Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 31 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEIN!»EBLATT OER ISRAELITISCHEN RF.LlGiONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang dem einzig und allein Arbeitsbeschaffung ihn seiner schwierigen Lage in befriedigender WeLse enthebt. Daher ist es eine Selbstverständlichkeit, daß eben diese* Gebiet der Arbeitsbeschaffung und. damit zusammenhängend, das der Stellenvermittlung immer größere Aufmerksamkeit verdient. Ks kann ganz davon abgesehen werden, daß es bei der heutigen wirtschaftlichen Lage unserer Gemeinden ein Dil g der Unmöglichkeit ist den Vielen, die an die Vereine herantreten, durch Geldmittel zu helfen. Produktive, aufbauende Wohlfahrt treibt man nur dann, wenn man den Bittsteller nicht direkt unterstützt, sondern ihm die Wege ebne»,! sich selbst zu helfen Es ist dies die Art der Hilfeleistung, die auch aus rein menschlichen Gründen dem gebenden wie dem nehmerden Teil die angenehmste sein müßte So ist die Stellenvermittlung zwar zunächst ein Gebiet, d;is sich eng an die Wohlfahrtspflege anlehnt, weil es diese teils unterstütz . teils entlastet, das aaer, weit darüber hinausgehend, selbständige, wertvolle soziale Arbeit leistet. Aus dieser lirkennnis heraus haben schon vor dem Kriege alle großen jüdischen Organisationen in Deutschland Arbeits- | nachweise gegründet. Der Verbünd der Arbeitsnachweise der Groß löge — 1910 geschaffen — umspannt den größten Teil der Logenorte mit Arbeitsvermittlungsstellen. Seine größte Vereinigung hat er der Frankfurt-Loge angegliedert, die männlichen und weiblichen Bewerbern ,'.ur Verfügung steht - alleidings werden dem Loyengedanken entsprechend hier die Arbeitnehmer nur aus den eigenen Reihen gestellt. Der Verei t der Arbeitsnachweise der Berliner Logen besteht bereits seit 1896; er hat 1922 eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Jüdischen Arbeitsamt Berlin, dem Verein jüdischer Handwerker und dem Jüdischen Frauenbund gegründet. Der Jüdische Frauenbund bringt in seinem Programmpunkt, der von der Lrleichterung des Erwerbslebens lüdischer Frauen urd Mädchen redet, sein starkes Interesse an diesen Fragen zum Ausdruck. Audi sdon vor dem Kriege hat er all seinen Ortsgruppen Stellenvenrittlungsarbeil besonders ans Herz gelegt. Später li.n et dann zusammenfassend das Kartell der Arbeitsnachweise des jüdisdien Frauenbunds geschidd'n. das seinen Sitz zunächst in Elberfeld hatte und Ii dai n nadi Berlin verlegte. Heute ist die Frage der Zer r I-Spitzenorganisation aller j vorhandenen Arbeitsnachweise für Deutschland derart geregelt, daß diejenigen, die alle AbteilUl geil umiassen, also auch die Logenarbeitsnachweise, der Hauptstelle lür Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise. Silz Be lm, angesdilossen sind. Die weblidien Arbeitsnachweise dagegen sind durch das Kartell des Jüdisdien Frauenbundes zusammengefaßt. Überall findet ein reger Lis enaustausch statt, der den Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschäftsstellen und den Austausch von Angebot und Nachfrage über die verschiedenen Landesteile hinaus heben soll. So ist klar zu sei en, wie aus denselben Gedankengängen heraus sdion vor etwa zwanzig Jahren an allen Orten die gleicher. B strebungen entstanden sind, die natürlich durch die wirtschaftliche Schwere der letzten zehn Jahre besonders notwendig und unentbehrlich wurden. L'nd wenn man sich vor Augen hält, daß die ganz grundsätzliche Widitigkeit gerade dieser Tätigkeit von allen maßgebenden stellen anerkannt und von allen großen Organisationen gefördert wird, so ist es stark verwunderlich, daß eben dieser Zweig sozialen Wirkens mit sehr, sehr großen Schwierigkeilen kämpft. Man muß sich doch ernstlich trauen, woran es dem liegt, daß jüdische \rbeitnehmer und jüdische Arbeitgeber so schwer zueinander kommen, woran es liegt, daß in allen Fällen jüdische Arbeitsvermittlun^s-tellen bei größter Mühewaltung nur relativ geringe E r I o 1 - e erzielen. Die Tatsachen zeigen überall, daß viel gewollt, doch wenig erreicht wird. Nimmt man rein zahlenmäßig das hrnebnis jüdischer Stellenvermittlungen zusammen, so weisen nur Berlin und Frankfurt a. M. größere Absdilußzilfern auf, die dort natürlich durch das größere Material bedingt sind; aber auch sie stehen in durchaus keinem rechten Verhältnis zu Angebot und Nachfrage. Berlin war, um nur ein Jeispiel zu nennen, 1924 imstande, von etwa 12000 Meldungen 20 Prozent in günstigem Sinn zu erledigen, Frankfurt rechnete in der gleichen Zeitspanne gar nur mit 10 Prozent VermiMungen. In Ostpreußen ist es in den letzten zwei J. hren so gewesen, daß trotz eines starken Überangebotes von Arbeitnehmern selbst die wenigen -\nfagen der Arbeitgeber nur zu einem ganz geringen Bruchteil befriedigt werden konnten, ein Zustand, der unbedingt der Besserung bedarf. Vergegenwärtigt man sid nun die Schwierigkeiten, die sich dauernd den jüdischen Stellennachweisen hemmend in den Weg stellen, so versteht sidi natürlich eins von .selbst: sie unterliegen denselben Bedingungen wie die allgemeinen Wie in den öffentlichen Stellen Nachtrage und Angebot ein Spiegelbild der gesamten Wirtschaftslage bietet, so is: dies in vielleicht noch sdiärferem Maße bei uns der Fall. In einer Zeit, in Oer Arbeitgeber, die hundert Leute beschäftigt haben, sich auf fünfund/.wiinzig und weniger einschränken in einer Zeit, da Personalabau in allen Beirieben vor sich ging od°r vor s eh gehen wird, muß ein Überangebot an Kräften entstehen, dem schwer zu s'euern ist. Bedenkt man wei er, daß, wenn auch zum Glück nur in Einzelfällen, doch hier und dort geklagt wird daß jüdische Arbeitskräfte eher entlassen werden als andere, red net man hierzu die vielen jüdischen Mädchen, die früher nie daran gedacht hätten, in Stellung zu gehen, und die es heute bhter nötig haben, sich ihr Brot selbst zu verdient n, so sieht man, wie es unvermeidlich zu diesem Überangebot kommen muß. Man versteht dann, wie gewiß ein Teil Iruch loser Steilenvermittlungsarbei' den trostlosen Zeitverhältnissen zuzuschieben ist, und weiß aber zugleich, daß hi> r eine Besserung cer allgemeinen Wirtschaftslage auch unweigerlich eine Änderung mit sich führen wird. Hier sind die Verhältnisse stärker als die Menschen. Nicht leicht zu beheben sind des ferneren rein I edt n i»che S di w i e r i g k e i t e n , die speziell in Ostpreußen die Arbeit sehr behindern. Zwar ist die Lrfassun^ der Bewerberinnen an sich duidi regelmäßige Zeitungsversendung in die Pr vinz jetzt besser geregelt. Aber weil gerade der grüßte Teil de; arbeitsuchenden Mädchen, die sidi um Stellen in Geschäft und Haushalt bemühen, in der Provinz wohnt, so ist die ganze Abwicklung sehr crsdiwert. Das sdinelle Zugreifen zu einer olfenen Stelle, das im gegebenen Augenblick meist sich notwendig macht, ist dadurdi unmöglich; denn audi bei schnellster gegenseitiger Benadir diiigung sind die Entfernungen in der Pro vi z zu uroß, um ein sofortiges Vorstellen des Reflektanten, d <.s selbstverständ ich mit vollem Recht immer gewünscht wird, zu gestalten. Das alles sind gegebene Tatsachen, mit denen man von vornherein rechnen muß Der rituelle Haushalt und die Sonnabendarbeit — e'as sind zwei weitere Faktoren, die oft dem Abschluß einer Vermittlung entgegenstehen. Das jüdische Mädchen, das aus strenggläubiger Häuslichkeit stammt, sucht monatelang nach dem passenden Wirkungskreis, den es nur in einem rituellen Heim finden kann. Und di jüdische Kontoristin bemüht sich sehr, sehr lange vergeblich, bis sie die Firma lindet, die ihr in besonderem Entgegenkommen gestattet, am Sonnabend nicht zu arbeiten und am Sonntag das im täglichen Betrieb Nötige nachzuholen. Doch man sollte meinen, mit all diesen Dingen leichter fertig zu werden, sind es doch schließlich — sowohl ganz all gemein die schlechte Wirtschaftslage wie audi die zu langsam funktionierende gegenseitige Benachrichtigung und der rituelle Haushalt (der ja nun doch ab und zu vorhanden ist) nebst der Sonnabendarbeit (die ja auch in gewissen Einzelfällen bereitwillig erlassen wird) — nur äußere Hemmnisse, die sich der jüdischen Stellenvermittlung in den Weg legen. Und wie überall, so muß es auch hier so sein, daß diese Äußerlichkeiten , gering und wenig bedeutsam erscheinen neben dem, was liefer i gehend — vielleicht oft unbewußt — Ursache vieler erfolglostr Mühe ist. In diesem Zusammenhang wiegt wohl doch recht schwer die Tatsache, daß die Erfahrung im ganzen gezeigt hat, wie jüdische Arbeilgeber, auf die es hier am meisten und fast allein ankommt, im allgemeinen solchen Fragen gegenüber