL Das Haus der guten Schirme u. Spazierfföcke HAINSTRASSE 31

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