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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-05-21 · 21 (21.5.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
21 (21.5.1926)
Date
1926-05-21
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Seite 3 Aus unserer Gemeinde Gedanken über Assimilation Über dieses Thema sprach am Mittwoch, den 5. Mai, Herr i tameinderabbiner Gustav Cohn im Jüd. Theaterverein Jüd. lugendbund und behandelte damit eine Frage, die seit der Emanzipation der Juden besonders in den Vordergrund gelückt ist, und über die einmal nachzudenken gerade für unsere iüdische Jugend die Zeit besonders geeignet ersdieint Ausgehend von dem Gedanken, daß grundlegende Wandinnren im Leben der Völker einer langen Entwicklungszeit bedürfen, wie wir dies z. Ii. bei einer Änderung der Staatsform ■ >der heutzutage bei der Einführung des Frauenstimmrechts in Deutschland bemerken können, wo es vielleicht noch einige Generationen dauern wird, ehe sich diese neue Frrungenschaft wird durchsetzen können, führte der Relerent weiter aus, daß man einige Generationen nach der Emanzipation der Juden noch nicht sagen könne, ob diese zum Segen oder zum Schaden des Judentums eingetreten ist. — Das Fallen der Ghettomauern bedeutete aber für die Juden nicht nur das Auflösen einer äußeren Abgeschlossenheit, sondern mußte auch in weitestem Maße Finfluß auf die bis dahin noch herrschende geistige Abgeschlossenheit der Juden ausüben. Probleme von ungeheurer Tragweite traten nunmehr den Juden entgegen: die bisherige intensive Beschäftigung mit religiösen Dingen wurde notgedrungen von diesem Frcignis berührt, das jüdische Wirtschaftsleben in neue Hahnen gelenkt, neue Berufe eröffneten sich den Juden und die Beziehungen /.wischen Religion und Wirtschaft mußten andere werden. — Ein Jahrhundert ist nunmehr seit der Emanzipation verflossen und in ihrem Mittelpuukt steht nunmehr der Begriff der Assimilation. Herstammend aus der Natur, in der wir eine „Anpassung an etwas Fremdartiges", an die Umgebung, in der Art der „Mimikry"' (allerdings in diesem Falle als Gefahrenschutz) bei Tieren und Pflanzen finden, hat dieser Begriff eine innere und iiußere Bedeutung und ist jedenfalls auch beim Menschen ein n a t ü r I i ch e r Vorgang. Audi beim Menschen verursachen klimatische und wirischaftlidie Vorgänge weitgehende Veränderungen, und ausgehend von dieser Erkenntnis hatten daher jene Männer der Emanzipation den Gedanken, dieser naturgegebenen Notwendigkeit Rechnung zu tragen und möglidist unauffällig und leicht diesen Vorgang zu errcidien. So erlolgle nunmehr eine Anpassung an die Sprache, an das äußere Auftreten zum besseren Bestehen des Wirtsdiaftskampfes. Aber dadurch entstand auch bald eine neue, dem Judentum äußerst gefährliche Richtung; die Assimilation als Selbstzweck, und nicht, wie ursprünglidi gedadit, als Mittel ZUm Zweck. So führte diese gefährliche Ausartung der Assimilation sdion damals zu einer großen Verirrung, als deren Beweis wir beispielsweise die erschreckend vielen Taufen von Berliner Juden in jenen Tagen sehen. In dieser Art der Assimilation ging man im 19. Jahrhundert vielfach so ungewöhnlidi weit, sein eigenes Wesen ."{zugeben. Diese Ausartungen ließen mit Recht die Bezeichnung „Assimilantentum" entstehen, mit der die Verachtung SCHIRME REPARATUREN STÖCKE BEZÜGE GustaV Hampel, Hainstraße 31 gegen den ausgedrückt werden soll, der n u r Anpassung sucht, ohne den Wert des Figenen hochzuhalten, die sich dann aber als ein'Katnpfesruf gegen jede Assimilation, oft unberechtigt, richtete. — Denken wir an Philo, der, obwohl bewußter Jude im Innersten seines Herzens, erfüllt war vom Geiste der griechischen Philosophie, oder an M a i m o n i d e s, dessen starkes Judentum niemand bezweifeln wird und dessen Geist aufgebaut war auf der nichtjüdischen Philosophie, oder denken wir z, B. an das Kaddisdi-Gebet unseres Gottesdienstes, das, ursprünglidi fern von allen Beziehungen zu dem Heimgegangenen, erst dtirdi Angleidiung aus der katholischen Religion die heutige Bedeutung in unserem Gottesdienste erlangt hat, so erkennen wir das richtige Assimilieren der früheren Jahrhunderte.' Man suchte den' jüdischen Geist indem Fremden und vereinte es mit dem jüdischen Wesen! Insoweit die Assimilation aus dem Geiste des Judentums heraus geschieht, ist sie daher auch nach Ansidit des Referenten zu begrüßen. Herr Rabbiner Gohn schloß seine mit reidiem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit dem Gedanken, daß in dem Augenblicke, in dem wir das Fremde hineinstellen in den Geist des Judentums und hinstreben zu der Assimilation, in deren Mittelpunkt dasjudent u m steht, die Emanzipation für uns Juden von Segen sein wird. — In der regen Diskussion kam man dann u. a. auf die Frage Zionismus und Assimilation. Es wurde festgestellt, daß auch die Zionisten nicht frei seien von Assimilation: im Sinne des Judentums sollen Kulturwerte der Umwelt nutzbar gemacht werden. Strittig sei allerdings die Frage, inwieweit dem Judentum durch den Zionismus hinsichtlich seiner Stellung zur religiösen Assimilation gedient würde. Als tatsächlidi entwürdigend aber müsse bezeichnet werden, was an Assimilation in Bezug auf den Antisemitismus geschieht. — In seinem Schlußwort betonte der Redner alsdann, daß es allerdings schwer sei, einen Trennungsstrich zwischen gesunder und ungesunder Assimilation zu ziehen, da dies eine reine Gefühlssache sei. Man muß daher immer ein gesundes, jüdisches Gefühl mitspielen lassen und soll vor allem eine tiefe Kenntnis dessen suchen, was von früheren jüdischen Heroen geschaffen worden ist. Wird man aber den rechten Mittelweg finden, dann wird die Assimilation sich so auswirken, daß sie zwar fremde Werte aufnehmen, aber doch nicht dem Judentum schädlich sein wird. — cand. jur. Rudolf Berkowitz Produktive Hilfe I In heutiger Zeit gehört Mut und Tatkraft dazu, an Neugründungen zu gehen, weil die wesentlichsten Grundlagen, Raum und Geld, fehlen. Als ein Beweis dafür, daß, wo ein Wille vorhanden ist, audi ein Weg zu finden ist, mag die durch Initiative von Frau Flora Cahn in den Räumen des Für- I Sorgeamts, I.öhrstr. 10, eingerichtete Nähstube dienen. Der Gedanke, daß es demoralisierend ist, wenn junge, erwerbslose Frauen und Mädchen Frwerbslosenunterstützung empfangen, ohne eine Gegenleistung zu bieten, war bei der Gründung leitend. 12 junge Frauen und Mädchen, die gegenwärtig beschäftigungslos sind, finden in der Nähstube unter Leitung von Frau Flora ("ahn und praktischer Anweisung von Frau Air C/-r.irwllnr (*^«'ljwronflfiit -»n nnl-jHriruw.nHor TiHitrl.'fMt Qia erwerben sidi Nähkenntnisse, die sie für eigenen Bedarf oder beruflich verwerten können. Vor allem aber wird das befriedigende Bewußtsein, selbsterarbeitetes Geld zu empfangen, gegeben. Die Nähstube verdient sdion um ihres starken, erzieherischen Wertes willen die Förderung weiter Kreise. Das zu verarbeitende Material für die Näharbeit bilden vorläufig üegenSchuppen vflaaiausfall ^^f^^fäMOHMHew^H^i. aiPiic omeicneiNO 76

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