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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1926-01-22 · 4 (22.1.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
2 (1926)
Issue
4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 QEMEINDBBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIG!ONSGEMEIKDE, LEIPZIG 2. Jahrgang «Jüdische Solidarität. Unter den Anklagen, auf die die Judenfeinde ihren Kampf gegen unsere Gemeinschaft gründen, steht mit an erster Stelle die, daß wir Juden aller Länder eine Einheit darstellen, die die Front gegen die gesamten Völker Rerichtet halt. Und /um Beweise Jessen führen sie den alten, auch von uns oft gesprochenen Satz von der (jemeinbürgschat't der Juden im Munde: alle Juden bürden füreinander, oder in anderer Form: alle Juden sind (ieiiossen (einer engen Gemeinschaft), Es dürfte recht wertvoll sein, sich dessen bewußt ZU werden, was dieser alte jüdische Satz bedeutet, um daran zu erkennen, welche Entstellung er durch die Antisemiten erfahren hat. Der Gedanke der israelitischen Gesamtbürgschaft will als eine ganz tiefe sittliche Forderung verstanden werden. Im Talmud (Sota 37 b) findet sich eine Erörterung über die Verantwortlichkeit des einzelnen Israeliten gegenüber dem göttlichen Gesetze. Der Hund so wird da ausgeführt , der am Sinai zwischen Gott und Israel geschlossen wurde, gewinnt seine Bedeutung durch die Tatsache, daß das ganze Volk Israel ihn geschlossen hat. Nicht etwa hat nur eine begrenzte Vertretung des Volkes die Pflichten auf sich genommen: jeder einzelne hat dem Gesetze seine Zustimmung erteilt; dadurch wurde die Uebernahme der göttlichen Lehre gleichzeitig von den einzelnen wie der Gesamtheit der Israeliten ausgesprochen, gleichsam viclhunderttausendfach ist der Hund, den die vielen Hunderttausende einzeln und als Gesamtheit anerkannt haben. So wurden alle gemeinsam zu Bürgen für die Lehre, die zu erfüllen sie gelobten; jeder eine ein Bürge für die vielen Hunderttausende. „Die Bürgschaft füreinander," so sagt Moritz Lazarus, „bedeutet bei den Propheten und Rabbinern die ernste und heiße Sorge, der Gerechtigkeit unter den Menschen freie Bahn zu schaffen, es jedem zu ermöglichen, daß er den Weg der Tugend ohne Straucheln wandeln könne; jedem zu ermöglichen, daß er ein menschenwürdiges Dasein führen könne." Der jüdische Gedanke der sittlich-religiösen Solidarität will das Bewußtsein einschärfen, daß der einzelne hinsichtlich der sittlichen Pflichten niemals das soziale Moment vernachlässigen darf: gewiß richten sich die Gebote des Sinai an den einzelnen; aber der einzelne kann ihre Durchführung nicht verwirklichen, wenn nicht auch die anderen um ihn herum den gleichen Qrundsätzen folgen. Es gibt religiöse Einzelaufgaben, die nur durch eine Gesamtheit gelöst werden. Wie kann beispielsweise die Wohlfahrtspflege einer großen Gemeinde anders Zustandekommen, als wenn alle (ilieder der Gemeinde sich zur Arbeit wie zur Aufbringung der Mittel zusammenfinden. Welche schlimmen Folgen aber müssen unausweichlich eintreten, wenn diese Wohlfahrtspflege versagt: Menschen verkommen sittlich, wenn sie dem Hunger und dem Elend gegenüberstehen. Nie aber würden die physische Kraft und der Reichtum eines einzelnen ausreichen, um das zustandezubringen, was die Gesamtheit Aber viel mehr noch ist die nur durch das Zusammenwirken der Tugend über die Sünde, des bens über Irrwahn und Aberglauben wird am stärksten gehemmt durch die Menschen, die mit ihren Lastern andere von der Bahn des Rechten ablenken, die mit ihrer Gottlosigkeit verwirrend wirken. Darum will der (iedanke der (iemeinhürfrschaft das Gewissen des ein/einen schärfen. „Jede Schuld," so zeichnet ihn treffend Leo Baeck, „die einer begeht, kann die ganze Gemeinschaft belasten. Nicht nur, wenn in ihr einer des Hungers stirbt oder erfriert, kann sie vor Gott dafür verantwortlich sein, sondern ebenso sehr, wenn einem Mensehen in ihr die Seele erstarrt oder das Gewissen ervermag. religiöse Gesamtaufgabe aller zu lösen. Der Sieg wahren und reinen Glaustirbt." Und jeder einzelne soll sich für die Gemeinschaft verantwortlich fühlen, wenn solche Schuld sie belastet. „Menschensohn, zum Wächter habe ich dich bestellt für das Haus Israel. Hörst du ein Wort von mir, so sollst du sie verwarnen in meinem Namen. Und wenn ich nun zum Bösen spreche: du wirst sterben, du aber verwarnst ihn nicht und redest nicht, den Bösen vor seinem bösen Wege zu warnen, dieser Böse stirbt in seiner Schuld, aber sein Blut fordere ich von deiner Hand." (Ezech. 317.18; ähnlich 337.8.) So, und nur so ist der Satz von der gegenseitigen Bürgschaft der Juden zu verstehen. Jeder trägt vor Gott Mitverantwortung für das Fortschreiten der sittlichen Forderungen, die die Sinailehre erhoben bat, für die Festigung der Gottcserkeimtni:.. Die Solidarität erstreckt sich nur nach innen, nur auf das Inncrc der einzelnen Juden und auf die jüdische Gemeinschaft als Trägerin der Gotteslehre. Und diese so wahrhaft tiefsittliche Anschauung hat man in ungeheuerlicher Verdrehung zum Anlaß gehässigsten Kampfes gegen die Juden genommen. Solitc die Gemeinbürgschaft dem Juden Antrieb werden, die Lasterhaften in seiner Gemeinschaft sittlich zu heben, so kehrte man die Lehre um und stellte jeden Juden auf die Stufe dieses Lasterhaften. Die Gemeinbürgschaft sollte etwas Aktives sein, wurde aber zu etwas Passivem umgekehrt. Wenn ein Jude Uebles tut, so sagt man, die Juden handeln so übel. Und geht recht einseitig vor. Noch nie haben die Antisemiten irgendeinen Vorzug eines Juden der Allgemeinheit zum Verdienste werden lassen; immer waren es nur die vorwurfsvollen Seiten, die zu „charakteristischen Merkmalen jüdischen Wesens" gestempelt wurden. Ist es nötig zu sagen, wie ungeheuerlich diese Methode ist? Wir stellen nicht in Abrede, daß es auch unter uns üble Elemente gibt. Aber wie treffend ist jenes Scherzwort, mit dem ein Jude die abfälligen Aeußerungen eines Antisemiten über einen mit Zuchthaus bestraften Juden zurückwies: Sind denn die Zuchthäuser nur für Nichtjudcn gebaut? — Vor den Menschen um uns brauchen wir uns nicht über den Juden zu schämen, dessen Leben nicht frei von Makel ist, solange nicht die Völker nur aus Edclmenschen bestehen. Und dennoch schämen wir uns, vor Gott und um Gottes willen, und stehen in diesem Sinne getreulich zur Forderung der Gemeinbürgschaft. Aber soll es nun angehen, daß die Gemeinschaft wegen der Verfehlungen einzelner als eine Gemeinschaft von Uebeltätern, von Treulosen, von Verrätern usw. hingestellt wird? Würde man wagen, ein ganzes Adelsgeschlccht als betrügerisch zu bezeichnen wenn einmal eines seiner Glieder als Betrüger entlarvt ist? Und doch gibt es auch in den Geschlechtern des Adels so etwas wie eine Gemeinbürgschaft. — Nordheimer vergrößert sein Geschäft Petersstraße 48 durch Hinzunahme eines Nebenladens. Bis zur Fertigstellung dieses Baues durchgehend herabgesetzte Preise

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