Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 7 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 GEMElNiPEBLATT DEB ISRAELITISCHEN RfcLIGIONSGEMETNDE, LEIPZIG Seite 3 ihn demgemäß behandelte, herumträgt, erhebt sieh langsam zu reinerer Höhe, verlübt seine allein auf das Individuum eingestellte Grundlage und wird zu einem Rechte der Völker. Schiedsverträge von internationaler Geltung, um dem steten Zurückgreifen auf die Waffengewalt zu steuern, Friedenskonferenzen dienten der Verständigung der Völker, trachteten danach, der Abrüstung eine Bahn zu weisen; und so furchtbar auch der Weltkrieg die Hoffnungen der Freunde der Einheit enttäuscht hat, er .uebar den Plan des Völkerbundes, der /war in seiner gegenwärtigen Gestalt ein recht unvollkommenes Instrument sein mag, der aber nicht mehr aus der Sehnsucht der Menschheil verschwinden kann. Im Ziele und im Wesen stimmt die Völkerbundsidee mit der politischen und im weiteren Sinne auch sittlichen Seite des jüdischen Messianismns Uberein: Einheit in allen äußeren Beziehungen, Einheil im sozialen Willen, Einheit von Wesen, die in allen anderen Menschen ebenbürtige und gleichberechtigte Geschöpfe Gottes achten! Diese Einheit gleicht aber keinesfalls dem Ideal eines Weltbürgertums, wie das achtzehnte Jahrhundert es schuf, das unter Verwischung, ja unter Vernichtung der Individualität der Menschen und der Völker ein seelisches Gleichsein anstrebte. Der judische Einheitsbegriff macht die Erreichung des messiauischen Idealzustandes vom menschlichen Willen abhängig, dem die Krafl der Entscheidung innewohnt. Und damit wird die Willensfreiheit zu einer Voraussetzung für die Kultur. Iis ergibt sich, klar ans der Geschichte der äußeren Menschheüskultur, daß nur jene Völker große I eistungen aufzuweisen haben, die nicht in ihrer Handlungsfreiheil durch Determinismus otkr Fatalismus gehemmt waren. May man auch manche Leistungen im Kulturleben der islamischen Völker noch so sehr schätzen, — es duldet keinen Vergleich mi* den Erfolgen derer, die nicht durch dogmatische Fesseln gehindert waren. Diese unbedingte Freiheil der Entscheidung, die gestärkt wird durch das Bewußtsein der Kraft, die ergänzt wird durch das Gefühl der Verantwortung, ist auf jüdischem Hoden erwachsen. Dem Judentum ist die unbedingte Willensfreiheit nicht philosophisches Problem, sondern religiöser Glaubenssatz. Und darum erfahrt er nirgends bleibende Kritik, nirgends Einschränkung. Das Christentum weist Ansätze zu solcher Einengung auf, denn die l ehre von der Erbsünde will auch im Hinblick auf die durch sie gehinderte Willensfreiheit gewertet werden. Unsere moderne Zeit hat einen anderen gewaltigen Vorstoß im gleichen Sinne aufzuweisen, denn die Rassentheorie, die des Menschen Willen durch das in seinen Adern fließende Blut bestimmt sein läßt, ist durch und durch deterministisch. Und wenn diese Rassentheorie sich gegen das Judentum wendet, so gilt das in einem ganz tiefen Sinne. Sie richtet sich nicht nur gegen das jüdische Blut, sondern gegen die jüdische Lehre von der Willensfreiheil. Ihre Kulturfeindlichkeit, die von allen ernsthaft denkenden und fühlenden Menschen anerkannt wird, bedeutet darum ein doppeltes. Sie liegt nicht nur in der willkürlichen und subjektiven Wertung der Arbeit derer, die man haßt. *-_, ■ M. Ritter. Elegantes * .;.; irwesen Fernsprecher 20798. Matthäikirchhof 32 sondern mehr noch in dem Ersätze des sittlichen, freien Willens durch blutmäßig bestimmte, in ewig feststehender Richtung wirkende L'rtriebe. Alle wirklich schöpferischen Kräfte lehren aber und beweisen durch ihr Werk, daß Kulturfortschritt nur auf dem Boden einer im Ursprung und im Ziel völlig voraussetzungslosen, ungehemmten Willensfreiheit erblUht, wie eben das Judentum sie lehrt. Wahres Lehen gewinnt die Willensfreiheit erst durch einen weiteren religiösen Glaubenssatz, der sie. die Voraussetzung der Kultur, durch den Glauben an das Ziel ergänzt. Dei jüdische Optimismiis will gleichfalls nicht als philosophische Streitfrage, sondern als sittliches Dogma erfaßt werden. Weniger handelt es sidi um das Problem des Wertes dieser Welt und die Möglichkeit einer besseren, sondern um die praktische Stellung zum Leben. Optimismus in diesem religiösen Sinne bedeutet den Glauben an die .Menschheit und an sidi selber, die aus jenem entspringende Lebensfreude, der auf diesem sich erbauende kräftige Lebensmut. Dieses Optimismus Quell ist das ludentum. Audi ihn atmet die messianische Idee, die das Glück der Zukunft aus freudiger Lebensbejahung und der eigenen sittlichen Arbeit der .Menschheit entstehen läßt. Die christliche Entwicklung ist andere Wege gegangen, und aus ihrem Anschauungskreise stammt das „irdische Jammertal". Gewiß ist in ihr ein Ausgleich dadurch geschaffen worden, daß der Schwerpunkt alles Lehens in das Jenseits verlegt und so der Optimismus für die künftige Welt gerettet wird. Kür das Diesseits ist sie aber keine grundlegende Macht. Im letzten Grunde rührt diese Verschiedenheit daher, daß das Christentum auf den Menschen schaut und das Judentum auf die .Menschheit. Wenn der Mensch nur in sidi Frieden sudit und vollendete Harmonie seines Wirkens, durch einen Abschluß gekrönte Arbeit. Glück nennt, muß er weit mehr, bei der Unzulänglichkeil der Dinge zum Pessimismus neigen, als wenn er sich als Glied einer Kette fühlt und die Fortschritte des Ganzen ais eigenen Lohn empfindet. Der Individualismus führt mit zwingender Folgerichtigkeil vom Optimismus fort, den nur eine vorwiegend sozial gerichtete Lebensanschaung verbürgt. Lud so wird es klar, warum die moderne Kulturidee an jüdische Gedanken anknüpft. Ihr ist die Gesamtheit alles, der Einzelne nichts. Sie verlangt freudigen Glauben an ihre Fortschritte, ob sie nun das Individuum erlebt oder nicht Mitgearbeitet zu haben, ist ihr höchstes Glück, Individualität und Persönlichkeit nur nach ihrer Einpassung in die Gesamtheit zu werten, ihre Kraft! Lud das Selbstbewußtsein des Dieners der moderneu Kultur entspricht der Größe des Anteils, den das Gesamtwerk ihm überläßt. Vom christlichen Standpunkte aus hat man oft daran Kritik geübt, daß insbesondere im Judenu Q mPf«'1'« mcin r«wfiha(ti$e« Poget in Juwelen, TJlireil, Q-Old- (£) u Silberwaraii. fein« Kristalle i.ir Paten-, Geburtstags-, Bariuizwah-, Verlo ungs und _, 5 Hochscitsß'esclienke ■ K Jj äteuonferligun^e i u 1iinar6ei(ut.ijen von S<{imucAijeg<nftdnd«n, fo'i'ie ftepara «. turn öfter i\rt uvrden rromp:, tauJ,r una fjfficf[ au»acfuhrl. - u * S. Erlbaum, Juweüer Rcichsstr. 13-20. Telefon 16375. 3. Schau- und Werbesdiwimmfest — der .Schwimmabteilung Bar Kodiba — im Carolabad am Sonntag, den 1. November, Beginn 3 Uhr Start von Friiz Wiesel und Julius Balasz vom Hagibor-Prag Abends 8 Uhr im Blauen Saale des Kristallpalastes Geselliges Beisammensein Kapelle Bl nk-While > Konteiencier: Ericfi Juhn