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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-07-16 · 29 (16.7.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
29 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Zum « Ist es richtig, von Sdiicksalstagen der Menschen und der Völker zu sprechen, dann gilt dies von dem 9. Aw, der ein wahrer .dies ater' in der jüdischen üeschichie geworden ist. Ks dürfte sich wohl kaum In der Geschichte eines anderen Volkes eine Parallele zu diesem eigenartigen Falle linden, daß tief einschneidende, entscheidende Wendepunkte seines Schicksals an denselben Jahrestag geknüpft sind. Am 9. Aw 586 v. Chr. Geb. wurde der öau zertrümmert, den, als die Krönung des staatlichen Aufbaus Israels, Salomo in |erusalem errichtet hatte. Um den Bestand seines Reiches hatte Israel seit seinem liinzuge in Palästina ringen, hatte noch David Kriege führen müssen. Ihm erst gelang es, dem Lande die Kühe zu sichern: Sein Sohn Salomo durfte als ein Fürst des Friedens herrschen, durfte an die inneren, kulturellen Aufgaben seines Volkes gehen. Die geistigen Grundlagen, aus denen israelitische Kultur herauswachsen sollte, und damit zugleich das Ziel, das Israel sich für seine weltgeschichtliche Sendung steckte, wurden verkörpert durch das Heiligtum, an dessen Errichtung der junge König alsbald nach Antritt seiner Regierung ging. Niehl David, der kriegerische, war berufen, des Haus zu bauen; nicht die Hiinde, die mit dem Blute der Gefallenen befleckt waren, sollten die Quadern fügen: der Gotlestempel soll eine Sphäre liebeerfüllten Friedens schaffen, darum darf mit ihm kein Gedanke an mörderischen Krieg verbunden sein. Zu harmonischem Frieden soll der Tempel jeden Einzelnen führen, der in ihm zu Gott sich erhebt, soll die Gesamtheit der andächtigen Beter einen, die in ihm sich zusammenfinden, und soll dieses Verbindende nicht allein an Israel bewähren: mein Haus soll ein Gotteshaus genannt werden für alle Völker. Das war der Tempel Israels, wie ihn Salomo empfand: der eine Tempel des einen Gottes für die eine Menschheit, aus dein Frieden Israels entstanden, bestimmt, für den Frieden der Menschen zu wirken. Dieser Tempel sank 5S6 dahin. Und als der Prophet auf seinen Trümmern seine Klagelieder sang, mußte die Klage zu einer Anklage werden; nicht allein, daß sein Bestand durch mehrere Jahrhunderte nidit vermocht hatte, dem Gedanken, der über ihm sdnvebte, wirksame Geltung bei den Völkern zu schaffen, audi Israel selbst hatte seine Finheit nicht verstanden, hatte seinen Frieden nicht gewahrt. Spaltung und Streit hatte die Geschlossenheit Israels unterwühlt. Wie hätte es werben können für den Frieden der Völker! Juda zog in die Verbannung. Mit sich nahm es die Lehre. Diese Lehre aber konnte nidit leben im fremden Lande ohne den Tempel. „Wie könnten wir singen das Lied des Herrn auf fremdem Boden?" Fünf Jahrzehnte läuterten seine Gedanken über die Bedeutung des Heiligtums. Fs erwadite das sehnliehe Verlangen, den Tempel zu erneuern, damit er seine Aufgabe besser erfüllen könne als das Haus, dem ein bald hierhin, bald dorthin schwankendes Volk den Sinn seiner Bestimmung genommen hatte. Fin Geschlecht, das den Tempel hatte entbehren müssen, das hatte eriahren müssen, was dieses Fntbehren bedeutet, wollte getreulidier das Haus hüten, das es sich zum zweiten Male zu errichten gedachte Heiligste Vorsätze wurden in das zweite Heiligtum hineingebaut. Iis sollte dauernd ein Mahner werden zur Verwirklichung der Finheit, tür die es zeugte. Aber am 9. Aw 70 n. Mir. Geb. s-and auch dieser zweite Tempel in Flammen. Lange hatte es gedauert, ehe die äußeren Umstände der aus Babel Zurückgewanderten die Anbahnung ruhiger Entwicklung des geistigen Lehens gestatteten. Dann aber wirkten sich die Lehren der Verbannung aus. Die religiöse Lebensgestallung der Juden wurde auf festeren Formen begründet. Zu dem zentralen Heiligtum und seinem täglichen Dienste lenkte der tägliche Dienst aus allen Teilen des Landes hin und schuf so ein seelisches Band, das in dieser Stärke während des ersten Tempels nicht bestanden hatte. Aber man überschätzte ». Aw die Widerstandskraft, die dadurch geschaffen schien. Als durch Alexanders des Großen Eroberung die Verbindung mit dem hellenischen Geiste geknüpft war, glaubte man die Zeit gekommen, jüdisches Denken und Leben den Völkern mitzuteilen: es wäre ja so herrliche Erfüllung gewesen, wenn das Volk des einzigen Gottes mit dem Volke der ästhetischen Kultur sich hätte zusammenfinden können, um das Wahre und das Schöne zum Fundament menschlicher Verständigung zu machen. Aber das Gegenteil trat ein. Man verlor das Eigene, unterwarf sich dem Fremden: nicht lenkte man den Blick der anderen hin zu dem Hause auf der Höhe Jerusalems, sondern ließ das eigene Auge in den Bann der olympischen Götter ziehen. Die Selbstbesinnung wurde durch den Heldenmut der Makkabäer geweckt. Aber kaum hatte die innere Stärkung den Sieg gegen den Unterdrücker errungen, als der Versuch macht wurde, Völker durch Gewalt für den Tempel zu gewinnen. Aus den Reihen jener, die, nur äußerem Zwange gehorchend, das Bekenntnis zum einzigen Gotte sprachen, erstand das Unheil: Jerusalem und sein Tempel ward den Römern zugespielt, und damit war sein Schicksal besiegelt. Auch der zweite Tempel hatte seine Bestimmung nicht erfüllt. Die Stärkung des religiösen Lebens hatte den Frieden im Innern des jüdischen Volkes nicht zu etwas Dauerndem machen können, und auch die Versudie, den Frieden der Völker zu fördern, waren mißlungen. Aber noch war der Glaube unerschültert, daß Juda als Volk im eigenen Staate seine wehgeschid tliehe Sendung würde erfüllen können. Im Stillen sammelten sidi die Scharen, die diesen Glauben zur VVirklidikeit führen wollten. Fast sdiien es, als sollte die schwärmerisdie Begeisterung des Bar Kodiba Juda wieder aufriditen. Dem allmäduigen Rom trotzend, schwang er sich zum Beherrsdier des jüdischen Bodens auf. Dodi wieder madite der 9. Aw alle Errungenschaften zunichte. Feiger Verrat lieferte die Feste Betar dem /.ornwütigen Römer aus: Ein Blutbad ohnegleidien endigte audi die letzte Aussiait auf Wiedererriditung des jüdischen Staates. Seit diesem 9. Aw (135 n. Chr. Geb.) setzte die jüdische Wanderbewegung ein: die Juden ziehen unter die Völker. Mit sich nehmen sie die Lehre, so wie einst, als sie zum erstenmale dem heimatlichen Boden entführt wurden. Aber anders als damals. Inzwischen waren Wege gefunden worden, um die jüdisdie Lehre selbst ohne den Tempel wirksam zu machen. Jüdische Lehre formte sich zu jüdischem Leben, und jüdisches Leben zeugte für jüdische Lehre. Einst war der Tempel bestimmt worden, die Völker an sich zu ziehen, damit sie innerhalb seiner Mauern das Einheitsbewußtsein aufdämmern fühlten. Jetzt trat das jüdische Leben an die Stele des , Tempels, um die gleiche Bestimmung zu erfüllen: die Juden zogen unter die Völker, um da die Werbekraft für die Sinaiwahrheiten zu bewähren, zu "der das jüdische Volk durch den Tempel nodi nicht herangereilt war. Vielleidit, daß es durch die Reibung an den Völkern gefestigter wurde, als im Selbst- ' gefühle der Herrschalt im eigenen Lande. Und nun lormten die geistigen Führer unentwegt am jüi dischen Leben, der Geist der Lehre wurde Maßstab für jede Lebensäußerung. Es wurde nicht leicht gemacht, dieses Gej stalten einer prägnanten Lebensform. Man erhielt die Abneigung gegen den Juden als den Fremden wach, auch wenn I er durch zahlreiche Geschlechter und durch Jahrhunderte ini mitten eines Volkes Wurzel gelaßt hatte. Aber der Jude ließ sich seinen Glauben an seine Sendung nicht nehmen: es muß der Tag anbrechen, da die Grundlagen jüdischen Denkens, Einheit und Friede, die Gegensätze zwischen den Völkern überbrücken. Doch zu lehren, wie tief die Kluft zwischen diesem Glauben und der Wirklichkeit klafft, — dazu war wieder ein 9. Aw bestimmt.

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