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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1925-10-30 · 7 (30.10.1925) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
1 (1925)
Issue
7 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 5 diese Eigentümlichkeit preisgaben oder durch eine schwächliche Apologetik erkennen ließen, daß sie die Berechtigung des gegnerischen Standpunktes nicht leugneten. Jedenfalls standen und stehen bis weit in die Neuzeit hinein alle vom Christentum beherrschten Staaten zu der Lehre, daß die Erfüllung ethischer und sozialer Pflicht lediglich von dem freien, sittlichen Willen des Bürgers abhängt und daß der Staat sie nicht erzwingen kann. Der Umstand nun, daß auf diese Weise auch das unumgänglich Notwendige vernachlässigt wurde, zwang den modernen Kulturstaat, insbesondere die soziale Fürsorge der religiösen Sphäre zu entziehen und sie zu einer Aufgabe des Staates zu machen. Damit aber trug er sofort den Notwendigkeiten des Lebens Rechnung, und die Folge war, daß sich der Staat zum Gesetzlichkeitsprinzip in ethischsozialen Fragen bekannte. Feiertagsruhe, Krankenfürsorge, Versorgung von Witwen und Waisen, Erhaltung des Arbeiters in der Zeit des Alters oder der Arbeitslosigkeit, Pflichten, die der Gesamtheit obliegen, und die sie nicht erfüllt hatte, wurden durch Gesetze geregelt, wie einst in der Bibel und im Talmud. Und da kein ernsthafter Sozialpolitiker und Menschenfreund daran zweifelt, daß die Sozialgesetzgebung einen hervorragenden Kulturfortschritt darstellt, bedeutet sie einen ganz sichtbaren Beweis dafür, daß die Ideen des alten Judentums in geradezu genialerWeise die Wege wahrer Kultur gewiesen haben. Im Auf und Nieder der Geschichte kommen und vergehen Ideen und die sie tragenden Gemeinschaften. Ein klarer Maßstab ihres Wertes fehlt. Sie leben in ihrem Wirken, sie leben, solange sie wirken. Noch so gewaltige Wucht historischer Erinnerung ist ebensowenig wahres Sein wie noch SO starke äußere Machtmittel es sind. Und auch Zukunftssehnen und die Gewißheit der Erstarkung in kommenden Tagen bedeuten nicht das Lehen, wenn nicht die sie stützenden Ideen im Gegenwärtigen Einfluß üben und um die geistige .Macht ringen. Der Jude, der seine Gemeinschah wertet, sieht meist nur ihre von atembeklemmender Größe erfüllte Vergangenheit, er weidet sich an den herrlichen Hoffnungen ihrer Zukunft. Aber er fühlt ihre Gegenwart nicht, er zagt ob der inneren Verfallserscheinungen, deren Menge und Tiefe ihn erschrecken. Diesem von innen genährten Pessimismus gegenüber, den der rohe Angriffsgeist so weiter Kreise von außen her noch Steigert, wollten die hier flüchtig skizzierten Tatsachen erweisen, daß auch in unseren Tagen das Judentum als ein g e w a 11 i g e r Faktor der W e 11 k u 11 u r wirkt und daß jüdische Arbeit darum im höchsten Sinne Kulturarbeit ist. S£&m&J@i HodeS zu seinem 70. Geburtstag. Man sieht es dem rüstigen Mann mit dem jugendlich elastischen Schritte nicht an, daß er schon an der Schwelle des 70. Lebensjahres steht. Und wenn man gar einen kleinen Uberblick über das Tagesprogramm hat, das er jahraus, jahrein bewältigt, dann mag man es gewiß nicht glauben, daß eine solche Arbeitsleistung einem Manne in vorgerückten Jahren zugemutet werden kann. Samuel llodes ist Seniorchef eines bedeutenden I iauses, dessen Ansehen über das Weichbild unserer Stadt hinaus ein unbestrittenes ist. Schon die frühe Morgenstunde findet ihn an seinem Schreibtisch im Privatkontor, von dem aus er seinen ausgedehnten geschäftlichen Betrieb mit all seinen mannigfachen Verzweigungen lenkt und leitet. Die meisten Großindustriellen sind im Kontor ausschließlich Geschäftsleute, kennen dort nur finanzielle Erwägungen und sind für alle außerhalb ihres materiellen Gewinnes liegenden Dinge nicht zu sprechen. Herrn llodes Zeit aber wird selbst im Büro vielfach von Bittenden und Gesuchstellern in Anspruch genommen, und er findet selbst im Drange der (ieschafte, wenn die Kunden auf Bedienung warten, Muße und Geduld genug, sich mit den Anliegen der Hilfesuchenden zu beschäftigen. Li" \i ist stets zur Gewährung des Erbetenen geneigt ^i.Ci und leidet selbst am meisten unter der Ablehnung, wenn er sidi zu einer solchen gezwungen sieht. Den gleichen Standpunkt warmherzigen Mitgefühls vertritt Herr Hodes in der Notstandshilfe, im Wohltätigkeitsverein und wie die andern Organisationen, deren Vorständen er angehört, alle heißen mögen; überall folgt er am liebsten der Stimme des! lerzens. Das allseitige Vertrauen unserer jüdischen Mitbürgerschafl hat ihn vor etwa 2 Jahren zu dem hohen Amte des stellvertretenden Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinde berufen. Er war wie kein anderer für diesen Posten prädestiniert. Hatte er doch in schweren Zeiten der Gemeinde in großzügiger Weise beigestanden und ihr die schwierigste finanzielle Krise Uberwinden geholfen. Herr llodes vertritt im Gemeindevorstand das konservative überlieferte Judentum. Als Sohn eines strengfrommen westpreußischen Gemeindebeamten hat er die Kenntnis der Tradition und die Liebe zu ihr vom Elternhause ererbt, und so hat er sich die gewiß nicht leichte Aulgabe gestellt, innerhalb unserer ursprünglich liberal eingestellten Gemeindeverwaltung den Standpunkt der Orthodoxie zur Geltung zu bringen. Da er immei ein richtiges Augenmaß dafür hat, wie weit er in seinen Forderungen gehen darf, und stets die Politik des Erreichbaren verfolgt, so ist es ihm auch in fast allen hallen gelungen, seine Kollegen zu überzeugen und seinen Wünschen geneigt zu machen. Vor allem findet seine Unermüdlichkeit, seine Bereitschah /u jedem Opfer an Zeit. Geld und Gesundheit für das Interesse der Gemeinde allseitige Anerkennung. Noch ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst des Jubilars darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Samuel llodes gehört seit der Begründung dei Israelitischen Schule deren Kuratorium an. Seiner Aufopferung und 1 lilfsbereitschaft verdankt die Anstalt ihre Erhaltung bis zur Stunde. Und als gerade in der allerletzten Zeit sidi finstere Wolken über der Schule zusammenballten und ihre I :t/.te Stunde endgültig gekommen schien, da \ er, ohne afcJr sich Ruhe und Rast zu gönnen, die Mittel geschafft, auf daß das Gebäude seinem Zwecke erhalten bleibe. Die ungeheure Größe der Aufgabe hat ihn nicht geschreckt, vielmehr hat die Heiligkeit des Zweckes ihn begeistert und ihm die Kraft gegeben, beinahe von Haus zu Haus gehend, die Werbetrommel zu rühren; - und ist auch die Gefahr noch nicht überwunden, so gibt doch der verheißungsvolle Anfang der Arbeit, die der Jubilar im Interesse der Schule übernommen, ein Redit zu der Hoffnung, daß die Schule uns erhalten bleiben und ihr segensvolles Wirken wird weiter fortsetzen dürfen. Wahrlich, die Judenheil Leipzigs hat alle Veranlassung, den 70. Geburtstag von Samuel Hodes als einen Festtag der Gesamtheit zu begehen und den lieben G'tt zu bitten, daß Er die Tage dieses verdienstvollen Mannes verlängern möge. PBWl w "px"' 'n. C . . . h.

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