Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 8 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINIDEBLATT HER ISRAELITISCHEN REL1 f51ONSOEMETNDE, LEIPZIG I. Jahrgang An einer anderen Stelle muß sie nun aber von dem Falle berichten, daß ein 24jähriger Bekannter in Leipzig schwer erkrankte. Die jüdischen Meßbesucher pflegten in solchen Fallen, sobald sie nur einigermaßen reisefähig waren, Leipzig zu verlassen, um den Schwierigkeiten zu begegnen, die aus einem möglicherweise eintretenden Todesfalle erwachsen konnten. Mendel Speyer aus Frankfurt a M. aber verschied schon nach 7 8tägigem Krankenlager. ..Sein Schwiegervater ..... der auch in Leipzig war. hat nicht einmal gewußt, wie er ihn zu einem jüdischen Begräbnis bringen solle; denn es war damals sehr schlimm und gefährlich in Leipzig. Kurz — mit großer .Mühe und einflußreicher Vermittlung und vielem Geld haben sie es erreicht, daß man die Leiche wegbringen durfte. So haben sie die Leiche nach Dessau gebracht, welches die nächste jüdische Gemeinde von Leipzig war — es ist sechs Meilen von Leipzig entfernt. Das hat über 1000 Taler gekostet, und sie haben noch Gott gedankt, daß sie die Leiche aus Leipzig herausbekommen haben." — Man möchte das. was diesen Aufzeichnungen zugrunde liegt, kaum für glaubhaft erachten; daß Leichen, denen ein Begräbnis am Orte nicht bereitet werden kann, nur unter maßlosen Schwierigkeiten herausgegeben werden, daß für diese Freigabe so namhafte Beträge geleistet werden mußten — zum wenigsten möchte man darin starke Übertreibungen erblicken. Aber dem ist nicht so; was Glückele berichtet, findet in den noch vorhandenen urkundlichen Zeugnissen volle Bestätigung. Akten des Leipziger Ratsarchivs besauen darüber folgendes: Im Jahre 1679 wandten sich die Juden von Prag an den Kurfürsten von Sachsen mit dem Ersuchen, er möge bewirken, daß, wenn ein Jude in sächsischen Landen vom Tode befallen würde, die freie Wegführung der Leidie gestattet sei. Da es sich bei diesem Antraue nur um Juden handeln konnte, die zum Besudle der Messe nach Leipzig kamen, forderte der Kurfürst vom Rate einen Bericht ein. ob derartige Fälle schon vorgekommen seien, wie es dabei mit der Wegführung der Leiche gehalten worden sei. ob dafür etwas entrichtet werden mußte, und welche Bedenken gegen eine Genehmigung der Bitte der Brauer Juden geltend gemacht werden könnten. Die Antwort, die seitens des Rates darauf erteilt wurde, geht zwar von der Behauptung aus, daß bisher ein solcher Fall sich noch nicht ereignet habe: sie vertritt aber einen Standpunk:, der so ganz mit den Voraussetzungen jenes Gesuches übereinstimmt, daß man dieser Behauptung kaum Glauben schenken kann: zum wenigsten waren vom Kate Bestimmungen erlassen, die die Sorge der jüdischen Meßbesucher im vollen Umfange rechtlertiuten. Das Schreiben des Rates weist darauf hin, daß die Juden an den Rat den Antrag gestellt hätten, ihnen einen Ort zur Bestattung ihrer Toten anzuweisen oder, falls dem nicht Stattgegeben werden könne, die freie Wegführung der Toten zuzulassen. „Als Ungläubigen und Schändern unseres alleinseligmachenden Christlichen Glaubens" lehnte der Rat es ab, ihnen einen „ehrlichen Ort zum Begräbnis zu verstatten." Hinsichtlich der weiteren Bitte um Freigabe jüdischer Leichen wollte der Rat sich nicht binden. Fr schlug zwar das Ersuchen nicht ab, äußerte auch seine Meinung dahin, daß eine Verweigerung nicht angehe, sprach aber dem Kurfürsten unverhohlen aus, daß ersieh für berechtigt halte, des Verstorbenen hinterlassene Mobilien insgesamt zu beschlagnahmen und auch für die Wegschaffung der Leidie Gebühren an Zöllen und Geleiten zu erheben. Audi der Kurfürst hat offenbar dem Antrage der Prager Juden nidit stattgegeben; denn als 6 Jahre später (1685) in der Tat ein Todesfall erfolgte — eben jener Mendel Speyer aus Frankfurt a. M., von dem Glückele sdirieb —, wurde die Leidie seitens des Rates erst nadi Zahlung von 140 Talern herausgegeben. Wenn Glückele eine Summe von über 1000 Talern nennt, so sind darin wohl nicht nur die Kosten für die Überführung nach Dessau einbegriffen, sondern auch Beträge für die „einflußreiche Vermittlung" und vor allem der Wert der beschlagnahmten Waren. Drei Jahre später wurden bei einem 'Todesfalle (SO Taler als Gebühren erhoben, und noch im Anfange des 19. Jahrhunderts hielt der Rat an der Erhebung dieser Gebühren fest, wenn er audi hinsichtlich der Höhe Entgegenkommen zeigte. — Diese Schikanen, denen die Juden während der Messe ausgesetzt waren, standen in einem gewissen Gegensatze zu der Tatsache, daß die Juden im Grunde als unentbehrlich für die Messe galten. Schon in der Mitte des 13. Jahrhunderts war ihr Einfluß auf den Leipziger Handel als äußerst segensreich anerkannt worden; es wurde ihnen nachgerühmt, daß sie durdi ihren Eifer und ihre Geschäftigkeit der Leipziger Bürgerschaft den Handel nahegebracht hätten. So ist es verständlich, daß man sie zur Messe zuließ, obwohl ihnen seit ihrer Vertreibung aus Sachsen (1539) nicht allein der ständige Wohnsitz, sondern selbst der Durchzug aufs strengste untersagt war. Ihr Besuch bedeutete eine wesentliche Belebung des Meßgeschäftes. Aber — und das gab für die Obrigkeit den Ausschlag — sie boten nach den herrschenden Anschauungen eine höchst willkommene und einträgliche Steuerquelle. Außer den ihnen als Juden obliegenden Leibzoll-Oebühren hatten sie nach den Judenordnungen bedeutend höhere Waren-Hinfuhrzölle zu entrichten als die nichtjüdischen Meßbesucher. Fs ist aber doch ein betrübliches Zeichen jener Zeit, daß solche fiscalischen Erwägungen nidit einmal vor den Toten I lalt machten. Der Gedanke, daß vor der Majestät des Todes, wer auch immer sie erfahren mußte, der Lebende in Ehrfurcht sich beugen müsse, er hätte auch den Juden in den Stunden tiefsten Sdimerz.es sein Mitgefühl nidit versagen dürfen. Rabbiner Gustav Cohn. Aus unserer Gemeinde Talmudfälschungen Bei der gut besuchten Mitgliederversammlung des Centraivereins deutscher StaatsbUrgerjüdischen Olaubens, welche am Mittwoch, den 21. Oktober in den Kammermusiksälen des Centraitheaters stattfand, spradi Herr Ra bbiner Dr. Goldmann über das Thema: „Die Mural des Talmud nadi den Flugblättern von Theodor Frltsdl-Letpzig*. Atelier für Damenmoden /. Adler & Ch. Fabian Ilainftr. 16-18 Zimmer 21 Leipzig (Oßtrr. Htßhamt) Fahrftuhl Fern/precher Nr.%14106. Der Vortragende begann mit einer Darstellung des bekannten Fritsdi-Prozesses. Fritsdi hatte eine größere Summe demjenigen zugesagt, der ihm in seinen Schriften die Fälsdmng einer talmudisdien Stelle nachweisen könne. Der Syndikus des ermann föorrmanfD - - tUr\ren=Spe3iQ[-^e§cr\aft - - ^Peferssfr. 2 [äferfcner Durchgang] / gegr. 1888 /Äuf 27734 cmpfiefiff öftren in «£■ §>\lber feigene IDerfotati für sotide Reparatur.