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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-01-22 · 4 (22.1.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Mr. 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN Rü.LIGIONSOF.MEINDE, LEIPZIG Seile 3 Fast noch bösartiger ist aber die weitere Folgerung, die man aus dem Begriffe der Solidarität aller Juden vielfach •ieht. In Zeiten, in denen das Nationale sich besonderer l'flege erfreute, erfand man, als Mittel im Kampfe gegen die Juden, die Behauptung einer politischen Solila rliät aller Juden. Leicht zu. erschreckenden Gemütern ^hilderte man die Pläne der Juden; sie wollten die Herrschaft über alle Völker der Welt, wollten allen Reichtum :ii sich reißen. Plumpe Fälschungen, wie die berüchtigten Weisen von Zion", wurden als Beweise für diese fingeren Absichten des „internationalen Judentums" hergestellt und dermaßen verbreitet, daß es außerordentlich schwer, ja geradezu unmöglich geworden ist, den Glauben an diesen Betrug zu zerstören, obwohl die Fälschungen einwandfrei nachgewiesen sind. So muß mit aller Entschiedcnhcil festgestellt werden: was auch immer aus dem Satze von der Gemeinbürgschaft der Juden an Vorwürfen konstruiert worden ist, alles fällt itif diejenigen zurück, die diese Vorwürfe für ihre Propaganda benutzt haben. Böswillige Ungerechtigkeit ist es, flie aktive, tiefsittliche Solidarität in eine passive umzuwandeln und für die Vergehungen einzelner die Gesamtheit büßen zu lassen. Unwahrhaftigkeit ist es, von einer politischen Solidarität zu sprechen, obwohl alles, was in dieser Hinsicht in die Welt hinausgeschrien wurde, sich als verlogene Phantasiegebilde erwiesen hat. Geblieben aber ist die traurige Folgeerscheinung, daß die Kluft zwischen Nichtjuden und Juden sich in erschreckendem Umfange vertieft hat. In einer wirtschaftlich so schweren Krise, wie wir sie gegenwärtig durchkosten, wirkt sich das am deutlichsten im Wirtschaftsleben ans. Alle Anstrengungen der Antisemiten bewegen sich ja vor allem nach dieser Richtung, die Juden aus ihren Stelhingen in der Wirtschaft hinauszudrängen. Die Einsichtigen wissen sehr wohl, wie töricht das ist: die Juden sind durchaus unentbehrlich im allgemeinen Wirtschaftsbetriebe des Volkes. Aber die Maulwurfsarbeit der vom Hasse und von Selbstsucht getriebenen Hetzer hat doch schon soviel erreicht, daß immer zahlreichere Rotriehe, die keineswegs gewittt sind, auf jüdische Kundschaft zu verzichten, rücksichtslos den Juden ausschliefen, wenn er sich ihnen für irgendwelche Leistungen anbietet. Jüdische Vertreter werden von ihnen abgewiesen; geschäftliche Verbindungen mit jüdischen Fabrikanten werden abgelehnt; jüdische Angestellte werden als erste „abgebaut", neue nicht eingestellt. So erhebt sich die ernste Frage, ob es nicht ein Gebot der Stunde ist, der Qemeinbürgschafl in wirtschaftlicher Beziehung mehr Rechnung zu tragen, als dies vielfach geschieht. Fs kann naturgemäß nicht daran gedacht werden, daß der Jude bedingungslos den Juden vorzieht: wirtschaftliche Verhältnisse können und dürfen nicht von der Zugehörigkeit ZU einer religiösen Gemeinschaft abhängig gemacht werden. Aber wenn ein jüdischer Arbeitgeber einen Posten zu besetzen hat, und unter den Bewerbern findet sich ein Jude, der den Erfordernissen entspricht: sollte es unter den gegebenen Verhältnissen nicht als eine moralisch unabweisbare Pflicht erscheinen, ihm den Vorzug zu geben vor einem Nichtjuden, der womöglich gar seine Mußestunden benutzt, um an der Hctz-c gegen die Juden mitzuwirken? Wenn ein Käufer seinen Bedarf in dem Geschäfte eines Juden ebenso gediegen und preiswert einkaufen kann wie in dem eines Nichtjuden, dürfte er einen Augenblick zweifeln, bei wem er seinen Einkauf besorgen soll? Fs sei nochmals mit ganzem Nachdruck hervorgehoben: in dem Begriff der jüdischen Solidarität liegt im Grunde nichts Derartiges. Aber wenn es einem jüdischen Angestellten in der gegenwärtigen Wirtschaftslage unbilligerweise wegen seines Judentums nicht gelingen will, einen Posten bei einem Nichtjuden zu finden: ist es dann nicht gebieterische Forderung, daß seine Glaubensbrüder ihm behilflich sind? Diese Solidarität ist wahrlich eine von außen aufgezwungene, von denen aufgezwungen, die sich sonst so gerne über die jüdische Solidarität ereifern. Wir zweifeln nicht daran, daß der gesunde Sinn, der im Volke lebt, sich wieder frei machen wird von dem betäubenden Gifte, das ihn verwirrt hat, und daß dann auch diese Form der Gemeinbürgschaft wieder hinfällig werden wird. Unentwegt festhalten aber möchten wir au der sittlichen Forderung, daß alle Juden sich als Bürgen fühlen für die Verwirklichung der sittliche.t ideale des Judentums. Gemeiiiderabbiner Gustav (lohn. Aus unserer Gemeinde Die Ausgaben des Fürsorgeamts im Jahre 1925. Auf Wunsch vieler Gemeindemitglieder veröffentlichen ir die Summe dar Ausgaben des Fürsorgeamts vom April 1925 bis 1. Januar 1926. Während dieser Zeit wurlen insgesamt ausgegeben M. 83 925.07. Der Durchschnitt der Ausgaben beziffert sich demnach auf M. Q325.07 pro *\onat. Der Vorstand der israelitischen Religionsgcmeinde zu Leipzig. Fürsorgeabteilung. > ine Anfrage beim Deutschnat. Handlungsgehilfen-Verband Ein hiesiger jüdischer Fabrikant gibt uns von folgendem, auch die Oeffentlichkeit interessierenden Vorgänge Kenntnis: Auf einen Posten in dem betr. Unternehmen hatte sich ein junger Manu beworben, den der Inhaber des Geschäfts ablehnte, nachdem )er von seiner Zugehörigkeit zum D. H. V. Kenntnis erhalten hatte. Darauf erschien im Organ des D. H.V. die Bekanntgabe der Ablehnung mit der üblichen Androhung: alle unsere Kollegen werden sich bei geeigneter Gelegenheit gern dieser Firma erinnern. Bis dahin zeigt der Fall keine Besonderheit. Nun aber konnte der Fabrikant dem Verbände mit einer peinlichen Erwiderung kommen. Er hatte nämlich in früheren Jahren, als die Tendenz des Verbandes noch nicht so kraß hervorgehoben war, auf der Geschäftsstelle einen Angestellten augefordert. Die erste Frage, die damals der Bureauvor- Steher au ihn richtete, war die nach seiner Konfession Die wahrheitsgemäße offene Antwort hatte zur Folge, daß dem Fabrikanten erklärt wurde: an jüdische Geschäftsleute vermittle der Verband keine Angestellte. Daran erinnerte er jetzt den Verband mit dem Bemerken, daß es danach einem Juden nicht zu verdenken sei, wenn er Mitglieder des D.H.V. zurückweist. Er knüpfte daran aber noch eine Anfrage: Sollte der Verband seine Grundsätze inzwischen geändert haben, so solle er eine entsprechende Erklärung in den Leipziger Tageszeitungen bekanntgeben. Unseres Wissens ist eine solche Bekanntgabe bisher nicht erfolgt. W. KretSChmar tob.: Rob Hahne praktischer Hemdenschneider Tadellos, sitz. 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