Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 10 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Jahrgang lassen? Weiß ich denn, was in den 24 Stunden sich noch ereignet? Konnte nicht etwas eintreten, was meine Absicht zunichte macht? — Dieser Gedanke, daß auch das ntlchste Erleben des Menschen ihm unbekannt ist, und daß mit einem Schlage alles in seinen Verhältnissen sich wenden kann, ist vielleicht ein besonders charakteristisches Stück der jüdischen Seele. Iis ist jüdisches Schicksal, keine Stetigkeit, keine ruhige Entwicklung zu erleben; Golusschicksal! In einer ganzen Zahl von Redensarten finden wir dieses jüdische Schicksal, diese übermächtige Besorgnis vor dein, was da kommt, kristallisiert. Die Erwähnung von etwas Üblem wird alsbald mit dem Wunsche begleitet, daß dieses Böse nie Wirklichkeit werde: Gott behüte, chaß w esc ho lein. Darin liegt dieses Zittern und Bangen der Seele vor einer schmerzlichen Zukunft. Und auf der anderen Seite äußert sich die Angst, daß ein erfreulicher Zustand abgebrochen werden könne, in dem unzählige Male angewandten ..unberufen-, „unbeschrieen". Wo immer das Gefühl sich reut, daß ..es so bleiben möge", wird diesem Wunsche durch den Zusatz „unberufen" Ausdruck gegeben. — So oft alle diese und ähnliche Wendungen auch gebraucht werden: mir die wenigsten machen sich Gedanken darüber, daß sie zum größten Teile durchaus nicht aus echt jüdisch-religiöser Gedankenwelt erwachsen sind, sondern aus jener falschen Religiosität, die aus fremdartigen Anschauungen ins Judentum eingedrungen ist. Es liegt in der menschlichen Natur, daß er ein Mißgeschick nicht still hinnimmt, sondern zu ergründen suchen möchte, wie das Übel, das er erleben mußte, entstehen konnte. Die neueren Forscher wollen auf diesen menschlichen Zug die Entstehung aller Religion zurückführen. Der primitive Mensch entwickelte eine reiche Phantasie in der Erklärung alles dessen, was an Widerwärtigkeiten ihm in den Weg trat. I berall sah er Mächte, die ihm hinderlich waren, die seine Arbeit nicht gedeihen ließen, die ihn stürzen machten, wenn er eilig war. die .-eine Felder heimsuchten, die ihm Krankheiten schickten, und so suchte er sich ihre Gunst zu erwerben durch seine Verehrung, seine Opfer und Gesdienke. I n Judentume wurde dieser Irrglaube schnell überwunden durch den Glauben an den einzigen, unsichtbaren Gott, der die Welt nicht nur ins Dasein rief, sondern sie auch in allem und allem leitet. Aber eine Deutung, die im Heidentume, im Aberglauben ihre Wurzel hat, hat sich in starkem .Maße auch in jüdische Anschauungen Hingang verschaffen können, weil Sie zu häufig ihre scheinbare Bestätigung fand: der Mensch beschwör! Unheil dadurch herauf, daß er etwas spricht ..Wenn man vom Löwen spricht, ist er in der Nähe." Nur selten denkt man. wenn mau diesen Satz spricht, an seinen ursprünglichen Sinn, der ganz anders war als der, in dem die Worte heute gebraucht werden. Tausendfach kann man im Leben die Beobachtung machen, daß irgend eine Unannehmlichkeit gerade dann eintrat, wenn man gerade eben von ihr gesprochen hatte. Der Lowe, der Bringer von Schrecken, der um sich herum Unruhe und Angst verbreitete, war gerade dann in den Bezirk der Menschen eingebrochen, als.man seiner erwähnt hatte. Was ist natürlicher, als daß man in diesem Zusammentreffen einen ursächlichen Zusammenhang annahm. Wenn ein Geschehnis auf ein anderes folgt, und eine innere Verbindung vermutet werden darf, so ist das spätere die Folge des früheren. Brach der Schrecken herein, nachdem man eben von ihm gesprochen hatte, so hat eben das Sprechen ihn erst hervorgerufen. Längst haben tiefer Denkende erkannt, daß die Gesetze von Grund und Folge nicht so primitiv angewendet werden können. Aber der einlache Mensch konnte sich zu dieser Einsicht nicht erheben. Dieser Glaube, daß durch das Aussprechen ein Unheil heraufbeschworen werden könne, ist ungewöhnlich tief im Geiste der Menschen in allen Völkern verwurzelt und hat Anlaß zu beschwörenden Redewendungen gegeben, mit denen mau das Nahen eines Übels, nachdem man davon gesprochen hat, zu verhüten denkt. ...Man soll den Teufel nicht an die Wand malen"; in den versdiiedensten Abwandlungen ist diese Lehre allerorten verbreitet. Das ist auch der ursprüngliche Sinn unseres jüdischen „unberufen", und so ist auch das Wort selbst entstanden: man würde gleichsam eine Wendung in der Lebenslage herbeirufen, indem man seiner Befriedigung über einen Zustand Ausdruck gibt; das Aussprechen der Gedanken könnte ungewollte Ursache eines kommenden Leides werden; darum beugt man vor durch den ausdrücklichen Wunsch, daß dem nicht so sein möge. Im biblischen Schrifttum finden wir keinerlei derartige Wendung. Sie ist erst in späterer Zeit im jüdischen Denken aufgekommen. Im Talmud aber zeigt sich die Anschauung in voller Ausbildung. Die Redensart: „c Ii will meinen Mund nicht zu Bösem auftun geht auf einer talmudischen Grundsatz zurück: rov1: va dik nnD'1 "tu c^iyV (Berach, (30 a). Der Lehrer Reschlakisch verbietet, daß man seinen Mund zu Bösem öffne. Aus dem gleichen Grunde wird an einer anderen Stelle gelehrt, man solle, wenn man von einer Krankheit befallen ist, den ersten Tag nichts darüber verlauten lassen, „damit man nicht sein Geschick verschlechtere". Wie starke Einwirkung man solchem Aussprechen auf die Gestaltung der Dinge zuschrieb, geht aus dem Satze hervor, daß die Verwirklichung von Träumen sich ganz nach der Deutung vollzieht, die jemand über sie gesprochen habe. Und es wird sogar ein recht eigenartiger Lall berichtet: ein greiser Lehrer habe einen Traum von allen 24 Traumdeutern in Jerusalem deuten lassen; sie haben die verschiedensten Deutungen gegeben: aber alle diese Deutungen sind eingetroffen: der sicherste Beweis dafür, daß Träume d i e Erfüllung haben, die ihnen die Deutung gebe. Es wird infolgedessen der Rat gegeben, daß man von seinen Träumen, besonders den bösen, überhaupt nicht sprechen soll; „ein Traum, der nicht gedeutet, ist wie ein Brief, der nicht gelesen wurde", er ist belanglos. Spricht man ihn aber aus und erfährt gar eine schlimme Deutung, so wird er leicht zur Wahrheit werden. — Und schließlich wird auch davor gewarnt, daß man einem andern gegenüber von einem Übel spreche, an dem man leidet: solches Sprechen könnte das Übel auf den andern übertragen. Dieser Anschauung verdankt die Redensart ihre Entstehung! „dem Stein sei's geklagt", nicht dem Menschen, zu dem man redet: oder der hebräische Ausdruck: yby oder D3,t?y x"? Stand es einmal fest, daß man durch Sprechen Unheil heraufbeschwöre, so war es selbstverständlich eine Versündigung, wenn man nicht darauf Bedacht nahm, sich selbst und anderen gegenüber. So bildeten sich Wendungen, in denen man jemandes Lob singen wollte, ohne ihn zu „berufen". „Es ist e newere, wenn man von ihm redet." Kein Wunder, wenn sich auch eine große Scheu entwickelte, Böses überhaupt auszusprechen. Geradezu komisch wirkt es, wenn jemand, statt zu sagen: geh' zum Teufel, ruft: geh' zu m Mag's-nit-saget Man möchte das Wort „Teufel" vermeiden, um ihn nicht zu zitieren; man hat dafür auch die Umschreibung angewandt; der hat den Schin teß in sich (wobei an das hebr. ]vv gedacht is! ü V). — Wo die Lehrer des Talmud solche Anschauungen übernommen haben, da waren sie darauf bedacht, sie in den jüdischen Gedankenkreis einzupassen. Es wäre ja purer Aberglaube, wenn man dem menschlichen Worte eine Macht zu- Einen fall gibt es, in dem fiie Feuermehr uersast! Wenn deine Fü(Je brennenl Willst du dies vermeiden, so trage Nordheimer-Stiefel