Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 29 (16.7.1926)
- Date
- 1926-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 Auf der spanischen Halbinsel halten Jahrhunderte hindurch Juden an allem Streben und Wollen ihrer Umgebung teilgenommen. Die Sprache des Landes war ihre Sprache; Kunst und Wissenschaft des Landes fand in ihnen eifrigste Förderer. Am Gedeihen des Volkes waren sie innerlich wie durch wertvolle Leistungen beteiligt. Und dabei hatten sie das jüdische Leben zu einer Blüte aufgehen lassen, an deren Schönheit noch die Jahrhunderte zehren können. Dieses jüdische Sein und dieses Wirken der Juden in Gemeinschaft mit ihrer Umgebung hätte ihnen das Vertrauen stärken können, daß hier der Boden bereitet sei, um die Sendung des jüdischen Gedankens um ein Beträchtliches zu fördern. Und dennoch wurden alle diese Hoffnungen zerbrochen; im Jahre 1492 erfolgte das Edikt, das alle Juden des Landes verwies. Am 9. Aw verließen Hunderttausende das Land, mit dem sie innerlich verwachsen waren. Zogen ins Ungewisse, um von neuem die Arbeit an Israels Sendung zu beginnen.-- Unglück über Unglück an diesem 9. Aw. Mit ihm verbindet das jüdische Denken die Enttäuschung Uber den Fortgang seiner weltgeschichtlichen Aufgabe. Mit ihm verbindet aber auch das jüdische Fühlen die Erinnerung an maßloses Leid, das der 9. Aw so oft auf die Juden geworfen hat. Sechs Monate Belagerung verursachten den Einwohnern Jerusalems 586 Leiden von unbeschreiblichem Ausmaße; noch heute teilt sich das Entsetzen, das in den Klageliedern Jeremias zum Ausdruck kommt, dem fühlenden Leser mit: der Hunger rief den Wahnsinn in den Müttern hervor, daß sie ihre Kinder töteten, um einen Bissen am Gaumen zu spüren! — Nicht minder das seelische und das körperliche Leid, als auch der Römer um Jerusalem herum lagerte, und die Mahnung der Einsichtigen, Stadt und Tempel durch Aufgeben eines aussichtslosen Kampfes zu retten, verhallte gegenüber dem Toben der Unentwegten, die riefen: Sieg oder Untergang! Unermeßlich war das Blutbad, das den Aufstand des Bar Kochba endigte, und furchtbar die Not der Hunderttausende, die Spanien verlassen mußten. Das alles verknüpft unser trauerndes Gedenken mit dem Unglückstage des 9. Aw. Aber noch weit mehr: all die Unterdrückung, die Entrechtung, die Verleumdung und Verachtung, gegen die die Juden seit ihrer Zerstreuung unter die Völker anzukämpfen haben, all die Schmach und die ständige Bedrohung ihres Bestandes: sie haben ja ihren Ausgangspunkt in jener Zerstörung Jerusalems, die die Juden trieb, den Wanderstab zu ergreifen: der 9. Aw ruft alle Leiden der Judenheit in all den Jahrhunderten seiner Wanderung wach. — Und dennoch ist der 9. Aw kein Tag, an dem der Jude | verzweifeln dürfte an seiner jüdischen Bestimmung. Wären es nur traurige Erinnerungen, mit denen wir den 9. Aw begingen: der Tag der Trauer hätte längst seine Bedeutung verloren. Aber er ist auch ein Tag der Ermunterung zur Arbeit J an unserer jüdischen Aufgabe. Wie der klagende Jeremia nicht nutzlose Anklagen gegen sein Geschlecht schleuderte, so will irr mer wieder der 9. Aw uns an unsere weltgeschichtliche Pflicht erinnern. Und will uns den Glauben an den schließlichen Sieg der jüdischen Idee von Einheit und Frieden immer! wieder stärken Gerade durch das mannigfache Unglück des 9. Aw: „Wieviel man auch mich angefeindet hat, man ver- , mochte nichts gegen mich (Ps. 129,2)." Der Tempel konnte zerstört weiden, die Idee, der er dienen sollte, lebt und wird leben, wird einst die Menschheit gewinnen für Einheit und Frieden und dann auch Frieden bedeuten für Israel. G. C. Die wichtigsten Resultate der Düsseldorfer Ausstellung „Hyiene der Juden" Denselben Einfluß des Milieus auf die Rasse belegte z. B. die Darstellung Scheiber - Patkhof - Weißenbergs, wonach die Körpergröße der Juden im Osten 161,5, in Schwaben 164,2, in New York (mit starken Unterschieden zwischen Eingewanderten und dort Geborenen) 167,9 und in England 171,4 cm beträgt. Bilder jüdischer Turn- und Sportorganisationen, Typen jüdischer Flieger aus dem Fliegerbuch des Dr. F. Theilhaber des „Schild"-Verlages zeigen den jüdischen Typus in seiner großen Breite, durch den Sport günstig beeinflußt. Diese Zusammenwirkung ist in ihrer Gedrängtheit eine gute Orientierung zu dem Problem der jüdischen Rasse und bedeutet eine durchaus seitgemäße Klarstellung der Frage. Eingehende graphische Darstellungen belegen die Gesundheitsverhältnisse der Juden. Der grauenhaften tuberkulösen Verseuchung der Kriegsjahre gedenkt die Statistik, sowie der Tuberkulosesterblichkeit in Warschau von 1917 mit 72,7\'000 der Sterblichkeitsziffer gegen 11,2 °/000 anno 1922. Im Westen (New York, Hessen, Berlin, Rotterdam, Tunis) besteht eine jüdische Tuberkulose-Sterblichkeit 6—10 auf 10000 Juden, im ■es r Als Ergänzung zu unserem Bericht über die Eröffnung der Sondergruppe „Hygiene der Juden" auf der Düsseldorfer „Gesolei" stellt uns der bekannte Arzt und Soziologe, Herr Dr. Felix Theilhaber, die folgenden wichtigsten Resultate und Ziffern, die sich bei Besichtigung der Ausstellung für den Beschauer ergeben, zur Verfügung: In der Abteilung „Der jüdische Mensch" kommt Dr. Czellitzer an der Hand einer Unzahl instruktiver Paßbilder, die ihm wahllos das Arbeiterfürsorgeamt überließ, zu folgenden, hier gekürzten Schlußfolgerungen: Was man gewöhnlich unter jüdischem Typus versteht, findet sich bei einzelnen Individuen und Familien aller Rassen. Es ist weder ein Stammesnoch ein Rassencharakter, sondern eine durch starke, Jahrhunderte dauernde Inzucht erheblich gewordene Anhäufung von individuellen Abweichungen. Die Ähnlichkeit der Juden mit ihrer Umgebung bedingen nicht so sehr Vermischungen (Mischheirat), als die Wirkungen von Klima, Ernährung, Lebens- und Denkweise, Sitte und Mode. So erklären sich die slawischen, germanischen, romanischen, arabischen Typen in der entsprechenden Umgebung. Das Material der Paßbilder z. B. ergab nur 20—30% als landläufige „jüdische" Köpfe neben schmalen nordischen (also germanischen) und breiten ostischen (gemeinhin Slawenköpfen). Dieselbe Vielfältigkeit ergab die Haarfarbe (67" 0 dunkel und 2 °/0 rot), die Augenfarbe (58 ",'„ dunkelbraun resp. schwarz). Direkte Kombination von blauäugig und blondhaarig war in 8u/0, der Kontrast dunkeläugig—schwarzhaarig in 59w/0 vorhanden. Im übrigen Mischformen. Das sogenannte „Ghettogesicht" erscheint als psychisches Moment in dem Material, das bezeichnenderweise 80p/0 Arbeiter und Handwerker auswies. Bei den Frauen ergaben sich dieselben Befunde. SCHIRM-HAMPEL [Das Haus der guten [Schirme u. SpazierHöcke HAINSTRASSE 31