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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RP.LIG10NSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 jüdischen Gemeinschaft. Hütte die Judenheit nicht aus ihrem Schrifttum und aus ihrer Lehre das Bewußtsein geschüpt: „Du darfst Hoffnuug bewahren für die Zukunft" (Jer. 31. in), sie hätte wahrlich oft penug der Lockung erliefen können, sich ein freieres Dasein zu erkaufen. Aber sie führte und führt noch heute den Kampf, weil sie glaubt. Und wie als Gesamtheit, so hat auch immer der einzelne Jude geglaubt. Kein Volk der Welt hat durch so viel gläubiges Märtyrerlum so starke Gläubigkeit geschaffen wie unsere Gemeinschaft. An den Trümmern eines zerstörten Lebensbaues hat der Jude von neuem zu bauen hegönnen; wenn seine Arbeit hundertmal vergeblich gewesen, ' wenn er Jahr für Jahr vergeblich gesprochen hatte: ncuinivb pin 'Ja - im kommenden Jahre in völliger Freiheit — er blickte immer wieder voller Vertrauen in die Zukimi't daß nun iwa mrran — bald in unseren Tagen die große Wendung kommen werde. — Die Verhältnisse unserer Tage stellen den Lebensmut auf eine Inrte Probe. Wenn über einen Juden Stunden der \ er- SUChung kommen, da ihm der Glaube an die Zukunft zu entgleiten droht: er versenke sich in unsere Psalmen mit ihrer erfris „binden Gläubigkeit, ihrem unerschütterlichen Vertrauen. richte skti auf an denen, die in früheren Zeiten Schwereres, unendlich viel Schwereres erlebt haben und dennoch stark blieben. Er wird dann wieder eigenen Lebensmut wachsen fühlen, wahrhaft jüdischen Lebensmut. Gemeinderabbiner Gustav (lohn Zwei Vorträge Wer am 7. d. M. dem Vortrage Stefan Zweig's über Romain Rolland in der alten Handelsbörse beiwohnte und dann am folgenden Tage im Centraitheater den Ausführungen Dr. Nachum Goldmanns über die Lrneuerung des Judentums zuhörte, fühlte sich unwillkürlich veranlaßt, eine Paralelle zu ziehen _ Zweig und Goldmann: eine Welt trennt die beiden voneinander — und doch, in beiden regt sich jüdischer Geist —. Stefan Zweig, der wohlbekannte und verdienstvolle Schriftsteller, sprach vor einem auserlesenen Publikum einige sehr zarte, feine und beachtenswerte Worte über seinen großen Freund und Gesinnungsgenossen Romain Rolland. Da man sich bereits über das Werk zur Genüge ausgelassen hat, sollte diesmal einiges über die Persönlichkeit des Dichters gesagt werden. Iis gibt endlos viele, die Bücher verfassen; aber sehr, sehr wenige, die sich mit der Zeit, mit der Stunde auseinandersetzen und hierdurch uns, in tausenderlei Nöte und Probleme Verquickten, etwas zu geben, zu helfen vermögen. Zu diesen wenigen gehört Romain Rolland, der sein ganzes Werk, sein Tun und Schaffen dafür eingesetzt hat, daß der durch fortgesetzte Kriege zerstörte Glaube an die Menschheit und am Sinn des Lebens und der Welt wieder auferstehe. Keine spielerische Weitabgewandtheit, kein Geruch toter Buchstaben, sondern Leben, heißes, echtes Leben strahlt aus jedem Atem seines Werkes aus; Liebe zum Leben, zur ganzen Menschheit, und selbstlose, edelste Hillsbereitschaft Romain Rolland ist in seinem tiefsten Wesen Musiker. Und wer vermag stärker, als gerade ein Musiker, hinter all der scheinbaren Mannigfaltigkeit, den Widersprüchen und der Vielheit von Menschheit und Universum die Wesenseinheit und Harmonie derselben zu erleben? Sprache, Sitten, nationale Ligenschaften — alles trennt die Völker: aber wer versteht die ewig und allgemeinmenschlichen Rhytmen der Musik nicht? Das Leben Romain Rolland's ist der Leidensweg eines geächteten, verkannten Genies. Es mußte erst der Weltkrieg kommen mit all seinen Greueln und Schrecken, damit die Menschen aufgerüttelt und für die großen Ideen der Verständigung und der friedlichen Zusammenarbeit empfänglich werden. Nur das französische Volk kann es nidit verzeihen, daß gegen den von ihm geführten Krieg und von ihm diktierten Frieden sich einer seiner Söhne so rückhaltlos entgegenstellt. Ja, es kommt nidit zum ersten Mal in der Geschichte vor, daß ein Prophet gerade durch sein eigenes Volk mißachtet wird. — Die großen Sdiöpfer der deutschen, französischen und italienischen Einheit, Bismarck, Gambetta und Garibaldi wurden von ihren Landsleuten ebenfalls erst als Verräter, Narren oder Träumer betrachtet; nachher aber hat die Idee des Zusammenschlusses und der Vereinigung doch gesiegt. Genau so wird sich auch einmal der Gedanke der europäischen Einheit durchsetzen, für deren Verwirklichung mit Einsetzung von Persönlidikeit und Geist sicherlich wenige so Entscheidendes geleistet haben, wie Romain Rolland. Stefan Zweig ist eine äußerst sympathische Erscheinung Äußerlich mutet er fast wie ein Franzose an. Sein Österreich!* sdier Ak7cnt wirkt sehr angenehm. Er versteht es, die kompliziertesten psychologischen und soziologischen Zust mmenhänge mit sehr viel Ruhe, edelster Schlichtheit und kristallischer Klarheit zu formulieren. Schade, daß er sidi so kurz, gefaßt hat. Wir alle, die dort waren, hätten ihm gerne, sehr gerne länger gelauscht — Nachum Goldmann behandelte das entscheidende, aber nidit minder schwierige Problem der Erneuerung des Judentums Der Nachweis von der jüdischen Erneuerungsfähigkeit und -Möglichkeit ist unerläßlich bei einer wahrhaft modernen und exakten Begründung des Zionismus: sdion im täglichen Morgengehet des Juden äußert sidi die tiefe, unerlöschliche Sehnsucht nach Erneuerung. Der Werdegang der meisten Völker ist mit der Entwicklung der Organismen zu vergleichen: erst kommt die Periode der Jugend und des Wachstums, nachher die Blütezeit, und schließlich Verfall und Untergang. Die Geschichte des Judentums unterscheidet sidi aber grundsätzlich vom Werden anderer Völker: hier kann man die kulturphilosophische These Spenglers nicht anwenden. Mangels eigenen nationalen Bodens und Zusammenlebens mußte das Judentum naturnotwendig einen anderen Entwicklungsweg ein« schlagen: und zwar den des ununterbrochenen, abwechselnden Aufschwunges und Niedergangs. Dieses ewige Auf und Ab, Konkursverhütung dureh außergerichtliche Arrangements Akkorddurchführung mit juristischer Beratung Dp. Heinrich Grau, Dipl. rer. merc. Leipzig, ThomasiusstraBe 23. Tel. 16718 Albert Frankenberg Tel. 27 12N Markgrafen Straße 10 Tel. 27 lüs Spezial-Maßgeschäft f. elegante Herrenkleider Nur erstklassige Stoffe Allerbeste Zutaten Individuelle Ausführung Garderobe-Abonnements zweckmäßig eingerichtet Anfertigung euch bei Zugabe des Stoffes

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