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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1925-11-27 · 11 (27.11.1925) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
1 (1925)
Issue
11 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT PER ISRAELITISCHEN RE.LIGI0N8GEMEINDE, LEIPZIG Nr. II weit der deutschen Grenze als Sohn ostjüdischer Eltern geboren. Mit ihnen wanderte er schon als Kind nach Amerika aus. Von ihm stammt die heute gültige Berechnung der Lichtgeschwindigkeit, die er mit 229910 km feststellte. Im Jahre 1880 stellte er wahrend eines Studienaufenthaltes in Deutschland, wo er u.a. Schüler von Heimholt! war,den berühmten Miehelson'schen Versuch über die Beziehungen und die Abhängigkeit der Licht* geschwindigkeit von der Erdbewegung an, jenen Versuch, der später der Ausgangspunkt von Einsteins Realitlvitätstheorie geworden ist. Michelson hat die größten Ehrungen, die ein Mann der Wissenschaft erreichen kann, empfangen, Er ist Präsident der großen physikalischen Oesellschaft Amerikas, Ehrendoktor zahlreicher Universitäten, Ehrenmitglied der angesehensten amerikanischen und europäischen naturwissenschaftlichen Gesellschaften. Im folgenden Jahre 1908 gewann den Nobelpreis für Physik der Professor an der Pariser Sorbonne, Gabriel Lippmann, geboren l H4S zu Hollerich in Luxemburg. Er hat bedeutende physikalische Entdeckungen, die mehr spezielles Fachinteresse haben, aber dennoch grundlegend sind, gemacht Er hat am eingehendsten über die Ätherwellen des Lichts gearbeitet. Er hat feiner einen Apparat konstruiert, der für astronomische Untersuchungen unentbehrlich geworden ist. Er hat auch in Deutschland studiert und war Schüler von Kirchhoff und Hehnholtz. Seine Berufung an die l niversität Paris ist ein Beweis seiner Anerkennung in Prankreich, Er war übrigens auch Lehrer Michelsons. Als dritter Physiker erhielt den Nobelpreis Albert Einstein. Einstein, der 1879 in l Im geboren, also noch im jugendlichen Mannesalter steht, kann wohl als der berühmteste Gelehrtenname in der i'iip/en Welt bezeichnet werden. Es ist hier nicht möglich, auf seine Relativitätstheorie einzugehen. Sic wird von fast allen namhaften Forschern als eine epochemachende Tat gefeiert und den Entdeckungen eines Newton gleichgestellt. Sie gehört zu den großartigsten Gedankenarbeiten, die ein Menschengeist gemacht Sie hat auf unsere Vorstellungen vom Weltganzen und seiner Unendlichkeit umwälzend gewirkt und den Kosmos unserem Verständnis näher gerückt. Die Begriffe von Raum und Zeit Itaben durch ihn eine Umwandlung erfahren. Dabei haben die praktischen Nachprüfungen der Astronomen die fabelhafte Genauigkeit seiner theoretischen Berechnungen erwiesen. Mit Stolz nennen wir Einstein den Unsrigen, nicht nur wegen seiner großen wissenschaftlichen Taten, vor allem auch, weil er selbst sein Judentum vor aller Welt bekennt und aktiven Arteil an seiner Wiedergeburt nimmt. Den Nobelpreis für Chemie haben ebenfalls drei Juden erhalten. Zunächst im Jahre 1910 der Chemiker der Universität Göttingen, Otto Wallach. Für seine Bedeutung spricht seine Berufung auf den Lehrstuhl Wühlers, des Begründers der organischen Chemie. Wallach hat mit großem Erfolg auf dem Gel iete der künstlichen Riechstoffe und der ätherischen Öle gearbeitet. Er hat durch seine Arbeiten den wesentlichsten Anteil an der Herstellung der künstlichen Riechstoffe und hat dadurch die Entwicklung eines blühenden Industriegebietes gefördert. Im Jahre!91o erhieit Richard Wiiistätter den Nobelpreis. Willstätter, geboren 1872 in Karlsruhe, war Schüler Adolf von Ba; rs und wurde dessen Nachfolger. Einen Ruf als Nachfolger Emil Fischers in Berlin lehnte er ab. Die Berufung auf den Lehrstuhl der berühmtesten Chemiker der Zeit ist ein Beweisj seiner Bedeutung. Willstätter gilt als der bedeutendste heuie lebende organische Chemiker. Er verdankt seinen Ruhm in erster Linie der Erforschung der Chemie des Chlorophylls, des Blattgrüns der Pflanzen. Das Chlorophyll ist der geheimnisvolle Stoff, vermöge dessen die Pflanze die Kohlensäure der atmosphärischen Luft unter Einwirkung des Sonnenlichtes zersetzt und zu Stärke assimilliert. Bei der elementaren Wichtigkeit di «es biologischen Vorganges ist die Bedeutung von Willstätteis Entdeckungen verständlich. Im verflossenen Jahre hat Willstätter durch sein mannhaftes Auftreten gegenüber antisemitischen Intrigen in der Dozentenschaft und durch die Niederlegung seines Münchener Lehramtes seine bewußte Zugehörigkeit zum Judentum vor aller Welt bekundet. Der dritte Nobelpreisträger jüdischer Abstammung unter den Chemikern ist Fritz Haber. Ihm gelang die Lösung eines alten Problems, die Herstellung künstlichen Düngers aus dem Stickstoff der Luit. Eine der gewaltigsten Fabrikanlagen der Welt, die Leunawerke in Leipzigs Nähe, wurden zur Herstellung im Großen geschaffen, sie legen Zeugnis ab von der Wichtigkeit dieser Haberschen Entdeckung. Durch sie wurde die deutsche Landwirtschaft während und nach dem Kriege vom Chilisalpeter des Auslandes unabhängig. Sie bedeutet eine kaum möglich gehaltene, langgehegte Erfüllung. Zu den drei Physikern und den drei Chemikern gesellen sich abermals drei jüdische Mediziner als Nobelpreisträger. Der erste ist Paul Ehrlich, der weltberühmte Mediziner, geboren 1854 in einem kleinen schlesischen Städtchen, gestorben 1915 in Frankfurt a. M. Obwohl er es trotz aller Bemühnngen Jahrzehnte lang zu keinem akademischen Lehramt bringen konnte, sind von diesem Mann eine große Zahl großer Entdeckungen ausgegangen. Ehrlich ist der Erfinder der Tuberkelbazillenfärbung, der Erfinder der sogen. Vitalfärbung, der Färbung lebender Gewebe. Er ist der Begründer der Chemotherapie, der synthetisch hergestellten, spezifisch wirkenden Heilmittel, in deren Folge ihm die Erfindung des Salvarsans gegen die Syphilis gelang. Ehrlich ist es gewesen, der die Wertbestimmung des Dyphterieserums, wodurch erst die allgemeine Anwendung desselben praktisch möglich wurde, fand. Er ist der Entdecker der sogenannten Seitenkettentheorie zur Erklärung gewisser Immunitätserscheinungen, eine der geistvollsten Kompilationen, die ein Mensch erfand. Es ist nicht möglich, auf sie hier näher einzugehen. Wassermann selbst, der Entdecker der nach ihm benannten Reaktion, hat erklärt, daß seine Erfindung nur mögiieh war auf der Basis der Ehrlich'schen. Ehrlich ist ferner derjenige, der durch seine Forschungen die feinere Diagnostik der Blutkrankheiten überhaupt erst möglich gemacht hat. Ehrlich war Jahrzehnte lang der erfolgreichste Forscher auf dem dunklen Gebiet der Krebskrankheit. Und schließlich bleiben noch zahlreiche Arbeiten übrig, die allein ausreichen, seinen Namen in den Annalen der medizinischen Wissenschaft zu verewigen. — Ehrlich ist neben Pasteur vielleicht der genialste biologische Forscher der Neuzeit. Man kann von eleu meisten medizinischen Entdeckungen, selbst von denen eines Virehow und eines Koch sagen, daß sie unbedingt kommen mußten. Wenn Koch den Tuberkel- und Cholerabazillus nicht entdeckt hätte, hätte sie gewiß ein anderer geiunden. In der Tat wurde der Tuberkelbazillus einige Tage später auch von Baumgarten entdeckt. Die meisten Entdeckungen sind Kinder ihrer Zeit. Es rühren sich tausend emsige Hände, die nach gleichen Zielen tasten, und es kann nicht ausbleiben, daß eine feinfühlige und glückliche Hand das Ziel trifft, früher oder später. Von den meisten Entdeckungen Ehrlidis aber kann man sagen, daß sie ohne ihn so leicht nicht gekommen wären. Er ist seiner Zelt weit vorangeeilt, er ist verschlungene Wege gegangen, er war ein ursprünglicher und origineller Kopf und besaß im eklatantesten Maße die Denkkraft des Genies. SeliluB folgt So etwas gibt es? Jawohl, Verehrteste! Es gibt Sohuhe, die niemals drücken und doch elegant und modern sind. Auj ulus-Schuhe, deren Alleinverkauf die Firma Nordheimer hat.

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