Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 OfiMEINDERLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang zu bestimmt und geeignet, das Publikum von jüdischen Geschalten, also auch von dtnen der Kläger, lernzuhalten.... In Verbindung mit dem sonstigen Inhalt des Flugblattes geht die Erklärung des Beklagten über eine zulässige bloße Anregung zur eigenen Entscheidung des Lesers über seine Stellung zu jüdischen Kaufleuten hinaus uul stellt eine Verrulserklärung jüdischer Gewerbetreibender dar. .. Ein Verruf... lediglich aus politischen Gründen, erscheint als ein Verstoß gegen die guten Sitten (§ 826 B.G.B.) und verwerflich; insbesondere gilt dies dam:, wenn, wie hier, der politische Gegner auch wirtschaftlich getroffen werden soll Iis wäre unerträglich, wenn politische Parteien und Vereinigungen es unternehmen wollten, politische Ziele dadurch zu erreichen, daß die Gegner durch öffentliche Kundgebungen brotlos gemacht oder doch in ihrem Erwerb geschmälert werden. In der Reichsverfassung (Artikel 109, 113) ist die Gleichberechtigung der Juden festgelegt. Im vorliegenden Kalle tritt noch hinzu, daß die Kundgebung in eine Form gekleidet ist, die verhetzend ist und aufreizend wirkt. Der Ausdruck „beim Juden" enthält t ach dem Sprachgebrauch eine Herabsetzung deren Wirkung noch erhöht wird durch den Inhalt des Flugblattes selbst, mit dem es in untrennbarem Zusammenhang steht." — Die Entscheidung brachte den Klägern auch materiell einen vollen Erfolg. Aus Sachsen Ablehnung einer Staatsbeihilfe für die israelitischen Kcligionsgcmcindcn Der Verband israelitischer Religionsgemeinden im Freistaat Sachsen hatte beim Ministerium für Volksbildung eine Ein -abe eil gereicht, in der verlangt wurde, daß für jüdische Ku'tuszwecke im gleichen Verhältnis wie auch für evangelische und katholische Zwecke Staatsmittel bereitgestellt werden sollen. Der HaushaltausschuB des Landtages beschloß gegen 5 Süminen, die Eingabe auf sich beruhen zu lassen. Der Landtag selbst h?.t sich in seiner Sitzung vom 1U. Juni ohne weitere Aussprache diesem Beschluß angeschlossen. Aus unserer Gemeinde Kinder spu lvormittage des Jüdischen Frauenbundes L'm jüdischen Kindern, die keine Elholungsreise haben können, wenigstens während der Ferien eine kleine Erholungsmöglichkeit und Ferienfreude zu bieten, hat die Ortsgruppe ces Frauenbundes die Spielvormfttage, die sich im vorigen Jahre so bewährt haben, wieder eingerichtet. Nach vielen Bemühungen ist es gelungen, das Restaurant „Schützenhot*4 (im Rosen tai gelegen) iür diesen Zweck zu erlangen. 10() Kinder spielen vom Mittwoch, dem 21 d. M. ab täglich von 9 bis 2 Uhr unter Leitung einer Kindergärtnerin und freiwilliger Helferinnen dort und erhalten ein Glas Milch zur Erfrischung. Mit den geringen Mitteln, die zur Verfügung sieben, kann nur diese kleine Erholungsmöglichkeit geschaffen werden. Es ergeht aber an die Mitglieder des Frauenbundes die herzliche Bitte, durch Gaben von Obst, Eiern, Gebäck. Schokolade usw. oder auch durch Geldgeschenke dazu beizutragen, daß diese wenigen F rientage den Kindern zur Kräftigung und Freude diertn. Es wird auch willkommen sein, wenn sie sich persönlich von dem munteren Spiel der Kindel überzeugen. Neue Bücher Jtfarius Colibett. Jfilt glühender Jeder. Erzählung. 1hZ6. Philo-'Vtrlag, Bertin. Der jüdische Koman der Gegei.wit sucht sich seinen Stoff gern in o is h m Leben, oder er behandelt moderne Probleme in historisch»m Gewände </ B, Reubeni, jud büß, Juden v Ziindoif u a ). Vor zehn und zwanzig Jalutu bildete:; außerorde tlich beliebte Turnen die Taufe aus Strebertum, die Misch he ml den sich daraus ergebenden Konflikten oder gemütvolle Schilderungen des Lebens in einer Klein- Btadtkehilla, Verhältnismäßig selten find nwiiu jüdischen Erzählungen den jüdischen Gioßstadtmenschen der Gegenwart in seinem rein menschlichen Schicksal geschildert, dem aber doch wiederum seine Zugehörigkeit zum Judentum eine besondert Nuance verleiht. Die vorliegende Erzählung hebt solch ein jüdisches Einzelschicksal aus d«.r Fülle ähnlicher Schicksale heraus, und wir sehen wiederum, daß immer in dem Lebensweg eines )udi n der Judet haß seine verheerenCen Spurin einzeichnet, So wird auch diese Erzählung, die den Lebens- und Leidensweg einer jüdischen Lehrerin zum G gi ns'and hat,?u einer Anklageschrift gegen den Antisemitismus, gegen diejenigen, die dtn Juden ihre ihnen durch die Verfassung gewähileisteten Rechte mein zubillige:'. Die vorliegende Erzählung wird umsomehr zu einer Anklageschrift, weil sie ohne eikügeite Berechnung auf Wtkung, ohne gewollte Tendenz, nur das ausdrückt, was aus einem übervollen Herzen zur Gestaltung drängt. So wird s e zu einem Buch, das tatsächlich ein in seinem besten Wollen verwundeter Mensch „mit glühender Feder" geschrieben har. Wir sehen einen dornigen Schkksalsweg vor ms. In das Familienglück einer gutsituie t> n, löchterreichen Familie wird durch den Tod der HebeVol en Mutier eine schmeizliche Lücke gerissen. Die siebente Tochter der Familie wächst ohne die, viele Schicksalshärten ausgleichende, verstehende Mutterliebe heran, ist noch dazu von der Na.ur durch ein wenig sc' önes Äuß re vernachlässigt und wird so zu einem scheuen, unzugänglichen Menschen, des-en reiches Innenleben außer dem sehr liebevollen Vater nien and kennt. Diese ihre beste Stütze verliert Sie, gerade als sie vor der Berufswahl steht. Ihr in Kindetjahien so oft durch i erechtigkeit ind Mißverstehen verwundetes Herz hebt sie mit Innerei Gewalt zum Bend einer Lehrerin. Sie will durch liebevolles Verstehen Sonne in das Dasein der vom Schicksal weniger begünstigten Kinder tragen. Durch den Tod des Vaters wird es ihr aus wirtschaftlichen Gründen und dutch U:.Verständnis des Vormunds außerordentlich erschwert, die-en P"ruf zu dem Ihr ganzes Wollen sie treibt, zu erlangen. Schließlich setzt s c sieh durch, besteht g länzend ihr Examen, bekommt Vertretungsstell« r», wird von allen Vorgesetzten i ires pädagogischen Talents und ihrer Aufopferungsfähigkeit wigen gerühmt und kommt trotzdem nie über dii? unric ere, scfilechtberahlte und unbefriedigende Ex's'enz ein-r Ve tretungslehrerln hinaus — weil sie Jüd-n ist. Nach vielen Enttäuschungen, die bis zur Entmutigung ihres himmelstünm nden Idealismus führen, nac* einem Auf' ntl alt in Frankreich, 1er ihr Gelegenheit bietet, bi'tere Vergleiche zwischen der dort herrschenden Toleranz und der engherzigen Undu dsan keit des vi n ihr so gelii bten Deutschland zu ziehen, kommt sie endlich zu dem so bescheidenen Glück, Lehrerin an einer Volksschule des Berliner Nordens zu weiden. Dje Heldin dieser lebendig geschriebenen, mitreißenden Fjzäi Itmg ist ein Typus jener Qioßstadljuden, denen ihr Judentum zu viel bedeutet, als d; ß sie es, wie es der jungen Lehrerin angeboten wurde, selbst dem ersehnten Beruf zum Opfer bringen können; deren es aber auch andererseits zu wenir ist, als daß es ihres Lebens beglückender Inhalt werden kann. An dem Schicksal, das hier vor uns entrollt wird, bestätigt sieb die oft ausgesprochene Wahrheit daß mar, jungen Menschen keine bessere Schutzwehr gegen den Antisemitismus geben kann, als ein stark ausgeprägtes jüdisches Selbstbewußtsein ein Wissen um d'e Kostbarkeitin unserer Lehre. E ... n