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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1925-12-04 · 12 (4.12.1925) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
1 (1925)
Issue
12 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12 Seile 5 zustark verändert hat. In Wirklichkeit hat er weniger verändert, als hinzugetan. Soweit die Geschichte uns das Leben des jüdischen Abenteurers Rcubeni überliefert hat, ist Brod ihr ziemlich treu gefolgt und hat die Anregung, die in diesem historischen Geschehen lag, aufs Glücklichste benutzt, um mit all der Phantasie und Sprachkunst, deren er fähig ist, ein ungemein farbenprächtiges Bild des Zeitalters der Renaissance zu geben, Italien — das Land, in dem wirtschaftliche Blüte höchste Freude an klassischen Wissenschaften, stärkste Blüte der Kunst geboren hat, welcher Kultur ein Mediceerpapst mächtigen Impuls verleiht, — dies Italien mit seinen zahlreichen jüdischen Gemeinden ersteht vor unserem staunenden Auge. Und die Juden mitten in diesem kulturellen Glanz, nicht allein als Subjekt, sondern auch als Objekt. Spanien und Portugal die anderen Zentren europäischen Reichtums, den die neue Welt im Westen herbeiströmen läßt, — diese Pyrenäenhalbinsel, in der sich der finstere Schatten der Inquisition über alles Schöne und Holte lähmend lcj^t, erleben wir mit fliegendem Atem mit und werden aufs tiefste aufgerührt bei dem furchtbaren Schicksal unserer Vorfahren in diesem naturgesegnetem Lande. Deutschland, in den ersten Wehen der gewaltigen Reformation, die die Machthaber erschüttert, den Bürger heftig bewegt, den Bauern aufpeitscht, — dieses Deutschland mit seinen dumpfen Ghettis und seinem stupiden Judenhaß, sehen wir mit feinen Uberaus leichten Pinselstrichen in den Hintergrund des Reubenischen Lebensromans gemalt. — In diesem Teil seines Romans — es ist der zweite — ist Brod nichts weiter als historischer Romancier, als solcher aber doch ein Meister. Anders jedoch der erste Teil. Hier hat die Gesdiichte dem Dichter nichts für das Bild seines Helden geboten. Und mit vollster dichterischer Freiheit macht er ihn zu einem Kind des Prager Ghettos und läßt ihn seine Jugend und Entwicklungsjahre in diesem brodelnden jüdischen Zentrum des Mittelalters verleben. Mit ungehemmter dichterischer Phantasie findet der Dichter Persönlichkeiten und Vorgänge, die er allerdings mit großer Vollkommenheit in das Fundament der historischen Prager Judengemeinde einbaut, aber doch für seine besonderen Zwecke und Ziele ganz frei behandelt. Hatte er das Redt': hierzu, das könnte auch heißen, besitzt er die dichterische Größe dazu? Aus dem eingangs Gesagten leitet sich wohl die Berechtigung zu solcher Frage her, aber es ist doch müßig, hierauf eine abschließende Antwort geben zu wollen. Max Brod ist ein Dichter - dieses Urteil hat die Geschichte wohl schon gefällt. Ob groß genug für die Aufgabe, die uns heute beschäftigt das darf man ruhig zukünftiger Entsdieidung überlassen. Was nun die so verschiedenartige Beurteilung des Charakters des Romans betrifft, ilie wir schon erwähnten, so liegt es wohl in der Art des historischen Romans, von all diesem ein wenig zu haben. Der Dichter selbst durfte sein Werk nidii nur deshalb einen Renaissanceroman nennen, weil er ihn in der Renaissancezeit des Mittelalters spielen läßt, sondern weil der „Rcubeni" in einer Zeit neuer Renaissance ersdieint. Nicht zuletzt daher auch seine tiefgehende Wirkung. Die Gegenwartsbedeutung des Romans ist außerordentlich groß — die jüdischen Probleme unserer Tage treten so deutlich in die Erscheinung, daß man wohl versteht, wenn bald der Ruf: „hin Schlüsselroman!" ersdioll. Max Brod hat vielleicht mit voller Bewußtheit den kühnen Versuch unternommen, das jüdische Leben der Gegenwart in seinen widrigsten Äußerungen in die Renaissance des Mittelalters zu verleben, um die so notwendige I Distanz zu seiner richtigen Beurteilung zu schaffen. Man braudit nur die Parallelen zu ziehen: Rcubeni — Theodor Herzl (vielleidit sogar mit einem bis'chen Jahotinski), oder Mantino — Dr. Naumann und ähnliche, die sich zuweilen geradezu aufdrängen, um zu der oben ausgesprochenen Annahme zu kommen. —■ F.benso deutlich scheint mir die Tendenz des Dichters herauszutreten, charakteristische Fehler unserer zeitgenösj sischen Judenheit, besonders solche, die in Gemeinschaften auftreten, zu geißeln und ihre möglichen üblen Folgen aufzuzeigen. Audi hierzu möchte idi nur ein besonders eigenartiges Beispiel erwähnen, zu dem sich der Leser viele weitere in dem Buche aufsuchen kann: Wer läse nicht mit verständnisvollem Lächeln die Schilderung der Prager Vorstehersitzung im 19. Kapitel, mit ihrer beweglichen Klage über die „jüdische Pünktlichkeit" und doch könnte einem das! .ich.-In vergehen, wenn der Dich« jler die möglichen Folgen dieser scheinbar so unbedeutenden 'Untugend darstellt. Zweifellos haben wir in dem ersten Teil des „Rcubeni", also in dem, der freier dichterischer Intuition entsprang, ein Werk von hohem Schwung und von kulturhistorischer Bedeutung — nur berührt die auffallende Häufung talmudisch-midraschischer Stoffe und Zitate, ihre Zusammendrängung auf kürzeste seelische um! gedankliche Prozesse, ihre geradezu massige Anwendung au! alle Personen und Vorgänge mitunter peinlich. Man merkt allzusehr die Absicht des Dichters, unbedingt all diesen Stoff, den er sich mit Fleiß und Mühe zusammengetragen hat, im Roman unterzubringen und mit Gelehrsamkeit und Belesenheit beinahe zu protzen — und man wird verstimmt. Audi die Ubermäßige Zuspitzung des Problems, mit dem sidi der Jüngling David Rcubeni abquält, ob man G.tl mit dem guten u n d mit dem bösen Trieb dienen könne und dürfe, ist von etwas gemachtem Pindruck. Schon hat man gewagt, dem „Rcubeni" das Horoskop zu stellen: daß er sich nicht lange unter den Werken des Dichters halten werde. Wer wollte bei dem so uncharakteristischen Geschmack des heutigen Publikums solches mit Sicherheit vorauserkennen. Lesenswert bleibt er unbedingt. Der Farbenreich« tum, der über seine Bilder ausgegossen ist, die Spannung, die fast überall gefangen hält, sind nicht die einzigen Vorzüge; die ^esdiichilidie Treue des zweiten Teils darf jedem, der den Wert gesdlidltiicher Forschung für sein jüdisches Bewußtsein erkennt, , sich aber vor der trockenen historischen Lektüre fürditet, als besondere Empfehlung dienen. \ e r m a n n ß> o r rman rD;*wari»*i,!Lvr.asr.^i.: -jrc*Ti . ■ - - rjm.rt*zrM* xxizzik-'jltz.Z:? jjgJKjaa > - - ''Ufireri^pcsiüf-^escfiQfi - V ^efersilr. 2 [Sfectner ^urthcjaiujj / gegr. 1888 /ftuf 27734 - Du imiisebe - Ikttudttgestt. c kaufen Sie jetzt schon bei bequemer Teilzahlung. Jeder erhält hei Vorzeigen dieser Annonce 5°|o Rabatt F. gattch««.

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