Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 10 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 spräche, die nur GoM zukommt. Darum erklären sie solche Wirkung als göttliche Bestimmung: es ist ein Bund geschlossen mit den Lippen der Menschen. Damit die Lippen nichts Falsches geredet, läßt Gott geschehen, was sie vorhergesagt haben, auch wenn es nur „eine dem Herrscher entfahrene Übereilung" gewesen war. Aber es konnte nicht ausbleiben, daß die große Menge diesen tieferen Gedanken nicht erfaßte und lebendig bewahrte. In Zeiten der Not ist überall dem Aberglauben Tür und Tor geöffnet. Und jüdisches Schicksal stand lange Jahrhunderte im Zeichen bitterster Not. Wenn die Not geringer wird, kann auch der reine Glaube wieder erblühen. So ist bei uns unter den glücklicheren Verhältnissen des letzten Jahihunderls vieles von jenen Anschauungen überwunden worden. Was von den Rede* I Wendungen geblieben Ist, wird wohl kaum noch in seinem ursprünglichen Sinne gesprochen. Sie sind umgewandelt in den Ausdruck der Anerkennung göttlicher Weltleitung, festen Vertrauens in seine Güte. G. C. Henriette Goldschmidf Zum 100. Geburtstage (23. November) Line jede Gemeinschaft rühmt sich gern der Ldelsten und Besten, die ihr entstammen. Unsere jüdische Gemeinschaft, stets abwehrhereit, stets um eine gerechte Würdigung ringend, mehr noch als jede andere. Sie hängt mit rührender Treue au allen, die gleichen Stammes sind, deren Bedeutung, gewollt oder ungewollt, schon um der Abstammung willen, dem jüdischen Namen zur Ehre gereicht. Der Name Henriette Goldschmidt hat in der deutschen Frauenbewegung einen edlen Klang. Wir jüdischen Frauen der Gegenwart blicken-mit Stolz und anerkennender Bewunderung darauf zurück, daß eine Jüdin zu den ersten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung gerechnet werden konnte, daß eine jüdische Frau zu den Wenigen gehörte, die mit weit- Bchauendem Blick schon damals die Bedeutung der Frauenbildung vorausgesehen und ihr die Wege geebnet haben. Hier an der Stätte des jahrzehntelangen Wohnsitzes und Wirkens von Henriette Goldschmidt gaben verschiedenste Anlässe Gelegenheit zu einer Würdigung ihrer Bedeutung und zu einer Betrachtung über den äußeren Verlauf ihres Lebens. Ihr gütiges Wesen und ihre segensreiche Arbeit steht heute noch vielen Leipziger Männern und Frauen in lebendigem Gedächtnis. So darf die Erinnerung an die Bedeutung ihres Schaffens sich auf ganz kurze Umrisse beschränken. Im Jahre 1865 trat sie in die Öffentlichkeit als eine der Begründerinnen des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins", in dessen Vorstand sie 1867 gewählt wurde. Sie bekleidete dort die Stelle der zweiten Vorsitzenden und hatte an allen Arbeiten dieses Vereins regsten Anteil. Ihre schöne Rednergabe machte sie zur Propagandistin seiner Ideen. Im Winter 187t) 71 hatte sie mit einer Vortragsreihe: „Die Stellung der Frau bei den alten Kulturstaalcn" großen Erfolg. Wie alle neuen Ideen von dem leicht beweglichen, jüdischen Geist rasch aufgegriffen werden, so fanden auch Fröbels neue Methoden zur Erziehungslehre bei Henriette Goldsehmidt ein aufnahmebereites Verständnis. Der Fröbel'sche Gedanke „der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau" wurde fortan der Leitgedanke ihrer praktischen Arbeit. Sie gründete 1881 mit gleichgesinnten Männern und Frauen den „Verein für Familien- und Volkserziehung*, der ein treffliches Instrument zur Ausführung ihrer Ideen wurde. Man begann mit der Errichtung von Volkskindergärten und einer Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen, an der Henriette Goldschmidt selbst den pädagogischen Unterricht erteilte. Die ihr eigene, wannherzige Auffassung brachte in die Gestaltung des Kindergartenwesens einen ganz neuen Geist. Die Anregung zur Gründung der hiesigen städtischen Fortbildungsschule ist ebenfalls von ihr ausgegangen, ebenso stammt der erste Lehrplan von ihr. im Jahre 1878 gründete sie als Krö nung ihrer gesamten Arbeit das Lyzeum für erwachsene Mäd' ^mriiiHjgi) dien, eine Anstalt, in der zum erstenmal Mädchen auf ihren späteren Lrziehungsberuf als Mutter Vorbereitung finden sollten. Die Anstalt war ganz von ihrem Geist erfüllt, Henriette Goldschmidt erteilte bis in ihr spätes Alter den pädagogischen Unterricht selbst. 1882 erschien ihr Buch „Ideen über weibliche Erziehung im Zusammenhang mit dem System Friedrich Fröbels". Bei uns jüdischen Frauen der Gegenwart, die wir in einer Zeit bewußteren Judentums leben, mischt sich in die Bewunderung, die wir für Henriette Goldschmidts Größe empfinden, ein bitterer Tropfen. .Mit einer gewissen Wehmut bedauern wir, daß ihre überragenden geistigen Fähigkeiten so fast ausschließlich interkonfessioneller Arbeit zugute kamen. Zwar ist ihr Name auch mit jüdischen Einrichtungen verknüpft. So gehört sie zu den Gründern der ., Deutsch-israel. Darlehnskasse für Frauen und Jungfrauen", die bereits vor 50 Jahren erstrebt ha', was wir heute entbehren müssen, „die Gewährung unverzinslicher Darlehen an unbemittelte jüdische Mädchen zur Begründung einer selbständigen Existenz oder für die fachgemäße Vorbereitung /in Erwerbsfähigkeit". Auch hat sie [dem von Alfons Jakobsohn im Jahre begründeten Wohltätigkeitsverein Interesse bei seiner Gründung entgegengebracht. Als im Jahre 1913 der Jüdische Frauenbund seine große Delegiertentagung in Leipzig abhielt, nahm sie. ..gefeiert als Seniorin der deutschen Frauenbewegung", an ihr teil. Es wird der Inhalt ihrer Rede noch heute von Interesse sein. Sie führte ungefähr Folgendes aus: »Der Lebensinhalt eines Volkes ist die von ihm geschaffene Kultur. In Deutschland gibt es kein Gebiet nicht nur materieller, sondern auch geistiger Art auf dem das Judentum fehle. So seien auch die jüdischen Frauen eingetreten als Mitarbeiterinnen in die gemeinsame Arbeit der deutschen Frau. Der Genius des deutschen Volkes ist auch der unsrige, aber heilig sei und bleibe unsere Vergangenheit". Schon aus diesen Worten geht deutlich ihre grundsätzliche Einstellung hervor. Die ganze Hingabe ihrer Arbeil gehörte der Höherentwicklung deutscher Kultur. Darin war sie voll ein Kind ihrer Zeit. Im Rausche der durch die neue Verfassung restlos gewährten Gleichberechtigung glaubten die Juden Deutschlands, in deutscher Kultur aufgehen zu können und zu sollen. Sie täuschten sieh vor, daß keine Notwendigkeit mehr bestehe, jüdische S< nderimeressen ZU pflegen. Wenn uns auch die letzten Jahrzekn'e zum Umdenken gezwungen haben, so müssen wir die Bedeutung Henriette Goldschmidts mit dem Maßstabe ihrer Zeit und ihrer außergewöhnlichen Leistungen messen. Flse Cohn. ü Q mpfc'ifc mein reicnfiaN.get J?ai;er v: Jllwelei!, Uhreil, Golcl" § (c) u- Silbe vwnreii, feine Kristalle für Paten , 5 Geburtstags-, Bannizwah-, Verlobungs nnd £cipjig, 5>ittrid}ring 18. Hochzeitsgeschenke ± eHeuanfertigungeti H. 1/mai Teilungen von Sifimmtgegenftanden, [oicic Stepara- 2 turen alfer Jlr( irerden prompt, sauber und oiKigtf ausgeführt. » S. Erlbaum, «Juwelier Reichsstr. I8-20. Telefon 16375.