Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 25 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4876568-5968774-5968910--0516-4877025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 25 GEMEINPEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 eben Schilderungen aus bestimmten, besonders interessanten uler besonders gut durchforschten Familien zu Worte kam. : ür die Folge ist auch eine stärkere Berücksichtigung biologisdier Probleme geplant: der ,jüdische Typus" und seine Verihung, die spezifischen Judenkrankheiten in ihrer Verknüpfung n bestimmte Familien und dergleichen mehr. Den Anfänger vollen wir durch Rat und Anleitung zur Erforschung der eigei n Familie hinführen; dem Kenner ein zuverlässiger Führer in durch die Literatur, eine Fundstätte für das gesamte Ma- I rial und schließlich durch das jedem Hefte angehängte „S u ch - I i a 11", ein Briefkasten, der den Einzelnen mit der Gesamtheit der Leser in unmittelbaren Verkehr bringt. Jedes Mitglied darf nämlich hier Anfragen über Personen oder genealogische Daten dem ganzen großen Leserkreise vorlegen. Sehr oft führt die eingesandte Antwort zur Feststellung gemeinsamer Minen und zur Anknüpfung von Beziehungen zwischen .An- Irager und Antwortendem, die beiden wertvoll werden! Ähnliche Unternehmungen sind von christlicher Seite schon lange ins Leben gerufen worden. Gerade in Leipzig in den „Familiengeschichtlichen Blättern der Zentralstelle für Personengeschichte'1, die weite Verbreitung und lebhaften Anklang gefunden haben. Ohne jede Förderung oder offizielle Unterstützung durch die Gemeinden oder Organisationen ist die „Gesellschaft für jüdische Familienforschung" allein durch die werbende Kraft ihrer Idee in überraschend kurzer Zeit zu einem stattlichen Mitgliederkreise in Deutschland wie im Auslande gelangt. Das Interesse der jüdischen Jugend gibt die Gewähr, daß unser Gedanke auch in Zukunft imstande sein wird, die über alle Welt verstreuten Freunde der jüdischen Familie zu einer schaffenden Gemeinde zu sammeln. Aber die Mitarbeit der Jugend ist auch um ihrer selbst willen zu begrüßen! Aus der Geschichte der eigenen Familie erwächst mühelos historischer Sinn und Verständnis! Indem die trockenen geschichtlichen Daten zu eigenen Erlebnissen oder doch solchen der eigenen Vorfahren werden, bildet sich der forschende Nachfahre zum denkenden und seiner Verantwortung bewußten Staatsbürger! Für die jüdische Jugend aber ergibt sich, noch mehr als für Andersgläubige, als erwünschte Folge eine Rückenstärkung des (Charakters und der ganzen Lebensführung. Wer seiner Väter gern gedenkt, bleibt bewahrt vor Nachäfferei, Aufdringlichkeit und jener inneren Unsicherheit, die den Emporkömmling kennzeichnen. Denn ein gesundes und berechtigtes Selbstgefühl erwächst am sichersten aus der Erforschung der eigenen Familie! Aus unserer Gemeinde 7. Verbandstajj der selbständigen Handwerker jüdischen Glaubens Der sehr eindrucksvoll verlaufenen Kundgebung und dem harmonischen Festabend des 30. Mai, worüber an dieser Stelle schon in voriger Woche berichtet werden konnte, folgte am 31. Mai die Beratung der geschäftlichen und berufsständigen Verrandsangelegenheiten. Eingeleitet wurde sie durch den Geschäftsbericht, den der Verbandsvorsitzende, Herr Wilhelm Marcus-Berlin, erstattete. Ihm ist zu entnehmen, daß nach den Beschlüssen des letzten Verbandstages in Breslau in einzelnen Ortsgruppen Darlehnskassen für den jüdischen Mittelstand gegründet worden sind und weitere eingerichtet werden sollen. Weiter sind in Dortmund, Crefeld und Karlsruhe neue Ortsgruppen gebildet, die Ortsgruppe Dresden ist erneut ins Leben gerulen worden. Verhandlungen wegen Gründung eiterer Ortsgruppen schweben in Königsberg und München. Der Zentralverband hat sich bei allen großen politischen Ereignissen in seinem Sinne betätigt, insbesondere bei Wahlen ir öffentliche Körperschaften. Trotz vieler durch die wirtschaftete Not verursachten Hemmungen sei der Vorstand ein gutes . lüde vorwärts gekommen. Die Versammlung genehmigte den schäfisbericht und den Kassenbericht und sprach der Vertandsleitung den Dank für ihre erfolgreiche Tätigkeit aus. Einen breiten Kaum nahmen in den weiteren Verhandlunzwei Referate über „Erziehung zum Handwerk" und die sich daran anschließende Aussprache ein. Muscatblatt- I einzig referierte über die „Auabildung zum Handwerk" vm SCHIRM-HAMPEL Das Haus der guten Schirme u. Spazierfföcke HAINSTRASSE 31 im allgemeinen, während K a h n ■ Fr an k f u rt, M. über das besondere Interesse beriertete, das gerade die Juden der Erziehung zum Handwerk entgegenbringen. Er behandelte insbesondere folgende Fragen: Welches Interesse hat die jüdische Nichthandwerkerbevölkerung an der Erziehung ihres Nachwuchses zum Handwerk? Welches Interesse hat der bereits bestehende jüdische Handwerkerstand an einem Nachwuchs aus jüdischen Kreisen? Welches Interesse hat die christliche Bevölkerung an einem Nachwuchs von Handwerkern jüdischen Glaubens? — Der Redner kam zu dem Schluß, daß die deutschen Juden beweisen wollen, daß sie überall zur Stelle sind, wo es gilt, Kulturarbeit zu leisten. Sie wollen ihren nichtjüdischen Kollegen zeigen, daß es bei der Erfüllung nationaler Pflichten keinerlei religiöse Trennungen gibt, und daß sie von gleicher Liebe zu ihrem Stand und zu ihrer Heimat erfüllt sind. Die Erziehung zum Handwerk müsse von dem Gedanken geleitet sein, das Beste zu leisten, das Edelste zu denken und nach dem Höchsten zu streben. Im Anschluß an die Referate wurden folgende Entschließungen angenommen: 1. Der Verbandstag des Zentralverbandes der jüdischen Handwerker Deutschlands sieht in der Erziehung unserer Jugend zum Handwerk einen Weg, das deutsche Wirtschaftsleben wieder aufzurichten und den Wohlstand unseres Vaterlandes zu festigen. Die ersten Schritte hierzu müssen nicht nur bei der Lehrlingsausbildung beginnen. Auf den Wert der manuellen Tätigkeit muß bereits im Elternhause hingewiesen und die Unterweisung schon in den ersten Schuljahren durch theoretischen und praktischen Unterricht festgesetzt werden. Diese Forderungen können nur dann in Erfüllung gehen, wenn zlle jüdischen Kreise es sich zur Pflicht machen, sich für die Schaffung von Lehrlingsheimen und entsprechenden Unterrichtsanstalten einsetzen. 2. Der Verbandstag hat nach einem Bericht des Vertreters der Gesellschaft „Ort" davon Kenntnis genommen, daß die Absicht besteht, das Arbeitsfeld der Gesellschaft „Ort" bezüglich Versorgung jüdischer Handwerker mit Maschinen, Werkzeugen und Ruhmaterialien auf der Basis einer Kreditgewährung auch auf Deutschland auszudehnen. Der Verbandstag begrüßt diesen Schritt mit Freuden und empfiehlt allen dem Verband angeschlossenen Ortsgruppen, die Gesellschaft „Ort" in ihren Aufgaben zu unterstützen. Der Hauptvorstand wird ersucht, die Möglichkeit einer gemeinsamen Arbeit auf dem Gebiete der Kredithilfe für jüdische Handwerker zu prüfen und den Ortsgruppen darüber zu berichten.