Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 14 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Seite 2 einer gelegentlichen Unterhaltung sagte Jadassohn zu mir: „Liebster Sohn, «rußen Sie Herrn Lilienthal (ich kannte ihn gut), und sagen Sie ihm, er soll die Gebete nicht so schnell lesen; er soll nicht etwa glauben, ich komme nicht mit! Aber es geht mir nicht in den Kopf, daß man Gebete so herunterschnurren kann". -- Zu seinem 70 Geburtstage wurden ihm viele Ehrungen zuteil, er weilte damals zur Erholung in der Schweiz (in Montreux). Ich schickte ihm eine Gratulationsdepesche, und als er zurückkam, erzählte er mir, daß er über tausend Briefe und 200 Telegramme erhalten habe, auch der ganze Leipziger Rat habe ihm gratuliert. Ich sagte ihm: „Wahrscheinlich ist der Antisemitismus in diesen Kreisen nicht so stark ausgeprägt". Da antwortete er: „O. gerade in den oberen Kreisen steht es damit schlimm"; und lachend fügte er hinzu: „nur mit mir machen sie eine Ausnahme". In den 35 Iahten, da Jadassohn an der Synagoge war, bildete er 1866 das „Psalterion", dem die besten jüdischen Kreise angehörten. Es wurden dort Psalmen alter Meister studiert und an den hohen Feiertagen sang dieser Chor auch im Tempel. Oft hat mir der Meister gesagt, wie sehr er sich auf die Feiertage freute und auf die schönen Gesänge von Sulzer. Er hat auch einige alte liturgische Gesänge für die hohen Feiertage bearbeitet, und man fühlt aus deren schlichten Harmonien, wie er mit ganzem Herzen an seinem Glauben hing. Seit seiner Tätigkeit als Lehier am Konservatorium brachte er auch seine Schüler ins „Psalterion" und interessant ist, wie viele große Meister dort mitgesungen haben. Ich will hier nur einige nennen wie Professor Georg Schumann, Dr. Muck, Felix Weingartner, Arthur Sulivan, Emil Pinks, Max Fiedler. — Jadassohns Abgang von der Synagnge (1900) war für ihn recht betrüblich; er äußerte sich mir gegenüber mit den Worten: „35 Jahre lang war ich gut, erst im 36. ist man mit mir nicht mehr zufrieden, bin ich denn auf einmal so schlecht geworden?" — Sein Nachfolger wurde W. Sternberg, der den Chor dann so einrichtete, wie er jetzt noch ist. 1901 gründeten Saul Lilienthal und ich einen Jadassohn-Vcrein, den der Meister, als ich seinerzeit Dirigent desselben war, auch einmal besucht hat; leider ist der Verein später wieder eingegangen. — Professor Jadassohn leitete mehrere Jahre die Euterpe-Konzerte und dirigierte auch öfter im Gewandhause. Als schaffender Künstler gehört er zur romantischen Schule, seine Melodik und Harmonik haben in ihrer Linienführung eine besondere persönliche Note. Er schrieb über 125 Werke, darunter vier Symphonien, zwei Ouvertüren, vier Serenaden, zwei Klavierkonzerte, vier Klaviertrios, drei Kiavierquartette und ein Klaviersextett. Außerdem zwei Streichquartette. In England und Amerika wird seine Kammermusik viel gepflegt. Seine Serenaden wurden im Gewandhause unter Reinecke wie unter ihm selbst aufgeführt. Auf dem Gebiete der Kirchenmusik schrieb Jadassohn für Chor und Orchester „Psalm 100* op. 60 achtstimmig mit Altsoio, .Vergebung" op. 54 mit Sopransolo. „Verheißung" op. 55, „Trostlied* op. 65 (mit "Orgel ad. lib.). „Vergebung" und „Verheißung" wurden auch im Gewandhause aufgeführt. Ferner hat er viele Klavierstücke, wel liehe Lieder, Motetten, Männer- und gemischte Chöre komponiert. Doch was Jadassohn hauptsächlich berühmt gemacht hat, das sind seine Lehrbücher für „Harmonielehre, Kontrapunkt, Canon, Fuge, Instrumentations¬ und Formlehre". Diese Bücher sind in alle Spradien übersetzt worden und werden auf fast allen Hochschulen gelehrt. Sollte es mir gelingen, mit diesen Zeilen unserem Jadassohn ein Denkmal in die Herzen unserer Jugend zu setzen, so möchte dies den Anlaß dazu geben, daß die Gemeinde ihm ein wirkliches Denkmal setzt. Gelegenheit dazu bietet sich an seinem 100. Geburtstage am 13. August 1931. Und Jadassohn ist eines Denkmals würdig. Barnet Licht Aus dem Leipziger Stadtparlament. Vor etwa einem Jahre hatten jüdische Besucher der Städtischen Oper Veranlassung, sich durch eine während einer Opernaufiülirung veranstaltete den Juden unfreundliche Demonstration beschwert zu fühlen. Hervorgerufen war sie durch eine Wendung des Operntextes, die geeignet war, den Juden verächtlich zu machen. Die Intendanz konnte wohl formell die Verantwortung ablehnen, da die gerügte Stelle nicht etwa von dem Schauspieler improvisiert war, wie man anfangs annahm, sondern dem Operntexte entsprach. Aber man hatte doch Berechtigung, steh darüber /u verwundern, daß gerade diese Fassung des Textes gewählt war, während im allgemeinen den Aufführungen dieser Oper ein späterer Text zugrunde gelegt wird, in dem u. a. diese Stelle eine andere Fassung erhalten hatte, die alles die Juden Kränkende vermied. In Erinnerung an diesen Vorgang, der seinerzeit großes Aufsehen erregt hat, könnte es recht eigenartig wirken, wenn sich vor kurzem der Rat der Stadt Leipzig mit einer Anfrage befassen mußte, welche Maßnahmen der Rat zu ergreifen beabsichtige, um der Überfremdung der Oper durch Juden und Judenchristen vorzubeugen, die durch den Generalmusikdirektor Brecher dauernd begünstigt würde. Es seien etwa 10—12 derartige Künstler engagiert, und diese würden zum Nachteil der christlichen Mitglieder der Oper bevorzugt. Die Angelegenheit erhält jedoch eine andere Beleuchtung, wenn man erfährt, daß die Anfrage von dem volkischen Stadtverordneten Postsekretär Götte ausgegangen ist. Dieser Völkische gefällt sich, wie alle seine Gesinnungsgenossen, in der Rolle eines Aufspürers, der überall Zusammenhänge wittert, jüdischen Einfluß oder jüdische Machtgier zu fordern. So hat Götte in einer Stadtvcrordnetensiizung vom 20. November den Ratsantrag auf Nachbewilligung eines Beitrages von 15000 Mark zur Zeppelin-Eckener-Spende abgelehnt, weil der Aufruf zur Zeppelin-Eckener-Spende unter den vielen, vielen Unterschriften auch Namen von Juden und Männern jüdischer Abstammung trägt; (nebenbei sei erwähnt, daß er in gleichem Atem mit ihnen auch solche von Politikern nennt, die sich nicht sehr nett über die Völkischen äußern, z. B. den berühmten „Altreichskanzler Fahrenbach, der erklärt hat, es würde ihm schon übel, wenn er überhaupt nur die Völkischen sähe"). Dieser Umstand hat ihn auf die richtige Fährtc gewiesen. „Das deutsche Volk hat kein Interesse an der Geschichte" Beweis: das geringe Ergebnis der Sammlung. Aber die Juden haben Interesse daran. „Der einzige Zweig des deutschen Verkehrs, die Luftfahrt (sie!), ist heute noch nicht jüdisch".....Man will eben auf diese Art und Weise den Luftverkehr in seine Hände bekommen." (Wir kennen den wahren Grund für die Wut der Völkischen über Eckener: Eckener ist liberal und hat jüdische Mitarbeiter, z. B. ist ein Sohn des verstorbenen Dresdener Bankdirektors Leon Klemperer als Steuermann bei ihm tätig.) Bei einer solchen Einstellung darf man sich auch nicht über die Furcht des Herrn Götte wundern, Nordheimer sagl von jetzt an : ichls mehr. Er loßf allein die Schön- .eit und Pren Würdigkeit seiner Schuhe sprechen Der fesche Linerstraiensiieiei und Lack. Warm gefüttert, mit Pelzbesatz in schwarz, farbig Sehr preiswertI