Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT HER ISRAELITISCHEN HKLIGIONSGEMETNDE, LEIPZIG 2. Jahrgang völkischen Feinde auf den angeblichen „Oesinnungsgenossen" Nietzsdie gegenüber sollte gezeigt werden, daß die Gegnersdiaft des großen Philosophen sieh weder auf den jüdisdien Menschen, noch auf die jüdische Rasse bezog, sondern auf das religiös-ethische Weltbild, das die Thora aufbaut. Wie ja Nietzsdie die Ethik des Christentums noch weit tiefer haßte, als die des Judentums. Professur Dr. Menzel entledigte sich seiner Aufgabe vor einem dichtgefüllten Auditorium in etwa 11 , stündigem Vortrag mit einer Meisterschaft, die über jedes Lob erhaben ist. Mit der Sprachkünstlerschaft und Gestaltungskraft, mit der Bielsdiowski seinen Goethe darstellt, ließ der Redner aus den l.ebenssdiicksalen Nietzsches sein Werk, aus dem Werk den Menschen wachsen und verband meisterhaft Tiefe der Frfassuni: mit gemeinverständlicher Darstellung, Hiermit war die Aufgabe dieses ersten Abends ersdiöpft und der Vorsitzende beschloß denselben mit dem Hinweis auf einen baldigen Diskussionsahend, an weldiem die Herrenmensdien-.Moral Nietzsches und die soziale Kthik des Judentums aneinander gemessen werden soll. M. J. Abendheim für die jüdische Jugend Am Dienstag, den 26. Januar i'JL'li. fand die Eröffnung des Abendheims stau. Der zahlreiche Besuch ist der beste Beweis für die Berechtigung desselben. Frau Soloweetsdiik versuchte die Jugend untereinander bekannt zu machen, und sie selbst suchte, durch persönliche Unterhaltung mit jedem einzelnen, alle kennen zu lernen. Der Abend wurde durch einen Klaviervortrag eingeleitet. Darauf folgte die Rezitation von „Prinzessin Sabbath" von Heine. Bei Kuchen und Tee wurden die Fragen, die sich in dem dazu bestimmten Zettelkasten befanden, bespri ichen. Es handelte sich da um Fragen, die sich auf die Ausgestaltung der Abende bezogen und um solche allgemeiner Natur. Es folgte eine rege Unterhaltung und um 11 Uhr beschloß I rr Dr. Soloweetschik den Abend mit einigen Worten, mit denen er auf den nächsten Abend hinwies, der am 28. Februar stattfand. Dieser Abend war von ungefähr 90 jungen Leuten besucht, was darauf schließen läßt, daß alle, die den ersten \bend miterlebt haben, im besten Sinne davon gesprochen haben. Man hatte in der Tat den F.indruck. daß sich alle in dem hellen, warmen, außerordentlich gemütlichen Raum wirklidi zu Haus gefühlt hatten, so daß der Name „Heim- Abend" durchaus bereditigt ist. Sdion um 7,30 Uhr begannen die jungen Leute sidi zu sammeln. Die Unterhaltung war sehr bald allgenuin und rege. Herr Dr. Soloweetschik eröffnete den Abend, indem er die Erzählung „von den drei Wünschen" von Schettler vorlas. Darauf wurde die Jugend mit Tee bewirtet, wobei wieder die eingelaufenen Fragen rege von der Allgemeinheit unter Leitung des Herrn Dr. Soloweetschik besprochen wurden. Die Jugend fühlte sich bereits so heimisch, daß sie mehr aus sich herausging. Bin junger Mann trug ein Jargon-Lied vor und ein anderer eine humoristische Brzählung von Scholem Alejchem „Der Deitsdi". Man ging auseinander, nadidem man den nädisten Abend auf den 2. März festgesetzt hatte. Das Abendheim untersteht keiner Partei. Fs hat einzig allein den Zweck, der jüdischen Jugend eine Gelegenheit zu geben, geistige Anregung zu erhalten und einige Stunden gemütlich zusammen zu sein. Frauenverein „Ruth" Seit 21 Jahren besteht in Leipzig der Frauenverein „Ruth"- dessen segensreiches Wirken sich allseitiger Schätzung erfreut. Fr hat es sich zur Aufgabe gestellt, hilfebedürftige Wödinerinnen zu unterstützen und übt seine Tätigkeit mit der Tendenz schwesterlicher Hilfsbereitschaft aus. Der Verein „Ruth" nimmt der jungen Mutter die Sorgen um die großen Ausgaben, die jeder Neuankömmling mit sich bringt. Fr liefert das Notige an Kinderwäsche, gewährt Milch, Barunterstützung zur Verpflegung und schickt für die ersten 8 Tage, wenn es daran fehlt, gute, angemessene Kost. Er übernimmt die Bezahlung der Hebamme, der Pflegerin und des Arztes, wenn einer gebraucht wird. F.s sol! auch nicht unerwähnt bleiben, daß der Verein „Ruth" bei der Sanitätswache 3 Wanderkörbe stehen hat, die alles zur Fntbindung Erforderliche (u. a. auch Bett- und Leibwasche) enthalten und den jüdischen Müttern im Bedarfsfalle zur Verfügung stehen. Im Laufe der Zeit hat der Verein, von dem Grundsätze ausgehend, daß nur gesunde Mütter lebensfähige Kinder zur Welt bringen können, seine Pflegschaft audi auf die werdenden Mütter ausgedehnt und gibt ihnen schon Monate vor ihrer Niederkunft Milch und Kräftigungsmittel Ist eine Wöchnerin von der Hebamme oder einer Bekannten der Vorsitzenden gemeldet, so werden sofort die beiden jeweilig amtierenden Damen benachrichtigt. Sie besuchen möglichst noch am gleichen Tage die junge Mutter und veranlassen, daß für alles Nötige gesorgt wird Die den Wöchnerinnen gewährte Hilfe gilt nidit als Armenunterstützung, sie wird unter Wahrung strengster Diskretion gehandhabt. Kein Bittgesuch braucht eingereicht, kein demütigender Weg gemacht zu werden. Bei uns Juden gelten die Kinder als ein Segen Gottes, von denen der Einzelne, wie die Gemeinschaft, nie zuviel LEI PZI&, BATHAUSRING-ß llrtANN, LlIPZIC I I