Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 2. Jahrgang Lebensmut Ihrer tiefsten Bestimmung entspricht eine Religion durch die Art. wie sie die Gegensätzlichkeiten des menschlichen Lebens auszugleichen sucht Wenn die Religionswissenschaft die unbedingte Tatsachlichkeit religiösen Fühlens in allen Völkern, auf allen Kulturstufen, in allen Erdteilen feststellen konnte: diese Allgemeingiiltigkeit hat in dem Bedürfen des Menschen ihre Ursache, sidi über die Widerwärtigkeiten des Daseins emporzuheben, die naturnotwendig ihm entgegentreten. Lebenswille und Lebenssdiicksal stehen bei keinem Menschen immer im Einklänge miteinander, werden in gewissen Lebensmomenten durch eine redit tiefe Kluft getrennt und können dann nur durch die Kraft des Glaubens in Übereinstimmung gebracht werden, des Glaubens, der die Zweifel der Seele zerstreut. Verschieden sind die Wege, die die Religionen für diesen Ausgleidi empfehlen. Das Heidentum grauer Vorzeit führte die Störung mensdilidicn Glückes auf bösgesinnte Gottheiten, Dämonen und Geister zurück. Darum lehrte es, daß man ihren Zorn bedenken und ihnen mit Gpfern nahen müsse, um alle unfreundlichen Eingriffe in das menschliche Dasein abzuwenden. Damit führte das Heidentum zu einer starken Lebensbej a h u n g: der Glaube waltete, daß es gelingen müsse, alles Übel fernzuhalten, wenn man nur den rechten Dienst für den rechten Gott erkenne. Leben verneinend war die Lehre Gautama Buddha's Er, der in vornehmem Hause Herangewachsene, geriet einst, so erzählt man von ihm, in Bestürzung, als er einem Kranken begegnete, der seufzend seine Straße dahinkeuchte, einem Greise, der gebückt und matt dastand, einem Toten, den man auf der Bahre hinaustrug Krankheit. Alter. Tod, vorher ihm unbekannt geblieben, maditen ihn bedenklich. Er ging in die Einsamkeit. Und als er sidi wieder in die Flut des Lebens begab, da stand es ihm fest: das gesamte Leben ist eine Kette von Übeln. Da es uns einmal gegeben ist, darf der Mensch es nicht von sich tun: aber lebend soll er stumpf werden gegen das Leben, unempfindlich gegen das. was der Mensdi gemeinhin am Leben liebt. In zahlreichen Abstufungen stehen die religiösen Lehren zwischen diesen beiden Extremen, neigen bald mehr der Freude am Dasein zu. lenken bald mehr nach der düsteren Betrachtung des Daseins. Auf eine ungewöhnlich hohe Warte stellt das Judentum den Menschen in seinem Sudien nach dem Ausgleich der Gegensätzlichkeiten: es lehrt ihn den Lebensmut. Nicht eine mißgünstige, leidit erzürnte, leidenschaftlidi erregte Götterwell greift, oft mit rauher Hand, in das Leben der Menschen ein, sondern ein weiser, gütiger und gerediter Gott ist weit davun entfernt, seine Allmacht /.u mißbrauchen. „Was auch immer Gott |dem Menschen] tut, Fr tut's zum Guten". Die l bei lies Lebens gehören mit zu dem weisen und gütigen Lebensplane Gottes. Es war:; Lästerung, sie als das Wesentliche am Leben betrachten zu wollen. Wie wenig wir ihren Sinn und ihre Bedeutung zu fassen vermögenim Vertrauen auf göl liehe Weisheit wissen wir. daß wir am Leben Freude empfinden dürfen, daß hinter und über allem Übel doch die die Sonne der Sdlönhei en des Daseins strahlend leuditet und, wie nach düsteren Wolkentagen, nach Leid und Weh immer wieder hervorbricht Darum lautet die Antwort auf die Zweite! nicht: verachte das Übel, auch nidit: verachte das Leben, sondern liebe das Leben und begegne dem Übel mit unersdiütterlidiem Lebensmute. Nicht soll das Übel leichtfertig als ein Geringes gelten: es steht mit seiner ganzen Wucht da und kann nicht übersehen werden. Aber die Schönheit des Daseins ist doch stärker; wenn wir dem Übel Mut entgegensetzen, uns nicht von diesem Feinde überwinden lassen, dann siegen wir, siegt in uns das Leben, und unsere Freude am Leben. Aber Eines tut not, wenn wir diesen Mut aufbringen wollen: wir dürfen den Glauben an günstigere Zeiten nicht einbüßen; auch dann nicht, wenn uns das Übel noch so heftig umstürmt. Eine alte jüdische Lehrdichtung erzählt von einem Reichen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, eine stattliche Summe Geldes demjenigen zu schenken, der keine Hoffnung mehr habe. Lange suchte er I vergeblich nach einem solchen. Schließlich begegnete er einmal einem Manne, der, in Lumpen gehüllt, auf einem Düngerhaufen lag. Er reichte ihm den Beutel mit Goldstücken mit den Worten: „Nimm diese Gabe, die ich in einem Gelübde für den, der keine Hoffnung mehr hat, bestimmt habe". Doch wie erstaunte er, als er die abweisende Antwort erhielt: „Behalte dein Geld! Ich bedarf seiner nicht, denn ich bin nicht ohne Hoffnung! Vielleicht aber könntest du selbst einmal alle Hoffnung verlieren". Und so kam es. Der Reiche stand in späteren Tagen, da er bettelarm geworden und in Verzweiflung geraten war, vor dem Riditer; und dieser Richter war eben jener Arme, den sein Lebensgeschick wieder emporgeführt hatte. Die ganze Tiefe jüdischer Auffassung ist in diese Erzählung gelegt. Es gibt, das ist ihr Gedanke, keine so bittere Not. daß sie den Glauben an ihre Überwindung in uns ersticken könnte Die ganze Thorasdiilderung von der Wüstenwanderung unserer Ahnen soll uns diese Überzeugung verlebendigen. Welch einen Kampf hatte dieses Geschlecht zu führen! Es gab Momen'e, in denen es im Begriffe war, zu erliegen; aber der Führer rief immer wieder den Gedanken wach, mit dem es aus der Sklaverei Ägyptens gezogen war. Und dieser Gedanke ließ Israel durch die Wüste hindurch in das Land der Väter gelangen. Und nimmer werden die religiösen Führer müde, diesen Glauben zu stärken und zu stützen. Sie weisen darauf hin, wie er sich in ihnen selbst bewährt hat: „Mich umfingen Bande des Todes, abgrundtiefe Drangsale trafen mich. Not und Kummer fand ich. Da rief ich den Namen des Herrn an: Ach, Herr, rette mich .... Du hast mich vom Tode befreit, mein Auge von Tränen, meinen Fuß vom Sturze (Bs. 116, 3, 4, 8). „Der Ewige tötet und belebt, senkt in die Gruft und hebt empor---- Er riditet aus dem Staube auf den Armen, erhebt aus dem Kehricht den Dürftigen, ihn neben die Edlen zu setzen; den Thron der Ehre teilt er ihnen zu (L Sam. 2. f>, s)". So singt und jubelt es in hellen Akkorden in frühen und späten Lehrern israelitischen Glaubens. Und Bestätigung solchen Glaubens stellt die jüdische Geschichte dar, als Ganzes und in den einzelnen Gliedern der BIQclier- Stiefel Die große internationale Mode Norfflieimer