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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-03-12 · 11 (12.3.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
11 (12.3.1926)
Date
1926-03-12
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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2. Jahrgang Seite 5 Die Katastrophe war vorauszusehen, Wohnhäuserbau als Haupt- und Grundproduktion eines Landes, die Festlegung der in ein erst zu entwickelndes Land eingebrachten Kapitalien in Immobilien, die nicht weiter werben und entwickeln, war national-ökonomisch ein Nonsens. Warum aber wandten sich die Immigranten nicht der Industrie oder der Landwirisdialt zu? Für die Industrie fehlen alle Voraussetzungen: keine Rohstoffe, keine Kohle, ganz unentwickeltes Transportwesen, geringer innerer Markt bei der Armut des arabischen Bewohners; dazu die englische Zollpolitik, die auf manche Rohstoffe hohe Zölle legt und auf die Fertigfabrikate nicht, und nicht minder hohe auf Transportmittel (wie Automobile und sogar Traktoren) und deren Betriebsstoffe, um die paar strategischen Eisenbahnlinien gewinnbringender zu halten; und natürlich keine Schutzzölle, die einer beginnenden Industrie die Entwicklungsatempause verschaffen würden. Fabriken, die gegründet wurden, mußten wieder eingehen, wie z. B die große Seidenfabrik, die eine Wiener Firma für den Absatz nach Ägypten errichtet hatte und nach Wien zurückverlegen mußte, weil sich herausstellte, daß Wien „näher" bei Ägypten liegt als Palästina. Und wo das Land eigene Quellen besitzt, wie z. B. die chemische Ausbeutung des Salzmeeres, da legt der Engländer gewiß die Hand darauf. Und in der Landwirtschaft sind die Möglichkeiten ganz beschränkt. Nur 15", des Bodens ist nicht besiedelt. Davon ist der größte Teil bereits in jüdischen Händen. Und zwar vorwiegend mit gesells«haftlichen Geldern gekauft, von der lea und dem Nationalfands. Private können keinen Anreiz finden, Boden zu kaufen, da infolge des nationalen Pathos, mit dem „die Erlösung des Landes" betrieben wird, der Bodenpreis in gar keinem Verhältnis zum Bodenertrag steht. Die ökonomische Dialektik bringt es übrigens mit sich, daß auf diese Weise gerade erst die „Erlösung" vereitelt wird, indem das jüdische Kapital sich bei dem arabischen Effendi akkumuliert, der nun umso seltener in die Lage kommt, Land abgeben zu müssen. Wenn nicht der anwachsende Fremdenverkehr das Hotclwesen mehr entwickelt hätte, würde in den Kolonien die Einwohnerziffer nicht gestiegen sein. Und trotz vierzigjähriger Kolonisation und der großen Rothschildschen Investierungen kann selbst ein Teil der alten Kolonien noch immer nicht auf eigenen Füßen stehen. Die Einwanderer mit Kapital haben also weder in Industrie noch in Ackerbau ausreichende Anlagemöglichkeiten, Und die bloß mit ihrer Muskelkraft hinkommen? Wie ist die Lage des jüdischen Arbeiters? Hier kommt noch erschwerend das alte Kolonienproblem hinzu: der jüdische Arbeiter, der z. B. in Amerika gegenüber dem amerikanischen billig war und so zu Millionen einwurzeln konnte, ist in Palästina gegenüber dem Araber teuer und kann deswegen nicht Fuß fassen. Er ist letzten Endes dem guten Willen des jüdischen Unternehmers ausgeliefert. Das Land braucht ihn nicht. LEOPOLD LYSSOW Stedtner-Passage - Telefon 29183 Spezialgeschäft feinster Schokoladen Heller ■ Lindt - Marquis Ramann (neuaufgenommen) SCHIRME REPARATUREN STÖCKE BEZÜGE GUSTAV HAMPEL, hainstr. le Er bedeutet eine Belastung. Von außen gesehen, haben die jüdischen Arbeiter in der „Histadruth" eine mächtige Organisation mit Krankenhäusern, Kassen usw. Sie streckt und verteilt die Arbeit. Aber sie verdankt ihre Existenz zum größten Teil den zionistischen Geldern, nicht der Arbeiterkraft. Sie muß mit nationalen Argumenten an den Unternehmer appellieren. Als sie auch Araber organisierte, um an Stelle der aussichtslosen Konkurrenz den gemeinsamen Kampf zu setzen, wurde ihr von Unternehmerseite vorgehalten, daß sie gegen die Beschäftigung derselben Araber agitiere, die sie in ihren gewerkschaftlichen Schutz aufnehmen wolle; und von den Arabern, daß sie sie bloß organisiere, um ihnen die Arbeit wegzunehmen Das Unternehmen ist aber an sich schon deshalb aussichtslos, weil man dazu das ganze weite Arabien eigentlich organisieren müßte. Wie sonst will man verhindern, daß es nicht geht, wie bei den Bauten in Tel-Awiw, wo plötzlich irgendwelche Beduinen mit ihren Kamelen auftauchten und für ein Zehntel des Transportlohnes den Meeressand zur Zementbereitung herbeischafften? Der unerträgliche Druck dieser Konkurrenz vor allem ist es. der, wie etwa im Bauhandwerk zur Übernahme der Arbeit in eigene Regie, so auch in der Landwirtschaft zur „Kwuzah", zur kommunistischen Siedlung, geführt hat. Die Einwandererpioniere, idealistische, sozialistisch gesinnte Jugend aus dem Kleinbürgerstand meist, hofften auf diese Weise gleichzeitig auch ihrer Ideologie gemäß leben und friedlich in den Sozialismus hineinwachsen zu können. Die „Kwuzoth" bekamen entweder Boden, der mit der Wafte verteidigt oder ungesunden, sumpfigen, der erst unter großen Opfern bewohnbar gemacht werden mußte, oder wenig fruchtbaren — auf jeden Fall immer solchen, der aus irgend einem Grunde dem Privatunternehmen nicht lohnend erschien. Nimmt man hinzu, daß der größte Teil dieser Pioniere die landwirtschaftliche Arbeit erst erlernen mußte, so lange also nur Ausgaben und nicht Einnahmen brachte, ferner daß die „Kwuzah" Ihrer Idee nach . jeden aufnehmen muß, ihn aber, nachdem er auf ihre Kosten die Arbeit erlernt hat, nicht zwingen kann, zu bleiben, weiter, daß sie infolge mangelnder Mittel mit teuren Krediten arbeiten muß u a. m., so wird man sich nidil wundern, daß sie dauernd Defizit hat. ihre Mitglieder in der schrecklichsten Armut bei allerschwerster Arbeit leben, sodaB man mit Recht von einer Amortisalion mit Menschenleben rechnen kann. Kurz, die „Kwuzah" kann sich nicht selbst erhalten, geschweige denn ausbreiten und ein Hineinwachsen in den Sozialismus bringen. Zu allen diesen wirtschaftlichen kommen die politischen Mißstände. Da ist z. B die Araberfrage Ein Wort, das gegenüber einer siebenfachen Arabermehrheit angewandt, die dazu noch integrierender Bestandteil des großen Arabien ist, so unverschämt klingt, als wenn die Juden in Deutschland eine Deutschenfrage oder die Deutschen in Amerika eine Amerikanerfrage aufwerfen wollten. Aber kennzeichnend für die Zionisten, die nicht einsehen, daß ihre erklärte Absicht, das Mehrheitsvolk zu werden, aul die Araber wie eine Kriegserklärung wirken muß. Die Balfourdeklaration - ein Fetzen Papier, um derentwillen die Juden sich in die große Gefahr begeben, die es bedeutet, auf der Seite der Mandatarmaeht zu stehen — ist nichts als ein Requisit in der intriganten, verbrecherischen Orientpolitik Englands, die immer (siehe Hussein und Ibn Saud) zwei Rivalen aufeinander zu hetzen liebt, um

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